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Asien

Am Tropf der Geber

An der politischen Entwicklung und der inneren Sicherheit Afghanistans hängt auch seine wirtschaftliche Zukunft. Bislang war Kabul vollständig von Entwicklungshilfe abhängig, eine Änderung kann nur graduell erfolgen.

Mit dem Sturz des Taliban-Regimes und der Einsetzung einer neuen Regierung unter Hamid Karsai begann eine deutliche wirtschaftliche Erholung des Landes, das nach über zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg am Boden lag. Ein Aufschwung allerdings, der überwiegend von ausländischer Entwicklungs- und Finanzhilfe getragen wurde und wird.

Seit 2002 hat das Ausland gewaltige Summen in den institutionellen Aufbau des Landes gesteckt, die USA allein rund 100 Milliarden US-Dollar an nicht-militärischer Hilfe. Nach Angaben der Weltbank flossen im Jahr 2010 15,7 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfegelder aus den verschiedenen Geberländern nach Afghanistan, was fast 100 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes entsprach.

Dank der ausländischen Geldströme ist die afghanische Wirtschaft zwischen 2002 und 2012 jährlich um rekordverdächtige neun Prozent gewachsen, von 2,4 Milliarden auf rund 20 Milliarden US-Dollar. Ein Wachstum, das unter anderem bedeutende Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitswesen und der Trinkwasserversorgung ermöglicht hat.

Kehrseite des Aufschwungs

Mann mit Schubkarre in Kabul (Foto: AP)

Warten auf Arbeit in Kabul

Die Kehrseite ist die Abhängigkeit des Landes von Auslandshilfe, nach Angaben der Weltband einer der höchsten aller Länder im Vergleich zur Wirtschaftsleistung. 60 Prozent des Staatshaushalts sind von einer Finanzierung aus dem Ausland abhängig.

Trotz der massiven Entwicklungshilfe ist Afghanistan weiterhin eines der ärmsten Länder, mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 680 US-Dollar im Jahr. Rund die Hälfte der Bevölkerung verfügt weder über angemessenen Wohnraum noch Stromversorgung, die Arbeitslosigkeit beträgt 25 Prozent.

Ob Afghanistan das bisher Erreichte sichern und darauf aufbauen kann, hängt nicht zuletzt von der weiteren Präsenz ausländischer Truppen ab. Die USA – und andere NATO-Länder in geringerem Umfang - planen, auch nach dem Truppenabzug 2014 bis zu 10.000 Soldaten zur Terror-Bekämpfung und Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte im Land zu stationieren. Der scheidende Präsident Karsai weigert sich jedoch, ein entsprechendes bilaterales Abkommen mit den USA zu unterzeichnen, Voraussetzung für die weitere Präsenz amerikanischer und anderer Truppen.

Unsicherheit der Übergangsphase

Demonstrationen und Solidaritätsbekundung für die afghanische Armee in Herat (Foto: DW)

Wer garantiert den Sold der Soldaten?

"Wenn die internationalen Truppen vollständig abziehen, besteht die Gefahr, dass die westlichen Geber das Interesse an Afghanistan verlieren", sagt Andrew Wilder vom United States Institute of Peace gegenüber der Deutschen Welle. "Im Unterschied zum Irak hat Afghanistan keine ausreichenden eigenen Mittel, um seine Sicherheitskräfte zu bezahlen, ganz zu schweigen von den zivilen Staatsdienern." Ein Staat, der seine Armee nicht bezahlen kann, habe ein echtes Problem, so Wilder.

Nach Angaben der Weltbank haben diese Unsicherheiten in der Übergangsphase in Afghanistan bereits zu rapidem wirtschaftlichem Abschwung geführt. Nach 14,4 Prozent im Jahr 2012 ist das Wachstum 2013 auf 3,1 Prozent zurückgegangen. Die Weltbank prognostiziert für 2014 ein Wachstum von 3,5 Prozent und für die folgenden Jahre einen stärkeren Aufschwung, aber nur unter der Voraussetzung eines weitgehend reibungslosen Übergangs auf den Feldern Politik und Sicherheit.

Opium und Korruption

Mohn-Anbau in Afghanistan (Foto: DW)

Lukrativer Mohnanbau - auch wegen steigender Drogensucht im eigenen Land

Zwei weitere Faktoren hemmen - neben der ungeklärten Sicherheitsfrage - die wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans: Der Opiumanbau und die grassierende Korruption. Die Mohnanbaufläche nahm laut jüngsten UN-Angaben 2013 im Vergleich zum Vorjahr um 36 Prozent zu. Eine Umstellung der Landwirtschaft, Existenzgrundlage für fast die Hälfte der Bevölkerung, auf andere, nachhaltigere Produkte und Anbaumethoden, bleibt damit ein Fernziel.

Afghanistan gehörte 2013 zusammen mit Nordkorea und Somalia zu den drei korruptesten Ländern im Index der Organisation Transparency International. Daher war es nicht überraschend, dass der US-Kongress Anfang des Jahres 2014 entschied, die nicht-militärische Finanzhilfe für Afghanistan auf 1,12 Milliarden US-Dollar zu halbieren.

Wer hebt die Bodenschätze?

Eisenerzmine Hajigak in der Provinz Bamiyan in Afghanistan (Foto: AFP/Getty Images)

Ungehobene Bodenschätze gibt es reichlich

Theoretisch könnte Afghanistan aus seinen Bodenschätzen Profit schlagen. Kabul beziffert den Wert der Vorkommen an Seltenen Erden und anderen Metallen wie Lithium, Eisen, Wolfram, Kupfer, Blei und Zink auf drei Billionen US-Dollar. Angesichts der unsicheren Lage in Afghanistan halten Experten es aber für schwierig, die zur Erschließung dieser Vorkommen nötigen Investitionen ins Land zu holen.

Afghanistan dürfte auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Dennoch könnte eine mäßige Reduzierung der Finanzhilfe einen positiven Effekt haben, glaubt Südasien-Experte Wilders. Damit gäbe es weniger Anreize für Korruption und die Regierung würde zu effizienterer Ausgabenpolitik gezwungen. "Allerdings hätte eine allzu drastische Reduzierung der Hilfe destabilisierende Folgen für ein Land, das in so hohem Maße von eben solcher Hilfe abhängig ist", gibt Wilder zu bedenken. Viele der eindrucksvollen sozio-ökonomischen Fortschritte der vergangenen Jahre würden dadurch aufs Spiel gesetzt.

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