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Kultur

Amazon prescht weiter voran

Durch immer neue Vorstöße verändert der Onlinehändler auf radikale Weise den Buchhandel. Mit einer E-Book-Flatrate baut Amazon gerade sein Monopol als Händler aus. Doch die Bestrebungen des Giganten reichen weiter.

Aus dem Amazon-Labor in den USA kommen immer erstaunlichere explosive Mischungen. Die neueste Idee ist eine E-Book-Flatrate: Für monatlich 9,99 Dollar (rund 7,40 Euro) können amerikanische Kunden seit einigen Tagen aus einem Katalog von über 600.000 Titeln auswählen. Für Vielleser mag das vordergründig nach einem wunderbaren Angebot klingen. Denn für den Betrag erhält man sonst allenfalls ein einzelnes Taschenbuch.

Für den übrigen Buchhandel indes könnte die Offerte desaströse Folgen haben. Denn der Gang in die Buchhandlung wird so unwahrscheinlicher; E-Books profitieren, gedruckte Bücher hingegen geraten unweigerlich ins Hintertreffen. Das Angebot, das unter dem Slogan "Kindle unlimited" zunächst nur für Kunden von amazon.com gilt, wird wohl über kurz oder lang auch in Deutschland starten, den nach dem amerikanischen wichtigsten Buchmarkt weltweit.

Kein Schutz durch Preisbindung

Symbolbild Amazon Deutschland Streik (Foto: Getty Images)

Auch schlechte Presse kann Amazon nicht stoppen

Das Preisbindungsgesetz jedenfalls lässt – anders als manch einer vermutet haben mag – nach Auskunft des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Abomodelle wie Kindle unlimited zu, denn die Preisbindung findet nur beim Verkauf von Büchern Anwendung. Schwieriger mag es da für Amazon sein, einen attraktiven Katalog zu präsentieren. Denn welche Titel in der Flatrate angeboten werden können, wird von der Bereitschaft der Buchverlage abhängen, mit Amazon bei dem neuen Projekt zusammenzuarbeiten. Die Beziehung zwischen beiden Seiten jedenfalls ist längst nicht frei von manifesten Irritationen und unschönem Streit.

Nicht umsonst hat Amazon-Chef Jeff Bezos sein Verhältnis zu Buchverlagen einmal in markigen Worten beschrieben: "Wir werden sie jagen wie Geparden es mit Gazellen tun." In seinen Bestrebungen, den Buchmarkt, wie wir ihn kennen, radikal zu verändern, unternimmt Amazon immer neue Anläufe und dabei scheint fast jedes Mittel recht. Längst schon setzt der Internetgigant seine marktbeherrschende Position dazu ein, in Verhandlungen mit Verlagen wo immer möglich die Konditionen einseitig zu bestimmen. Wer sich widersetzt, muss damit rechnen, drastisch abgestraft zu werden.

Gigantisches Monopol

In den USA beherrscht Amazon rund 60 Prozent des E-Book-Marktes, alles in allem wird dort jedes dritte Buch (gedruckte Titel also eingeschlossen) über die Onlineplattform veräußert. In Deutschland, wo es noch flächendeckend Buchläden gibt, werden immerhin 20 Prozent des Handels (und die Hälfte des E-Book-Geschäfts) von Amazon beherrscht. Das führt nicht selten zu einiger Arroganz im Geschäftsgebaren. Und darunter leiden gerade jetzt Verlage in den USA und in Deutschland.

Paket des Versandhändlers Amazon auf dem Förderband (Foto: Reuters)

Amazon droht den Verlagen, die nicht mitspielen wollen, mit Zwei-Klassenlieferung

Hierzulande sind Verlage wie Ullstein, Piper oder Carlsen ins Visier von Amazon geraten. In den USA zielt das Unternehmen auf die Hachette Book Group, die zu den sogenannten Big Five gehört. Es geht einmal mehr darum, ein Exempel zu statuieren. Statt der üblichen 30 Prozent verlangt Amazon 50 Prozent Rabatt bei E-Books. Diese Marge gilt bislang jedoch lediglich für gebundene Bücher. Weil sich die genannten Verlage dem Konditionendiktat von Amazon nicht fügen wollen, werden ihre Titel mit großer Zeitverzögerung ausgeliefert. Das kommt einem Boykott gleich.

Druck der Aktionäre

Dass Amazon sich zumindest vorübergehend auch selbst schadet, nimmt der Konzern in Kauf. Dabei wird der Druck der Aktionäre des Onlinehändlers wohl zunehmen, nachdem das Unternehmen zuletzt erneut hohe Verluste hinnehmen musste und der Kurs der Aktie um zehn Prozent einbrach. Doch Jeff Bezos blieb von derlei Rückschlägen bislang noch stets unbeeindruckt, dem rasanten Wachstumskurs wurde schlichtweg alles untergeordnet.

Im Weltbild des Managers ist die gewachsene Buchkultur ohnehin wenig wert, Verlage sind überflüssig. Aus seiner Sicht drängen sie sich nur zwischen den Autor und den Leser. Er würde sie am liebsten abschaffen. Seine Idealvorstellung lässt er immer wieder durchblicken: Auf der einen Seite die Kreativen, die schreiben, auf der anderen Seite die Käufer, die lesen und dazwischen einzig Amazon. Längst versucht der Onlinehändler daher auch, auf verlegerischem Feld voranzukommen.

Schriftstellerprotest

iPad mit Bücherwand auf dem Bildschirm (Foto: picture-alliance/dpa)

Seit es Tablets gibt, rüstet Amazon seinen E-Reader Kindle immer weiter auf

Aber so recht ist das bisher nicht gelungen. Es ist doch recht dürftig, was da überwiegend erscheint. Titel aus dem Self-Publishing-Bereich von Amazon werden folglich im übrigen Buchhandel kaum ernst genommen. Und Schriftsteller sind bislang nicht reihenweise von renommierten Verlagen zu Amazon übergelaufen, obschon sie mit lukrativen Konditionen gelockt werden. Im Gegenteil, mehr als 1000 Autoren, darunter so prominente Namen wie Paul Auster, Donna Tartt, John Grisham und Stephen King, unterzeichneten kürzlich einen Protestbrief gegen die Preispolitik von Amazon.

Umso mehr lässt jetzt das Gerücht aufhorchen, dass Amazon den amerikanischen Verlag Simon & Schuster, der ebenfalls zu den Großen in den USA gehört, kaufen will. Abwegig ist der Gedanke keineswegs. Bezos hat unlängst erst die "Washington Post" übernommen. Und dazu erklärt, es sei ein Experiment auf unbekanntem Terrain. Eine Übernahme von Simon & Schuster hätte ebenfalls Versuchscharakter. Doch sie würde Jeff Bezos seinem Ziel entscheidend näher bringen: Nicht allein der führende Händler zu sein, der seine Kunden exzellent bedient, sondern auch als Verleger zu reüssieren und so womöglich doch noch zu einer ernst zu nehmenden Adresse für Autoren zu werden.

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