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Globale Zusammenarbeit

"Alt sein ist der neue Normalzustand"

Von der WHO kommt eine gute Nachricht mit Nebenwirkungen: Weltweit werden die Menschen immer älter. Doch die Gesundheits- und Sozialsysteme hinken dem Bevölkerungstrend hinterher - mit manchmal fatalen Folgen.

Die Alterung der Weltbevölkerung geht in rasantem Tempo vor sich. In wenigen Jahren schon wird es mehr Menschen über 60 auf der Erde geben als Kinder unter fünf, meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus Anlass des Weltgesundheitstags am 7. April. "Viele Leute glauben immer noch, das gehe nur die reichen Länder an und es sei ein auf Europa und Japan beschränktes Anliegen. Aber das stimmt nicht", sagt John Beard, Direktor am Institut für Alterung und Lebensplanung der WHO in Genf. "Den schnellsten Alterungsprozess durchlaufen derzeit die Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Im Jahr 2050 werden zwei Milliarden alte Menschen auf der Erde leben und 80 Prozent von ihnen werden in Ländern leben, die wir derzeit zu den Entwicklungs- und Schwellenländern zählen."

Recht auf gute Gesundheit im Alter

Runder Tisch zum Thema Altern und Gesundheit am WHO-Hauptsitz Foto: Claudia Witte (DW)

Runder Tisch der WHO: Diskussion um Altern und Gesundheit

Eigentlich ist das eine gute Nachricht, denn das bedeutet, dass die Lebenserwartung und der Wohlstand weltweit steigen, gilt doch hohes Alter gemeinhin als Begleiterscheinung von wirtschaftlicher Entwicklung. Aber alt werden allein reicht nicht, ermahnt WHO-Chefin Margaret Chan. "Früher haben wir immer davon geredet, das Leben um Jahre zu verlängern. Das ist auch richtig so und die Länder machen auf diesem Gebiet gewaltige Fortschritte." Aber jetzt müsse man einen Schritt weiter gehen. Es gelte die zusätzlichen Jahre mit Leben zu füllen. Menschen überall auf der Welt hätten das Recht, bei guter Gesundheit zu altern.

Weltweit gleiche Todesursachen

Rund um den Globus sterben alte Menschen heute an den gleichen Krankheiten. "Sogar in armen Ländern sind die häufigsten Ursachen für Tod und Behinderung inzwischen nicht-ansteckende Krankheiten", fasst Beard die neuesten Studien zu den häufigsten Todesursachen zusammen. "Es geht nicht mehr um Infektionskrankheiten oder Magen-Darm-Probleme. Es geht hauptsächlich um Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle, Demenz und Atemwegsinfektionen."

Die Behandlung dieser Gesundheitsprobleme ist in der Regel einfach und nicht teuer. Viele der Krankheiten lassen sich außerdem durch eine konsequent gesunde Lebensführung vermeiden. Und trotzdem sterben in Entwicklungsländern fast vier Mal so viele Menschen an den sogenannten Zivilisationskrankheiten wie in reichen Ländern. Der Grund dafür ist eine fehlende medizinische Grundversorgung.

Kein Problem für Afrika und Asien?

John Beard, Direktor am Institut für Alterung und Lebensplanung der WHO in Genf Foto: Claudia Witte (DW)

John Beard: Weniger Großfamilien in Entwicklungsländern

In Industrieländern ermöglichen Kranken- und Rentenversicherungen vielen alten Menschen einen relativ gesicherten Lebensabend. "Kein Problem für uns", heißt es immer noch in zahlreichen afrikanischen und asiatischen Ländern, wo alte Menschen traditionell von ihren Familien versorgt werden. Das werde in Zukunft nicht mehr funktionieren, warnt John Beard. Dazu vollziehe sich der Wandel einfach zu schnell und zu markant: "Es hat funktioniert, als ein Ehepaar fünf oder sechs Kinder hatte. Aber wenn plötzlich zwei Kinder für bis zu zehn Alte aufkommen müssen, dann wird es schwierig." In dieser Situation seien auch unterstützende Maßnahmen von Seiten der Regierungen gefragt.

Reformen nötig

Nicht nur in reichen Ländern machten sich die Regierungen inzwischen Gedanken über die Reform ihrer Rentenversicherungssysteme, sagt Monika Queisser, die Leiterin der Abteilung Sozialpolitik bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris: "Ich glaube, dass alle Regierungen auf der Welt sich auf den demographischen Wandel langsam aber sicher einstellen." Die Industrieländer waren allerdings als erste gezwungen zu handeln. "Wir sehen in allen OECD-Ländern, dass Rentenreformen stattfinden, dass Mobilisierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zum Beispiel ein Thema geworden ist, dass Migration in Zusammenhang mit demographischem Wandel auch ein Thema geworden ist."

Mehr Arbeit, weniger Privilegien

Für die Bevölkerung in den überwiegend reichen OECD-Ländern hat der wachsende Anteil älterer Menschen schon jetzt einschneidende Konsequenzen. Sämtliche Arbeitnehmer werden künftig nicht nur länger, sondern auch mehr arbeiten müssen, um die Rentenkassen mit ihren Versicherungsbeiträgen aufzufüllen. Viele Entwicklungsländer stehen erst am Anfang dieses Wandels. Es gibt dort zu wenig Beitragszahler, da der überwiegende Teil der Bevölkerung im informellen Sektor etwa als Kleinhändler oder Hausangestellte arbeitet. Nur einige Privilegierte profitierten von Rentensystemen, sagt Monika Queisser: "Die Systeme, die in den Ländern existieren, sind zum Teil sehr großzügig. Sie wurden ursprünglich vor allen Dingen für Beamte und für Angestellte des öffentlichen Sektors geschaffen, mit relativ niedrigem Rentenalter." Was allerdings dazu führe, dass relativ teure Systeme für nur sehr wenige Leute da seien, aber die große Masse der Bevölkerung keinerlei Zugang zu Sozialversicherungsleistungen habe.

Mit 60 künftig mittelalt

Auch wenn angesichts der demographischen Umwälzungen ein Umdenken eingesetzt hat, hinkt die öffentliche Wahrnehmung des Alterns der Wirklichkeit immer noch hinterher. John Beard findet, dass es höchste Zeit sei, die Vorstellungen vom Älterwerden zu überdenken: "Rein statistisch betrachtet gilt man mit 60 Jahren als alt. Aber Menschen im Westen sagen sich inzwischen, dass 60 nicht mehr alt ist. Und im Laufe des Jahrhunderts wird man mit 60 hoffentlich als mittelalt gelten." WHO-Chefin Margaret Chan formuliert es anders: "Alt sein ist der neue Normalzustand."