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Wissen & Umwelt

Alte Apfelsorten: Vielfältig, gesund - und bedroht

Apfel ist nicht gleich Apfel: Allein in Deutschland gibt es mehrere tausend verschiedene Sorten. Aber weil sich Landwirtschaft und Lifestyle ändern, drohen viele davon, für immer zu verschwinden.

Äpfel sind das Lieblingsobst der Deutschen. Braeburn, Gala und Elstar sind besonders gefragt und - neben etlichen anderen Sorten - nahezu das ganze Jahr über im Supermarkt erhältlich. Aber das ist längst nicht alles - das Repertoire an Apfelsorten ist noch viel größer. "In Deutschland gibt es zwischen drei- und fünftausend verschiedene Apfelsorten", sagt die Botanikerin Barbara Bouillon im DW-Gespräch.

Bouillons Lieblingssorten: Ananasrenette, Champagnerrenette und Zuccalmaglios Renette. Bevor es elektrische Kühlung gab und Äpfel noch nicht mit dem Schiff oder dem Flugzeug über weite Strecken transportiert wurden, bauten die Menschen gleich mehrere verschiedene Apfelsorten an, erklärt sie. Das hatte seine Gründe: Einige waren gut fürs Kochen und Backen, andere für Apfelwein oder Nachtische. Einige konnten monatelang in kühlen Kellern lagern, andere mussten schnell verarbeitet werden. Einige Apfelsorten waren im Sommer reif, andere erst im späten Herbst - so hatten die Dorfbewohner fast ein halbes Jahr lang immer frisches Obst.

Rotfleischige Äpfel Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Rotfleischige Äpfel sind eine neuere Züchtung, die wegen ihres zumeist sauren Geschmacks aber nicht für den Massenmarkt geeignet sind

Doch viele dieser Sorten seien im Zuge der industriellen Landwirtschaft verschwunden, sagt Bouillon. "Die kommerziellen Obstbauern entscheiden sich heutzutage für Sorten, die sie als geeignet für den Massenkonsum halten. Inzwischen werden hauptsächlich Äpfel gezüchtet, die süß und knackig sind und die eine rote Schale haben, weil sie sich gut verkaufen lassen."

Zudem würden die Anbauer Sorten bevorzugen, die lange haltbar sind und bei denen die Äpfel ähnlich groß würden - das erleichtere das Abpacken.

Äpfel gehören zur Familie der Rosen - genauso wie Pflaumen, Aprikosen, Pfirsiche, Kirschen, Quitten und Birnen. Sie kamen wahrscheinlich zu Zeiten des Römischen Reiches nach Deutschland. Moderne Züchtungen stammen allesamt von der Wildapfelsorte Malus sieversiiab, die in Zentralasien und im Kaukasus wächst. Seit Tausenden von Jahren werden Äpfel in Persien, Griechenland, Armenien und anderen Ländern in der Region angebaut.

Streuobstwiesen für jedermann

Barbara Bouillon Foto: DW/N. Zimmermann

Botanikerin Barbara Bouillon

In der Vergangenheit gab es in Deutschland rings um die Dörfer und Städte Streuobstwiesen, die für jedermann zugänglich waren. Unter den Bäumen weidete das Vieh und jeder konnte die Früchte von den Bäumen pflücken. "Seit vielen Jahren verschwinden die Streuobstwiesen in vielen Gemeinden", so die Botanikerin. Die Wiesen würden bebaut oder verkauft. "Die Bäume werden oft ersatzlos zerstört, ohne zuerst festzustellen, um welche Sorten es sich handelt oder Stecklinge zu entnehmen."

Es gebe noch einige staatlich geförderte Obstgärten und private Baumschulen- und Plantagenbesitzer, die sich für die Bewahrung der alten Sorten einsetzten, sagt Bouillon. Es bedürfe jedoch noch mehr Engagement und Mittel, um das reiche biologische Erbe zu bewahren.

Zu dreckig, zu teuer?

Bouillon macht sich dafür stark, dass mehr Obst- und Nussbäume in den Städten gepflanzt werden. Auf Streuobstwiesen und Mitmach-Bauernhöfen könnten interessierte Bürger Früchte ernten und Schulklassen mehr über die Vielfalt und den Nutzen alter Sorten lernen, so ihr Vorschlag.

Solche Projekte würden sein Budget sprengen, sagt Herbert Claes. Er ist Vorsitzender des Bereichs Grünflächen bei der Potsdamer Stadtverwaltung.

Obstbäume entlang der Straßen zu pflanzen, habe seine Tücken: "Die Früchte würden die Straße besudeln oder auf die Autos fallen." Und zermatschte Äpfel würden dem deutschen Sinn für Ordnung und Sauberkeit widersprechen, so Claes.

Buchcover Obstatlas der russischen Kolonie Alexandrowka in Potsdam

Für die Sorten in der russischen Kolonie Alexandrowka in Potsdam gibt es einen eigenen Katalog

Auch die Idee, mehr Obstbäume in städtischen Parks zu pflanzen, sieht er kritisch: "Wir haben das in Potsdam in den Obstwiesen der Alexandrowka versucht." In der historischen russischen Siedlung wachsen bis zu 150 Jahre alte Apfel- und Birnbäume. "Die Öffentlichkeit hatte Zugang, um die Früchte zu ernten. Aber manche sind auf die Bäume geklettert, um noch den letzten Apfel von ganz oben zu holen. Dabei sind viele Äste kaputt gegangen. Das war keine gute Erfahrung." Das Experiment wurde beendet.

In Potsdam gebe es aber noch immer Streuobstwiesen, die in Gemeinschaftsbesitz seien. "Diese Wiesen bleiben erhalten. Wir halten sie instand und pflanzen bei Bedarf neue Bäume", so Claes. Die Stadt hat zudem ein Programm, in dem sich Anwohner als ehrenamtliche Stadtgärtner um städtische Grünflächen direkt vor ihren Häusern und Wohnungen kümmern.

Gesunder Genpool

Ein Grund, warum es sich lohnt, alte Sorten zu bewahren, ist ihre Resistenz gegenüber Krankheiten. Verschiedene Bakterien, Viren und Pilze können die Früchte und sogar den ganzen Baum angreifen. Die Folge: Die Äpfel bekommen schuppige, raue Stellen oder die Bäume verkrüppeln und tragen nur noch kleine Früchte.

Mithilfe von alten Sorten könnte die kommerzielle Produktion resistenter gegen Krankheiten gemacht werden, sagt Bouillon. "Vor einigen Jahren haben Botaniker festgestellt, dass ein bestimmtes Gen manche Äpfel vor einem Schwamm schützt, der einige wichtige kommerzielle Sorten befiel."

Also kreuzten sie eine Apfelsorte - die dieses Gen enthielt - mit kommerziellen Sorten. Nach einigen Jahren begann der Schwamm jedoch, auch diese Kreuzungen zu befallen - der Schwamm hatte sich offenbar angepasst."

Aber es gibt alte Sorten, die seit Jahrhunderten von solchen Pilzen frei sind", so Bouillon. "Ihre Resistenz liegt wahrscheinlich an verschiedenen Genen. Deswegen ist es wichtig, solche Sorten zu erhalten."

Viele alte Sorten haben zudem einzigartige Aromen und einen ganz besonderen Geschmack. Kreuzt man sie mit kommerziellen Sorten, können leckere - bislang unbekannte - Variationen entstehen.

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