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Amerika

Amazonas-Brandrodung nicht gestoppt

Obwohl Brasiliens Regierung angekündigt hatte, gegen die massive Brandrodung im Amazonas-Gebiet vorzugehen, sieht die Realität immer noch traurig aus: Rund um Manaus verbrennen die Wälder, die Regierung sieht zu.

Frische Brandrodung (Foto: dw)

Rund um Manaus werden die Regenwälder abgefackelt

Hafen von Manaus (Foto: dw)

Der Hafen von Manaus

Die Millionenstadt Manaus mitten in Amazonien zählt zu den interessantesten Orten Brasiliens. Menschengewimmel, belebende Straßenmusik und schreiende Sektenprediger, schwüle Hitze von 38 Grad. Im pittoresken Hafen vertilgen Schwärme von Aasgeiern stinkende Fleisch- und Fischabfälle der Markthalle oder Essensreste. Doch über die exotische Szenerie wabert immer wieder ätzender, Krebs erzeugender Qualm, der von Brandrodungen rund um Manaus stammt.

"Flammen der Dummheit"

Besonders viele Feuer lodern auf der anderen Seite des breiten Stroms. Mit einem Bootstaxi ist man schnell drüben und spürt den Gluthauch jener "zerstörerischen Flammen der Dummheit", die José Bonifacio, Freund des deutschen Naturforschers Alexander von Humboldt und ein Vorkämpfer der Unabhängigkeit Brasiliens, schon 1780 anprangert. In der alljährlichen Trockenperiode von Juni bis Oktober, in der die meisten Brände gelegt werden, verbrennen so lebendig Millionen von Tiere, besonders Jungtiere und Jungvögel, die nicht fliehen können.

Brandrodungsfeuer, so die Agrarexperten, töten aber auch die nützlichen Mikroorganismen des Bodens ab. Ein Großteil der Nährstoffe wird zu Rauch, der Boden ist für die Landwirtschaft nicht lange nutzbar. Nach nur etwa drei Jahren geben solche Flächen gewöhnlich nichts mehr her, so dass erneut Urwald abgefackelt wird.

Naturschützer in Gefahr

André Muggiati, Greenpeace (Foto: dw)

André Muggiati, Greenpeace

Wer etwas gegen diese sinnlose Umweltzerstörung tut, lebt gefährlich: Immer wieder werden in Amazonien auch kirchliche Umweltaktivisten ermordet - wie 2005 die nordamerikanische Urwaldmissionarin Dorothy Stang. In Manaus trägt das mehrstöckige, durch Stahlgitter abgeschirmte Greenpeace-Forschungszentrum deshalb keinerlei Namensschild, kein Poster. Man muss durch eine Sicherheitsschleuse, wird vom Wachpersonal überprüft und fotografiert.

Umweltexperte André Muggiati hat selbst hier den Rodungsqualm in der Nase: "Ideal wäre, Landwirtschaft wie in Europa ohne Feuer zu betreiben, denn natürlich ginge das auch in Amazonien. Aber in Brasilien sind diese Brandrodungen nun einmal Teil der Kultur des Volkes. Die Asche soll den Boden düngen - doch in Wahrheit wird er immer unfruchtbarer", erklärt er. Außerdem bewirke der Rauch den Treibhauseffekt: "Die Abholzung ist Hauptursache der Treibhausgase aus Brasilien. Das Land ist daher der viertgrößte Luftvergifter der Welt - nach Indonesien, China und den USA." Denn neben den Rodungen fackelt Brasilien täglich auch noch Millionen von Kubikmetern Naturgas ab, wie die Presse berichtet.

Sinnlose Weideflächen

Brandrodung (Foto: picture-alliance)

Noch ist die Brandrodung in vielen Regionen der Welt nicht gestoppt

Mit dem Boot geht es den Rio Negro hinauf, dorthin, wo Vieh meist für den Export gezüchtet wird. Doch auf den enormen Weideflächen sieht man nur ganz verstreut einige Rinder. Dafür aber viele verkohlte Baumstümpfe, die an die Brandrodungen erinnern. "Viehzucht wird hier nur sehr uneffizient betrieben", so Umweltexperte Muggiati. "In Amazonien kommt auf einen Hektar Weidefläche statistisch nicht mal ein Rind. Auf 10000 Hektar stehen also höchstens 10000 Tiere - das ist doch Wahnsinn! 70 Millionen Rinder weiden derzeit in Amazonien - und 80 Prozent der abgeholzten Flächen werden für diese Art von Viehzucht genutzt."

