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Gedanken zur Woche

Am Sonntag bist du tot

Ein katholischer Priester hört in der Beichte, dass er umgebracht werden soll, wegen der Verbrechen eines anderen. Für die evangelische Kirche spricht Antje Borchers über den Film „Am Sonntag bist du tot.“

Filmszene Am Sonntag bist du Tot Calvary

Filmszene: Am Sonntag bist du Tot

Eine Drohung in der Beichte

Antje Borchers: „Die Dreharbeiten waren für mich emotional und unbarmherzig. Wenn man eine Figur spielt, die ständig angegriffen wird und sich für die Sünden anderer Menschen opfern soll, braucht man ein dickes Fell.“ – Diese Erkenntnis zieht der Schauspieler Brendan Gleeson aus seinem Film „Am Sonntag bist du tot“, der gerade auf DVD erschienen ist. Brendan Gleeson spielt darin den katholischen Priester James Lavelle, einen knorrigen, aber aufrechten und gutherzigen Priester. Er wird allerdings von seiner Gemeinde unfreundlich, ja, aggressiv behandelt. Trotzdem gibt er seine menschenfreundliche Linie nicht auf, denn er weiß: Hinter jeder Aggression verbirgt sich ein Schicksal. Er weiß das aus so manchem Beichtgespräch, zum Beispiel von dem Mann, der als Kind sexuell missbraucht wurde.

Die Beichte: „Was wollten Sie mir sagen? – Ich bin von einem Priester vergewaltigt worden, als ich sieben Jahre alt war. ‚Oral und anal‘, wie es im Gerichtsprotokoll steht. Das ging fünf Jahre lang so, jeden zweiten Tag, fünf Jahre lang. – Haben Sie mit jemandem darüber gesprochen? – Ich spreche mit euch, jetzt. – Ich meine, hatten Sie vielleicht psychologische Hilfe? Sie könnten doch Anzeige erstatten.“

Antje Borchers: Das will er aber gar nicht. Das Missbrauchsopfer will nicht die Aufarbeitung seines Leids. Für ihn geht es um Schuld und Sühne und darum, ob es Dinge gibt, die nicht vergeben werden können. Er will Rache – und die geht weit über den Priester hinaus, der ihn missbraucht hat.

Die Beichte: „Der Mann ist tot. Was würde es mir überhaupt bringen, wenn er noch leben würde? Wäre es sinnvoll, den Mistkerl umzubringen? Wer würde sich dafür interessieren? Es würde nichts bringen, einen bösen Priester zu töten. Aber einen guten zu töten, das wär‘ doch mal ein Schock. Daraus würde niemand schlau werden. Ich werde EUCH umbringen. Ich werde euch umbringen, weil ihr nichts falsch gemacht habt, weil ihr nicht schuldig seid. Aber noch nicht jetzt. Wie wär’s mit nächsten Sonntag? Wir treffen uns unten am Strand.“

„Vergebung wird schwer unterschätzt“

Antje Borchers: Ein guter Priester soll für die Schuld eines schlechten aufkommen. Sieben Tage hat Vater Lavelle noch Zeit, um sein Haus in Ordnung zu bringen und seinen Frieden mit Gott zu schließen. So will es der angehende Mörder. Sein Haus in Ordnung bringen… Vater Lavelle besucht seine Gemeindeglieder, auch den Mörder. Er bietet Hilfe und Gespräch an. Man lernt die Frauen und Männer in der kleinen Gemeinde kennen. Sie alle haben etwas gemeinsam, was sie von Vater Lavelle unterscheidet: Sie brauchen keine Hölle mehr nach Beendigung ihres irdischen Daseins, sie haben sich ihre eigene Hölle auf Erden geschaffen mit ihren Bosheiten, Feindseligkeiten, Gemeinheiten gegen jedermann und gegen sich selbst. Und sie wollen auch nicht aufhören, sind fast stolz auf ihre zerstörerische Bosheit und reden genüsslich darüber. Und ahnen doch, genau das macht sie noch unglücklicher.

In einem Gespräch schätzt Priester Lavelle die Lage ganz nüchtern ein: „Ich finde, dass zu viel über Sünden geredet wird und nicht genug über Tugenden. – Da hast du wohl recht. Was wäre Tugend Nr. 1? – Ich finde, Vergebung wird schwer unterschätzt.

Schuld und Böses werden weggeliebt

Antje Borchers: Vergebung ist der Schlüssel und Karfreitag ist die Erinnerung daran: Es gibt eine Möglichkeit, Schuld, Bosheit hinter sich zu lassen. Natürlich nicht auf Knopfdruck, aber in kleinen Schritten. Es beginnt damit, dass Gott uns Menschen liebt – zum Beispiel in Gestalt von menschlicher Fürsorge. Dann braucht es den Willen eines Menschen, sich abzuwenden von Zerstörung. Diesen Willen hat der Priester. Er ist meilenweit davon entfernt, seine Kirche in Schutz zu nehmen, die katholische Kirche in Irland. Sie hat selbst zerstörerisch gehandelt, hat viel Vertrauen der Menschen verloren, vor allem in den Missbrauchsskandalen. Aber obwohl der Film mit diesem Thema beginnt, ist es doch nur der Ausgangspunkt für ein anderes Thema: Menschenfreundlichkeit. Obwohl die Menschen nicht freundlich sind. Es geht um Liebe zu Menschen, selbst zu denen, die einem Böses wollen. Liebe sogar bis in den Tod. Brendan Gleeson als Priester James Lavelle verkörpert dieses Thema, es ist das Thema von Karfreitag, es ist das Thema von Jesus Christus, der am Karfreitag auf dem Berg Golgatha zu Tode gekreuzigt wurde. Weil er sich nicht von seiner Linie der Menschenfreundlichkeit abbringen ließ. Er hat Schuld und Böses weggeliebt. „Golgatha“, auf Englisch „Calvary“ ist der englische Original-Titel des Films.

Und diese Erfahrung, dass einem vergeben wird und man anderen vergeben kann, die hilft beim Heilwerden. Sie macht auch stark für die weiteren Schritte, zum Beispiel den Gang zum Therapeuten oder vors Gericht, um Unrecht beim Namen zu nennen.

Der Schauspieler Brendan Gleeson sagt über seine Figur des Priesters: „Er ist sicher nicht perfekt, aber letztlich glaubt er an Vergebung, an Liebe und Hoffnung. Und dass sie am Ende triumphieren.“

Borchers

Antje Borchers

Zur Autorin: Antje Borchers ist Diplom-Medienwirtin und Journalistin. Sie betreibt eine Agentur für Kommunikation, Medienarbeit und Pressearbeit. Vorher hat sie viele Jahre als Chefredakteurin einer christlichen Jugendzeitschrift gearbeitet. Seitdem macht sie auch Radio, zum Beispiel Morgenandachten. Vorher war sie in Idstein/Taunus und hat dort als Gemeindediakonin die Jugendarbeit der evangelischen Kirchengemeinde geleitet. Sie wohnt mit ihrem Mann in Lemgo/Lippe.

Verantwortlicher Redakteur: Pfarrer Christian Engels

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