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Deutschland evangelisch-katholisch

Always look on the bright side of life?!

Immer auf die Sonnenseite des Lebens? Claudia Nieser von der katholischen Kirche entdeckt im Zusammenspiel von Licht und Schatten die Tiefe des Lebens. Im dunklen Grab wie im Licht der Auferstehung begegnet uns Gott.

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„Nacht der Lichter“ im Hohen Dom zu Paderborn: „Das Licht leuchtet am eindrucksvollsten in der Dunkelheit.“

Vielleicht zählen Sie auch zu den vielen Menschen, die Monty Pythons berühmte Komödie „Das Leben des Brian“ gesehen haben. Selbst wer den Film nicht vor Augen hat, kennt zumindest das Lied, mit dem der Film endet: „Always look on the bright side of life“ – frei übersetzt: „Schau' immer auf die Sonnenseite des Lebens“. Monty Pythons Film nimmt bekanntlich das Verhalten gläubiger Menschen auf den Arm. „Schau immer auf die Sonnenseite des Lebens“ ist eine Haltung, die man gläubigen Menschen schon mal gerne nachsagt. Das Klischee lautet in etwa: „Der liebe Gott wird es schon richten. Jesus liebt dich, also lächle. Alles wird gut.“

Ich will gar nicht ausschließen, dass es gläubige Menschen, dass es Christen gibt, die dieses Klischee voll und ganz erfüllen – es ist ja auch gar nichts Schlechtes daran. Ich glaube aber nicht, dass dieses Klischee dem christlichen Glauben gerecht wird, schon gar nicht in der gegenwärtigen Zeit des Kirchenjahres. Wir nähern uns der Feier der Kar- und Ostertage und damit dem Gedenken von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi. Und dieses Geschehen kennt wahrlich nicht nur „the bright side of life“. Dieses Geschehen umfasst auch jenen Ort, der für die meisten Menschen für die Dunkelheit schlechthin steht: das Grab. Im Grab gibt es keine „Sonnenseite“ mehr, auf die man blicken könnte.

Ein Zusammenspiel: Dunkelheit und Licht

Den liturgischen Feiern der Kar- und Ostertage ist anzumerken, dass es in dieser Zeit sowohl um Licht- als auch um Schattenseiten geht. Denn sie sind durchdrungen von der Symbolik von Dunkelheit und Licht. Dies gilt vor allem für die Osternacht, wenn die dunkle Kirche vom Licht der Osterkerze erhellt wird. Dieses Bild, das Zusammenspiel von Dunkelheit und Licht, ist tief im menschlichen Bewusstsein verankert. Ich spreche lieber von einem Zusammenspiel als von einem Gegensatz. Denn beide ergänzen einander. Das Licht leuchtet am eindrucksvollsten in der Dunkelheit, und die Dunkelheit wird dann am intensivsten, manchmal auch am bedrohlichsten erfahren, wenn sie die Helligkeit verdrängt.

Zu den Kar- und Ostertagen gehört also beides: die undurchdringliche Dunkelheit des Grabes am Karfreitag ebenso wie das Licht der Kerze in der Osternacht. Auch an anderen entscheidenden Orten im christlichen Glauben findet man übrigens das Zusammenspiel von Licht und Dunkelheit. Nach dem ersten Schöpfungsbericht im Buch Genesis beginnt die Erschaffung der Welt mit der Trennung von Licht und Dunkelheit – das Erste, was in der Bibel erzählt wird. Und zu Beginn des Adventes, zu Beginn des Kirchenjahres, hören wir die bekannten Worte aus dem Buch Jesaja: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1).

Der Erfahrung von Dunkelheit und Licht ist elementar für den Menschen. Es ist kein Wunder, dass diese Erfahrung in die Religion eingegangen ist, nicht nur in die christliche. Der Blick auf Mensch und Welt gewinnt auf diese Weise an Realismus, wie ich finde. Es ist ein Blick, der nicht nur „the bright side“, die Sonnenseite wahrnimmt, sondern auch „the dark side“, die Schattenseiten. Realistisch betrachtet, gehören zu jedem menschlichen Leben Licht- und Schattenseiten. Auch die Geschichte der ganzen Welt ist ein ständiger Wechsel von Licht und Schatten. Wer sich in diesen Tagen eine beliebige Nachrichtensendung ansieht, wird vor allem den Schatten wahrnehmen. Aber weil Gottes Gegenwart selbst im schwärzesten Schatten des Grabes zu finden ist, darf man als Christin, darf man als Christ annehmen, dass unsere Welt niemals gottverlassen ist.

Allein die Sonnenseite zählt?

Tatsächlich glaube ich, dass der Zwang, immer auf die Sonnenseite schauen zu müssen, heute eher außerhalb der Religion zu finden ist. Erfahrungen von Dunkelheit und Schatten haben im allgemeinen Bewusstsein nicht gerade Hochkonjunktur. In unserer auf Leistung getrimmten Gesellschaft ist ständiger Optimismus gefragt, ein ständiges Streben nach Verbesserung, nach dem ganz persönlichen Glück. Nur der glückliche Mensch hat ein gutes Ansehen, nur er hat alles richtig gemacht. Das Ganze hat natürlich eine Kehrseite: Wer unglücklich ist, wer aus welchen Gründen auch immer nicht auf der Sonnenseite stehen kann, gilt schnell als gescheitert und als Verlierer. Er ist vielleicht sogar selbst daran schuld, weil er sich nicht genug angestrengt hat.

Die Botschaft der Kar- und Ostertage, auf die wir nun zugehen, blickt anders auf die Welt: Sie blickt auf die Welt im Wissen darum, dass Schattenseiten unvermeidlich sind im menschlichen Leben. Schattenseiten dürfen sein, sogar die ausweglose Finsternis, in der man nichts mehr erkennen kann. Wenn auch sonst niemand mehr da ist: Gott ist immer noch da.

Die Theologin und Buchautorin Dr. Claudia Nieser, 1972 in Neunkirchen/Saar geboren, studierte katholische Theologie in Saarbrücken und Trier. Sie absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk und arbeitet seit 2001 in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. Mit einer Dissertation über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar promovierte sie zum Doktor der Theologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen. In ihren Veröffentlichungen befasst sie sich mit Themen wie dem interreligiösen Dialog, dem Gespräch zwischen Literatur und Theologie sowie zwischen Populärkultur und Religion.

Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte und Alfred Herrmann