Der Staat beteiligt sich am dunklen Geschäft

So kommen bei der schlechten CO2-Bilanz Brasiliens zu den Brandrodungen auch noch die klimaschädlichen Methan-Ausscheidungen der Millionen Rinder hinzu. Brasilien wurde zum größten Rindfleischexporteur der Welt, weil die Regierung das Wachstum und die internationale Expansion der Viehindustrie auch noch mit staatlichen Entwicklungsgeldern subventionierte und an den Firmen beteiligt ist. Umweltexperte André Muggiati steht dieser Zusammenarbeit sehr kritisch gegenüber: "Die perverse Partnerschaft führt zu noch mehr Urwaldzerstörung und Sklavenarbeit. Denn Sklavenarbeiter werden vor allem zum Abholzen eingesetzt. Angestellte der Viehfarmen essen oft gar kein Fleisch, weil sie nicht genug verdienen, um es zu kaufen. Und hier in Manaus haben wir viel Hunger, Misere und Armut."

Frau in Manaus (Foto: dw)

Die Menschen leben unter ärmlichen Bedingungen

Von den über zwei Millionen Bewohnern Manaus hausen drei Viertel in Slums. Gewalt sei an der Tagesordnung, schildert Manaus-Bischof Pasqualotto. Gerade wurde ein italienischer Priester ermordet, ein Bischof der Region entführt. Die allermeisten Täter sind Drogensüchtige, kennen keinerlei Respekt und töten hemmungslos. Es fehlt den Menschen am Nötigsten - und alle leiden zusätzlich unter der immer schlimmeren Hitze, die drückend über der Stadt liegt.

Klimawandel deutlich spürbar

Denn Amazonien spürt bereits den Klimawandel. Und mehr Hitze fördere wiederum das Absterben der Tropenbäume, sagt Edwin Kayser aus Holland, der bei Greenpeace die Satellitenfotos auswertet. Kayser entdeckt darauf nicht nur Brandrodungen, sondern auch die Ungereimtheiten offizieller Umweltpolitik. So macht Brasilien zwar immer mehr Regenwälder zu Schutzgebieten, Theorie und Praxis klafften jedoch weit auseinander, so Kayser: "Naturschutzgebiete werden zwar öffentlich deklariert, aber dann meist gar nicht eingerichtet, stehen nur auf dem Papier. Vor Ort merkt niemand etwas davon, es gibt nicht mal Schilder."

Die meisten Grundbesitzurkunden Amazoniens seien gefälscht, erklärt Kayser. Viehzüchter, Siedler und Großagrarier begingen schlichtweg Bodenraub - und der Staat sehe seit Jahrhunderten einfach zu. Hohe Korruption und fehlende Rechtsstaatlichkeit machten dies möglich. Wer bis zu 1500 Hektar Staatswald illegal besetze, bekomme jetzt sogar eine Besitzurkunde vom Staat. Ein Desaster, weil es weitere illegale Waldzerstörung stimuliere, sagt der Greenpeace-Experte.

Landlose holzen Regenwald ab

Ureinwohner tanzen (Foto: dw)

Den Ureinwohnern wurde ihr Lebensraum genommen

Der renommierte brasilianische Umweltexperte Roberto Smeraldi kritisiert, dass die Regierung von Staatschef Lula bisher 2,2 Millionen Landlose ausgerechnet in Amazonien angesiedelt habe, die ebenfalls abholzen. "Diese Leute sind Arme aus den südlicheren Städten und haben zu dieser Region überhaupt keine Beziehung. Anstatt ihnen mit Sozialpolitik und Arbeitsplätzen zu helfen, will man sie loswerden und katapultiert sie weit weg dorthin, wo der Boden ganz billig ist. 94 Prozent von Lulas Agrarreform-Ansiedlungen sind in Amazonien!" Manaus beispielsweise ist von Rio de Janeiro immerhin mehr als 4000 Kilometer entfernt.

Die Versprechen des Präsidenten zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen nennt Smeraldi reine Rhetorik. Auch den in Brasilien kurz vor der Kopenhagen-Konferenz groß gefeierten Rückgang des Abholzungstempos beurteilt Smeraldi hauptsächlich als ein Resultat der Wirtschafts- und Finanzkrise: Viele Schlacht- und Kühlhäuser seien geschlossen worden, die Preise für Amazonasprodukte gesunken. Da sei es leicht, von deutlich niedrigeren Abholzungsraten zu sprechen, so Smeraldi.

Autor: Klaus Hart

Redaktion: Anna Kuhn-Osius