1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Am Stau vorbei mit Spezial-Kennzeichen

China hat den großen Sprung vom Fahrrad-Land zum Auto-Land geschafft. Was das heutzutage bedeutet, weiß jeder, der in Peking schon im Stau gestanden hat: Millionen Autos stehen still - doch es gibt gewisse Ausnahmen.

Stau in Peking bei Dämmerung (Foto: DW/Xiao)

Auf Chinas Straßen gilt das Verkehrsgesetz nicht für alle

Täglicher Dauer-Stau in Peking: Für eine 500 Meter lange Strecke zwischen zwei Ampeln braucht man oft mehr als eine halbe Stunde. Während die mehr als fünf Millionen Pekinger Autofahrer geduldig warten, können sie beobachten, wie schwarze Audis, Mercedes oder BMWs blitzschnell nach rechts ausscheren und auf dem Standstreifen oder dem Fahrradweg losbrausen. Um zu zeigen, dass sie freie Bahn erwarten, fahren sie meist hupend oder lassen schrill klingende Ansagen über ein eingebautes Megafon ertönen. Solche Autos haben eines gemeinsam: Sie tragen Kennzeichen aus einer Kombination von Schriftzeichen, Buchstaben und Zahlen, die die Identität des Wageninhabers wiedergeben.

Autos im Stau in Peking, auf mehreren Fahrbahnen (Foto: AP)

Stillstand: Kilometerlange Staus gehören in den chinesischen Metropolen zum Alltag



Das weitaus machtvollste Auto-Kennzeichen in China trägt ein Exklusiv-Kürzel für die Hauptstadt Peking. In Fahrzeugen mit diesem Nummernschild lassen sich Parlamentarier des nationalen Volkskongresses chauffieren. Doch sie sind nicht die Einzigen, die diese Art von Sonderprivilegien im Verkehr genießen. In der Hauptstadt Chinas fahren auch Sicherheitspolizisten, Angestellte des Justizministeriums und Minister mit diesen besonderen Kennzeichen an ihrem Audi A6 oder Mercedes der S-Klasse.

An allen Verkehrsregeln vorbei

Wenn chinesische Politiker mit solchen Nummernschildern unterwegs sind, können ihnen die geltenden Verkehrsregeln nichts mehr anhaben. Nicht nur dürfen sie auf Standstreifen, Fahrrad- und Fußgängerwegen am Megastau vorbeifahren. Beschränkungen wie Ampeln oder durchgezogene Linien verlieren für sie ebenfalls die Gültigkeit. Das gilt sowohl für Dienst- als auch für Privatfahrten.

Chinesischer Verkehrspolizist kontrolliert einen Motorradfahrer (Foto: AP)

Herausforderung für Verkehrspolizisten

Für einen Verkehrspolizisten in China ist es von existenzieller Bedeutung, sämtliche der vielen verschiedenen Kennzeichen auswendig zu lernen, um die Wagen wichtiger lokaler Parteikader sowie hoher Offiziere sofort zu erkennen. Im schlimmsten Fall kann es ihn den Job kosten, wie Polizist Chen aus einer Großstadt in Südchina der chinesischen Zeitung "China Youth Daily" mitteilte. Ein Kollege habe solch ein privilegiertes Fahrzeug angehalten, nachdem der Fahrer eine rote Ampel ignoriert hatte. Sofort habe der Polizist massiven Ärger von seinem Vorgesetzten bekommen und sei schließlich sogar versetzt worden.

Privilegien kann man kaufen

Auch manche Neureiche in China möchten an solchen Sonderprivilegien der Parteikader teilhaben. Auf dem Schwarzmarkt können sie nachgemachte Sonderkennzeichen für 300 bis 700 Euro kaufen. Der Nachteil: Die Zeichen werden bei einer Polizeikontrolle leicht als Fälschung erkannt, weil keine dazugehörigen Papiere existieren - sie können nicht so leicht gefälscht werden. Wer viel Geld hat, kauft sich daher lieber ein echtes Kennzeichen direkt bei einer Behörde, mit entsprechenden Fahrzeugpapieren. Je nach Größe der Behörde zahlt man zwischen 5000 und 10.000 Euro. Für die Behörde gelten die entsprechend gekennzeichneten Autos als Dienstwagen, die jedoch nur auf den Papieren existieren.

Mercedes-Benz GLK 220CDI auf der Auto-Show 2008 in China (Foto: AP)

Immer mehr neureiche Chinesen leisten sich einen Mercedes - manche auch die Spezial-Nummernschilder

Die Rechnung geht für die Käufer auf, weil ein Auto mit Sonderkennzeichen keine Autobahngebühr und oft auch keine Parkgebühr zahlen muss. In China ist das Preisniveau von Gebühren dieser Art inzwischen ähnlich hoch wie in Europa. So zahlt man häufig für die einmalige Nutzung einer 150 Kilometer langen Autobahn umgerechnet 15 Euro. Parken im Zentrum einer Großstadt kostet selten weniger als zwei Euro pro Stunde.

Für Autofahrer mit gekauften Nummernschildern ist es besonders wichtig, sich einen sehr "rustikalen" Fahrstil anzugewöhnen. Polizisten haben sich längst an die Rücksichtslosigkeit der Autos mit Sonderkennzeichen gewöhnt. Es ist geradezu auffällig, wenn sich ein Wagen mit Pekinger Exklusiv-Kürzel genau so verhält wie alle andere Verkehrsteilnehmer. Auch die Dienstwagen der Polizisten in China genießen Sonder-Vorfahrtsrecht, und ihre Fahrer kennen den ruppigen Fahrstil der privilegierten Staatskarossen ganz genau.

Autor: Jun Yan
Redaktion: Ana Lehmann