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Amerika

Amazonas bald eine Wüste?

Sollte die globale Erwärmung ungebremst weiter gehen, hätte das dramatische Auswirkungen auf Lateinamerika.

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Der Klimawandel könnte zur Versteppung des Amazonasurwalds führen

Nach wochenlangen Regenfällen stand der Nordosten Brasiliens Ende Mai unter Wasser. Eine Million Menschen in der sonst von Trockenheit geprägten Region waren von der Hochwasserkatastrophe betroffen, Hunderttausende haben ihre Häuser und Dörfer verlassen – viele von ihnen konnten zunächst von Verwandten aufgenommen werden.

Die Umweltkatastrophe, ausgelöst durch ungewöhnlich starke und lang anhaltende Niederschläge, könnte ein Vorbote sein für das, was auf Lateinamerika zukommt, sollte die globale Erderwärmung nicht schnell gebremst werden können.

Weltwassertag, World Water Day 2008

In den Armenvierteln von Lima ist das Trinkwasser schon heute knapp

Regenwald von Austrocknung bedroht


Dirk Messner, der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungsforschung, entwirft eine alarmierende Prognose für die Region: "Bei einer Temperaturerhöhung im Laufe dieses Jahrhunderts über drei Grad hinaus ist die Wahrscheinlichkeit, dass das gesamte Amazonasgebiet kollabiert und austrocknet sehr groß. Der gesamte Wasserhaushalt Lateinamerikas würde in Gefahr geraten." Das Amazonasgebiet gilt nicht nur als die grüne Lunge des Planeten, es ist auch das Wasserreservoir für ganz Lateinamerika. Eine Versteppung des Amazonasregenwaldes hätte dramatische Auswirkungen auf die Region.


Die zweite große Süßwasserquelle für die Metropolen Lateinamerikas sind die Andengletscher. Weltweit stammen 60% der Trinkwasserversorgung aus Gletschern. Die peruanische Hauptstadt Lima mit ihren sieben Millionen Einwohnern bezieht 90% ihres Trinkwassers aus den Gletschern der Andenkette. Allein in den letzten 30 Jahren sind diese Eismassen um 35% geschrumpft. "Bei einer Temperatursteigerung von drei bis vier Grad könnten diese Gletscher bis Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein", so die Prognose von Dirk Messner.


Trinkwasserversorgung bedroht


Lima liegt an der Küste und ist von Wüste umgeben. Alternative Trinkwasserreserven für die Millionenstadt gibt es nicht. Für Dirk Messner ergeben sich daraus eine Reihe von sicherheitspolitisch relevanten Fragen. "Wie kriegen wir da Wasser nach Lima? Was kostet es, diese langen Leitungen finanzieren zu müssen? Was würde es kosten, Wasser zu entsalzen?" Doch bedrohlicher noch als die Kostenfrage stellt sich für Messner noch ein anderes Szenario dar: "Wo gehen die Menschen aus Lima hin, wenn sie sehen, dass das Wasser knapp wird?"

Überflutung, Trinidad Nordbolivien

Überschwemmungen vernichten wertvolle Ackerflächen

Weltweit gibt es 30 bis 40 Großstädte und Metropolen, die vor dem gleichen Problem wie die peruanische Hauptstadt stehen. Als Folge der Wasserknappheit rechnen Experten mit massiven Migrationsbewegungen, die zur Destabilisierung ganzer Länder führen könnten.


Die Wasserknappheit bedroht die Stabilität von Gesellschaften und Staaten gleich doppelt: Zum einen ist dadurch die Trinkwasserversorgung gefährdet. Doch auch die Landwirtschaft wird unter dem Wassermangel leiden. Eine geringere landwirtschaftliche Produktion bei gleichzeitig steigenden Bevölkerungszahlen bedroht mittelfristig die Ernährungssicherheit in der Region. Wetterextreme wie Hitzeperioden und Starkregenfälle werden besonders den Süden des Kontinents treffen. "Durch die Hitzewelle verkarstet der Boden", erläutert Dirk Messner vom DIE. "Der Boden wird hart wie Beton, so dass das Regenwasser nicht mehr aufgesogen werden kann. Die Niederschläge führen dazu, dass die fruchtbaren Bodenschichten abgetragen werden, das Land degradiert."


Klimaschutz ist Sicherheitspolitik


In der Summe sieht Messner die klassische Sicherheitspolitik durch den Klimawandel bedroht. Wasserknappheit, Umweltkatastrophen durch Dürre und Überschwemmungen und Lebensmittelmangel könnten Migrationsbewegungen auslösen, die die Stabilität einzelner Länder gefährden. Auf diese Herausforderungen gebe es keine militärische Antwort, so der Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. Messner erwartet von der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember einen weltweiten Fahrplan zur Reduzierung von Treibhausgasen. "Wir brauchen als zweiten Schritt eine globale Bepreisung der Treibhausgasemissionen. Es muss ein Kohlenstoffmarkt eingerichtet werden, auf dem Zertifikate gehandelt werden müssen für Treibhausgasemissionen. Diejenigen, die viel emittieren müssen, zahlen, diejenigen, die wenig emittieren, müssen nichts zahlen, sie können sogar Geld einnehmen."


90% der weltweiten Energiequellen basieren auf Öl und Kohle. Wenn es bis Ende dieses Jahrhunderts nicht gelingt, die Weltwirtschaft größtenteils auf CO2-freie Energiequellen umzustellen, und die globale Erwärmung auf zwei bis drei Grad zu begrenzen, dann sei der Klimawandel mit all seinen sicherheitspolitischen Risiken nicht mehr aufzuhalten, so Messner.

Autorin: Mirjam Gehrke

Redaktion: Oliver Pieper

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