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Fokus Osteuropa

Ambivalente Geschichtspolitik in Armenien

Formal sind in Armenien Kriegsgefangene und Veteranen rechtlich gleichgestellt. Doch wie in der Sowjetzeit sind auch im heutigen Armenien nur die ruhmreichen Erinnerungen der Veteranen des Zweiten Weltkriegs erwünscht.

Eine Gruppe armernischer Soldaten (Foto: DW)

Veteranen sollen Soldaten Vaterlandsliebe lehren

Wahen steht stolz auf seinem kleinen Balkon eines baufälligen Jerewaner Plattenbaus. Er hat ein Ziel vor Augen: Er möchte der älteste Mensch der Welt werden. Dafür hält er streng vegetarische Diät und macht täglich Yoga. Ein erstaunlicher Lebenswille für einen Mann, der zu den wenigen noch lebenden Armeniern gehört, die während des Zweiten Weltkriegs in deutscher Kriegsgefangenschaft und darauf im sowjetischen Gulag waren. Über drei Millionen Rotarmisten starben in deutscher Kriegsgefangenschaft. Von 600.000 armenischen Soldaten fiel etwa die Hälfte im Krieg.

Wahen, ehemaliger armenischer Kriegsgefangener (Foto: DW)

Wahen: nach deutscher Gefangenschaft kam der Gulag

In der Sowjetunion hatte sich nach dem Krieg eine Zweiklassen-Erinnerungskultur herausgebildet, die den siegreichen Veteranen öffentlich verherrlichte und das Leid von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und Zivilisten aus okkupierten Gebieten dem nach außen abgeschotteten privaten Gedächtnis überließ. Diese ambivalente Geschichtspolitik setzt sich im heutigen Armenien unter anderen Vorzeichen fort, insbesondere im Kontext des Berg-Karabach-Konflikts mit Aserbaidschan.

Im Laufe des Zerfalls der Sowjetunion erklärte sich Berg-Karabach, das mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohnt war, 1991 von Aserbaidschan unabhängig. Daraufhin entbrannte ein blutiger Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien, der 1994 durch ein Waffenstillstandsabkommen beendet wurde. Seither gilt Berg-Karabach, das von Armenien und der Diaspora unterstützt wird, als eingefrorener Konflikt.

Noch lebende Opfer berichten

Doch Berg-Karabach ist auch ein Konflikt um die Geschichte des aserbaidschanischen und armenischen Volkes. Nicht kanonisierte Lebensgeschichten passen da nicht ins Bild, weil sie schlecht instrumentalisierbar sind, so wie die von Wahen. Er wurde 1920 in Konstantinopel geboren. Wie viele Armenier, die dem Völkermord im Osmanischen Reich entkommen konnten, dem 1915/1916 mindestens 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen, wuchs Wahen in seiner historischen Heimat Armenien auf, die inzwischen Teil der Sowjetunion geworden war. Als 21-Jähriger wurde er 1941 wie Hunderttausende Rotarmisten in der Kesselschlacht um Kiew gefangengenommen.

Bis zu seiner Befreiung im Mai 1945 durch amerikanische Einheiten verrichtete er Zwangsarbeit in einem Gusseisenwerk in Ludwigshafen. Doch die Freiheit sollte nicht lange währen, denn auf Stalins Befehl hatte es in der Sowjetunion keine Kriegsgefangenen zu geben. Als "Volksfeind" musste Wahen zehn Jahre lang im sibirischen Uchta im Gulag schufen. "Das war die Hölle. Wenn Stalin nicht verreckt wäre, wäre ich nicht heimgekehrt", erinnert sich Wahen.

Aren Arakelian, ehemaliger Kriegsgefangener (Foto: DW)

Aren Arakelian: Gefangenschaft blieb ein Schandmal

Aren Arakelian widerfuhr ein ähnliches Schicksal: "Dieses Schandmal - die Gefangenschaft - blieb immer an mir hängen, egal was ich tat", erinnert sich der 90-Jährige, der in Wanadsor, Armeniens drittgrößter Stadt, lebt. Er geriet 1942 auf der Krim in deutsche Gefangenschaft, wurde nach Frankreich deportiert und in die armenische Legion zwangsrekrutiert, um Schützengräben auszuheben. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wurde er dann bis 1956 nach Baschkortostan, westlich des Urals, in die Verbannung geschickt.

Nur ruhmreiche Erinnerungen

Simon Esaian, Vorsitzender der Union armenischer Veteranen des "Großen Vaterländischen Krieges", meint, verwertbar seien für ein Armenien, das sich heute im "Kriegszustand" mit Aserbaidschan befinde, aber nur ruhmreiche Erinnerungen der echten Veteranen des Zweiten Weltkriegs. Die Tätigkeit der Veteranenorganisation sei als "militärisch-patriotische Aufklärungsarbeit" im Kontext der Karabach-Frage zu sehen: "Unsere Bildungsarbeit richtet sich vor allem an die heutige Jugend. Das hat gar nichts mit Deutschland oder mit der Sowjetunion zu tun. Eine solche Tätigkeit sollte es immer geben, selbst wenn es keinen Krieg gibt, aber Armenien befindet sich gerade im Kriegszustand."

Gerasim Arutjunian und Simon Esaian von der Union armenischer Veteranen (Foto: DW)

Gerasim Arutjunian und Simon Esaian von der Veteranenunion

Oberst Gerasim Arutjunian, aktives Mitglied der Veteranenunion und einer der am höchsten dekorierten noch lebenden Veteranen Armeniens, wird häufig eingeladen, um vor Wehrdienstleistenden über seine rumreichen Erinnerungen zu sprechen. "Ich erzähle dort, was das Wichtigste ist: Vaterlandsliebe, Disziplin, gegenseitiger Respekt, alle Waffen beherrschen, sich an die Militärdisziplin halten, in Bereitschaft sein", so der Oberst, der aktiv an der Schlacht um Berlin teilgenommen hatte.

Unter dem Existenzminimum

Rechtlich sind ehemalige Kriegsgefangene in Armenien den Veteranen gleichgestellt. Sie haben ein Anrecht auf eine zusätzliche Kriegsrente in Höhe von umgerechnet 40 Euro, bei einer durchschnittlichen Grundrente von umgerechnet 52 Euro. Doch Ruben Martirosian, Leiter der Sozialabteilung des armenischen Roten Kreuzes, hält die Lage der armenischen Kriegsteilnehmer dennoch für bedenklich: "Die soziale Lage entspricht derer alter Menschen insgesamt in Armenien. Deren Lebensstandard lässt schwer zu wünschen übrig. Viele leben lediglich von der Rente, die aber unter dem Existenzminimum liegt."

Kritiker werfen dem Staat vor, sich an die essentiellen Bedürfnisse der Veteranen nur von Feiertag zu Feiertag zu erinnern. So müssten in Gyumri und Spitak, 22 Jahre nach dem schrecklichen Erdbeben, das über 25.000 Menschen das Leben kostete, immer noch Veteranen in Behelfscontainern leben, obwohl von der Regierung neuer Wohnraum versprochen wurde.

Auf seinem Balkon wird Wahen melancholisch, er sinniert über das 65. Jubiläum des "Tag des Sieges", das 2010 in vielen ehemaligen Sowjetrepubliken mit Paraden und Banketten begangen wurde. Wahen verbrachte ihn im kleinen Kreis: "Der 9. Mai ist der Geburtstag meiner Frau. Wir feierten den Tag wie alle anderen auch."

Autor: Fabian Burkhardt

Redaktion: Markian Ostaptschuk/ Fabian Schmidt

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