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Kultur

Alte Volkslieder für kleine Kinder

Von den Nazis wurde Singen zu ideologischen Zwecken missbraucht. Jetzt bringen in einem Generationenprojekt Singpaten Kindern altes Liedgut wieder nahe - und erhalten einen Preis.

Singpatenfest in Bonn mit canto elementar und Hardy Schumacher. Copyright: Sigrid Braun (Juni 2012)

Großer Preis für kleine Kinder

Donnerstagmorgen in einem Kindergarten in der Nähe von Bonn. Der Raum füllt sich - aber nicht mit Kindern, sondern mit Singpaten: acht begeisterten Sängerinnen und Sängern, die sich einmal in der Woche im Kindergarten treffen. Das Akkordeon wird ausgepackt, die Liederzettel verteilt. Sie singen aber nicht irgendwas. Ihre Mission: Sie wollen das alte deutsche Liedgut an die nächsten Generationen weitergeben. Dann stürmt eine Kindergruppe herein, verteilt sich auf dem Boden zwischen den Singpaten und los geht es. Singen, tanzen, klatschen - alle machen mit, wenn Volkslieder wie "Horch, was kommt von draußen rein" oder "Wenn alle Brünnlein fließen" angestimmt werden.

Wiederentdeckung des Singens

Dass die Melodien und Texte alter Volkslieder noch bekannt sind, ist heutzutage allerdings keine Selbstverständlichkeit. "Mitte der 1960er Jahre ist das Singen fast vollständig aus der Pädagogik in Kindergärten und Schulen gestrichen worden. Man hielt es sogar für gefährlich für eine demokratische Gesellschaft, weil es in der Nazi-Zeit zu ideologischen Zwecken missbraucht worden war", erklärt Karl Adamek. Er ist Gründer des Netzwerkes "Il canto del mondo", zu dem auch das Singpaten-Projekt "canto elementar" gehört. Auch die weltweite Entwicklung der Neuen Medien, habe in den folgenden Jahrzehnten zum Verfall des Singens beigetragen, so der Musikpsychologe. Er erforscht seit über 30 Jahren die Bedeutung des Singens für die Entwicklung des Menschen. "Singen fördert nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen die physische, psychische und soziale Gesundheit des Menschen. Singen macht auch glücklich. Der Mensch kann auf leichte Weise durch Singen seine Emotionen regulieren."

Internationales Netzwerk für das Singen

Canto-Gründer Karl Adamek. Copyright: Jörg Grenter (Juni 2012)

Canto-Gründer Karl Adamek

1999 initiierte Adamek das internationale Netzwerk "Il canto del mondo e.V." zur Förderung der Alltagskultur des Singens. Die Schirmherrschaft übernahm der weltberühmte, in New York geborene Geiger Yehudi Menuhin. "Von 2001 bis 2005 testete ich die Möglichkeiten dieser Idee praktisch in 20 Kindergärten, bis ein tragfähiges und nachhaltiges Konzept entstand, mit dem wir ab 2006 deutschlandweit und professionalisiert in die Breite gingen," so Adamek. Ziel sei gewesen, zuerst Kindergärten in sozial schwierigen Wohngegenden durch "canto elementar" zu fördern. Dazu kamen andere Canto-Initiativen wie "Singende Krankenhäuser", "Singen mit Senioren" oder die "Singende Grundschule". Präsident des Vereins ist Prof. Hermann Rauhe, emeritierter Präsident der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und bekannt für seine Fähigkeit, Menschen zum Singen zu bringen.

Mit offenem Herzen

"Gerade beim Singen mit den Kleinsten geht es darum, den Kindern etwas zu vermitteln, was sie aufnehmen, was sie quasi inhalieren und dann weiter in ihrem Leben verwenden und weiter tragen", erklärt Hardy Schumacher. Er ist der Geschäftsführer von "Il canto del mondo". Canto-Trainer stehen den Singpaten von "canto elementar" zur Seite, geben Anregungen, beraten, denn musikalische Vorkenntnisse seien nicht nötig. "Es ist nur Voraussetzung, dass man Spaß und offenes Herz hat", sagt eine Singpatin im Kindergarten in Bonn. Ausgehend von Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen canto-elementar-Programme in 170 Kindergärten in der gesamten Bundesrepublik mit bisher rund 1500 Singpaten.

Canto-Gründer Karl Adamek mit Kita-Kindern beim Projekt Canto elementar. Copyright: Jörg Grenter (Juni 2012) ***Grenzweirtige Bildqualität, bitte nicht als Artikelbild verwenden!***

Karl Adamek in einem Kindergarten

Großer Preis für kleine Leute

Jetzt erfährt "canto elementar" eine besondere Anerkennung. Am Mittwoch (20.062012) ist das Generationenprojekt mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet worden. Die Deutsche Nationalstiftung ehrt damit Institutionen und Menschen, die sich um die Förderung der nationalen Identität der Deutschen und um die Idee der deutschen Nation als Teil eines vereinten Europa besonders verdient gemacht haben. Gegründet wurde die Deutsche Nationalstiftung 1993 von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt als überparteiliche, unabhängige Stiftung, die dem Zusammenwachsen Deutschlands dienen sollte. Seit 1997 wird jährlich der mit 50.000 Euro dotierte Deutsche Nationalpreis verliehen.

Dirk Reimers, Vorstand der Deutschen Nationalstiftung. Copyright: Deutsche Nationalstiftung (Juni 2012)

Dirk Reimers, Vorstand der Deutschen Nationalstiftung

Dirk Reimers, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, sagt über die Ehrung für "canto elementar": "Wir fördern das Singen als emotionale Sprache, die über das eigene Land hinaus verstanden wird. Dann fördern wir das Volkslied, weil es einen Teil der deutschen Kultur darstellt." Die Preisverleihung findet im Französischen Dom in Berlin statt, die Laudatio hält Bundestagspräsident Norbert Lammert. Gründer Karl Adamek freut sich über die Anerkennung. Er sieht diese Ehrung als große Würdigung der Kinder und ihrer Bedürfnisse nach sozialer Wärme und spielerischem Lernen.