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Alte Redewendungen

Wenn jemand etwas vom Pferd erzählt, so wird er in der Regel nicht ernst genommen. Was aber, wenn das Pferd selbst etwas erzählt – über alte Redewendungen zum Beispiel. Da lohnt es sich, zuzuhören.‎

Es war einmal ein kleines, 10-jähriges Mädchen. Dieses Mädchen sollte Reitunterricht nehmen, aber es wollte gar nicht. Es war nämlich so in Gedanken bei den Deutsch-Hausaufgaben, die noch vor ihm lagen und auf die es so gar keine Lust hatte. "Sammelt alte Wörter und erklärt sie", hatte ihre Lehrerin gesagt.

Geschichten vom Pferd

Puh, das ist ja viel schwerer als reiten, dachte das Mädchen, als es auf dem Pferd saß und im Kreis ritt. "He, du", sagte das Pferd auf einmal, "was ist los?" Das Mädchen traute seinen Ohren nicht, war auch ein bisschen erschrocken, aber dann fasste es sich ein Herz und flüsterte: "Hallo Eisfürst", so hieß das Pferd nämlich, "wieso kannst du sprechen?" "Pferde", sagte Eisfürst und wieherte leise, "Pferde haben große Köpfe und können sehr gut denken, sogar sprechen – aber nur, wenn sie wollen. Au! Und du ziehst mir gerade zu feste an den Zügeln …!"

Das Mädchen ließ locker und sagte: "Tut mir leid, aber ich muss für die Schule alte deutsche Wörter erklären – und das nervt!" "Nichts leichter als das", sagte Eisfürst. "Pass mal auf: Was ich da im Maul habe, diese Querstange – deshalb spreche ich auch etwas undeutlich – die heißt Kandare, und das ist ein uraltes Wort. Ich weiß das von ungarischen Kollegen. Da heißt sie kantár. Vielleicht hast du dir ja auch schon einmal anhören müssen, dass man die jungen Leute an die Kandare nehmen, also etwas strenger behandeln sollte."

Ritterlich reden

"Kann uns jemand hören?", fragte das Mädchen und beugte sich zum Kopf von Eisfürst vor. "Nein", sagte Eisfürst, und der Reitlehrer meldete sich in strengem Ton: "Aufrecht sitzen! Zügel fest in die Hände nehmen!" "Bevor ich weitererzähle: Wie heißt du eigentlich?", fragte das Pferd. "Elisabeth", antwortete das Mädchen und nahm die Zügel ein klein wenig fester in die Hände. "Ein schöner Name", nickte Eisfürst und erzählte weiter – woher zum Beispiel so merkwürdige Ausdrücke kommen wie für jemanden eine Lanze brechen oder mit offenem Visier kämpfen.


Im Mittelalter siegte bei den Turnieren der Ritter, der die meisten Lanzen beim Gegner zerbrach. Und das war gar keine einfache Aufgabe. Wer also für jemanden eine Lanze bricht, der gibt sich viel Mühe, um diesem zu helfen. Und das offene Visier ist eine hochgeschobene Gesichtsmaske am eisernen Ritterhelm. Ein Rittersmann konnte so dem anderen Rittersmann direkt in die Augen schauen. Auf diese Weise war es viel schwerer, den Gegner zu täuschen, denn man spielte mit offenen Karten.

Von Kronen und Kriegern

Und Eisfürst war noch längst nicht fertig. "Da fällt dir kein Stein aus der Krone, ich könnt auch sagen, da bricht dir kein Zacken aus der Krone, wenn du nachher mithilfst, frisches Stroh im Stall aufzuschütteln", sprach das Pferd. "Was für eine Krone denn?", wunderte sich Elisabeth. "Nun ja, früher, als es noch richtige Prinzessinnen mit richtigen Kronen gab, die mit richtigen Edelsteinen besetzt waren, da konnte es schon mal passieren, dass sich ein Stein löste und herunterfiel. Das sorgte zwar immer für Aufregung, aber so schlimm war das nun auch wieder nicht. Also sagten die Leute später: Stell dich nicht so an, spiele nicht Prinzessin. Dir wird schon kein Zacken aus der Krone fallen, wenn du einmal etwas selber machen musst."

"Mach weiter, Eisfürst", drängelte Elisabeth, "ich krieg bestimmt ein 'Sehr gut' für meine Hausaufgaben!" "Nun mal langsam mit den jungen Pferden." Eisfürst wieherte und schüttelte seine Mähne. "Harnisch kannst du dir noch merken. Jemanden in Harnisch bringen, das heißt jemanden sehr zornig machen. Harnisch war das Wort für die Ausrüstung der Kriegsleute. So eine Art Schutzkleidung mit viel Blech und Eisen. Du kannst das ganz wörtlich nehmen. Jemanden in Harnisch bringen, hat geheißen, jemanden für einen Kampf bereit machen: einen Ritter, einen Kriegsmann.

Tierische Geheimnisse

"Schluss für heute", rief der Reitlehrer. "Sag' bloß niemandem, ich hätte dir das alles erzählt", flüsterte Eisfürst. "Sie würden dich für verrückt erklären. Erzähl' mir nichts vom Pferd, würden sie rufen, alles erstunken und erlogen!" Eisfürst schüttelte sich wieder und wieherte ausgiebig. Jetzt weiß ich auch, was wieherndes Gelächter ist, dachte Elisabeth. Sie stieg ab und gab dem Pferd ein paar liebevolle Klapse. "Bis bald – und danke", sagte sie, und niemand außer Eisfürst konnte es hören. Der nickte und schnaubte leise.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Shirin Kasraeian

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