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Deutschland

Alt, arm, Ausländer

Ältere Migranten sind oft schlechter ausgebildet als Deutsche, häufiger arbeitslos und häufiger von Sozialleistungen abhängig. In Dortmund finden sie Angebote zur Selbsthilfe.

Montag und Freitag sind besondere Tage für Hadi Kamisli, Mathilde Schmidt, Kosan Ismed und viele andere Vereinsmitglieder, denn zwei Mal pro Woche treffen sich die Mitglieder des "Vereins für Internationale Freundschaften" (ViF) in den Klubräumen in der Dortmunder Nordstadt. In der "Seniorenbegegnungsstätte" singen sie Lieder, die Frauen bringen die Nähmaschinen zum Rattern, die Stricknadeln zum Klingen, während die Männer sich bei Brettspielen duellieren und am Nachmittag alle gemeinsam bei Tee und Gebäck klönen. Sie erzählen von alten Zeiten oder von Problemen, die das Alter mit sich bringt. Und dabei erleben sie ein Gefühl von Solidarität und Gemeinschaft, an dem es ihnen im Alltag mit Deutschen ohne Einwanderungsgeschichte oft mangelt.

Mit Solidarität und in Eigeninitiative

Kosan Ismed kommt oft zu den Klubtreffen. Er gehörte sogar 1987 zu den Gründungsmitgliedern des Vereins, der für sein integratives Engagement vielfach ausgezeichnet wurde. Nur fünf Jahre besuchte der Kurde in seiner Heimat Anatolien die Schule. Denn seine Familie war arm, deshalb musste er in die Fremde gehen, nach Dortmund, wo er zu den zehntausenden Stahlarbeiter gehörte, die an Hochöfen der Hoesch AG für das deutsche Wirtschaftswunder malochten. Seine türkischen Kollegen sagten damals, die islamischen Frauen sollten nicht arbeiten. Doch Ismed ließ es zu, dass seine Ehefrau mitverdiente. "25 Jahre hat sie im Altenheim geputzt", sagt der Rentner in gebrochenem Deutsch und nicht ohne Stolz. Damals dachte das Paar, durch den Doppelverdienst die fünf Kinder besser versorgen zu können. Heute ist er froh, denn durch die eingezahlten Beiträge können beide von ihrer Rente leben, sagt er, während sich sein Gesicht zu einem Lächeln verzieht.

Kosan Ismed, türkischer Migrant und Gründungsmitglied des Vereins für Internationale Freundschaften in Dormtund. DW/ Karin Jäger, 14.01.2013

Vor 26 Jahren Gründungsmitglied des Vereins: Kosan Ismed

Bei seiner Nachbarin sehe das anders aus, beklagt Ismed bald darauf mit ernster Miene. Sie erhalte die Altersbezüge vom Sozialamt, sei allein und habe nicht einmal genügend Geld, um wieder zurück in die Türkei zu gehen, wo das Leben billiger sei. Ismed wollte nur zehn, 15 Jahre bleiben und dann zurückkehren in seine alte Heimat. Seine Entscheidung, in Deutschland geblieben zu sein, bedauert er keineswegs: "Wir haben die Demokratie und das Sozialamt. Alle Leute leben gut hier."

Das findet auch Sofia Olschevska. Sie verlor all ihre Rentenansprüche, als sie vor 22 Jahren aus der Nähe von Tschernobyl nach Dortmund immigrierte. In der Ukraine hatte sie als Oberschwester und Physiotherapeutin gearbeitet, aber wie viele ihrer Landsleute plagte sie die Angst vor einer Krebserkrankung nach dem Reaktorunglück. Sie wollte in Deutschland arbeiten, fand aber nichts. Inzwischen hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und lebt bescheiden von dem, was sie vom Staat erhält: "Wir haben eine Wohnung, Wärme und etwas zu essen. Uns geht es gut." Aus Dankbarkeit bietet sie den Vereinsmitgliedern Gymnastikkurse, Entspannungsübungen und Massagen an - kostenlos, wie sie betont, denn: "Ich bin froh, dass es diesen Verein in Dortmund gibt. Wir haben alle so eine gute Beziehung miteinander."

Sehnsucht nach Deutschland

Das kann Hadi Kamisli nur bestätigen. Er lebt seit 33 Jahren in Dortmund. Als Kind zog er seinen Eltern nach, die in Deutschland Arbeit gefunden hatten. Kamisli gehört zur sogenannten zweiten Gastarbeiter-Generation: "Damals hat keiner an die Rente gedacht. Besser ist es, vernünftig zu sparen, um vorzusorgen." So wie es sein Vater getan hat. Der kaufte von den Ersparnissen ein Haus in der Türkei, doch dann kehrte die Familie nicht zurück. Die Mutter erkannte schnell, dass Deutschland ihre Heimat geworden war, erzählt Hadi Kamisli: "Früher war es auch normal, bedürftige Verwandte in der Türkei zu unterstützen. Das geht heutzutage nicht mehr. Wir müssen an uns selbst denken und für uns sparen", beschreibt Kamisli die Lage der zweiten Zuwanderer-Generation und die anderen lauschen andächtig.

Altersvorsorge ist eine Frage des Vertrauens

Man müsse für das Alter Reserven bilden, weil man als Rente später nur etwa die Hälfte des Lohns bekomme und das nicht zum Leben reiche. Viele türkische Migranten vertrauten allerdings deutschen Rentenberatern und Versicherungsmaklern nicht. Außerdem fehlten den Einwanderern wichtige Informationen, weil diese oft nur auf Deutsch erhältlich seien. Und viele seiner Landleute verstünden die bürokratischen Belange nicht.

Hadi Kamisli, türkischer Migrant und aktives Mitglied im Verein für Internationale Freundschaften in Dortmund. DW/ Karin Jäger, 14.01.2013

Folgte seinen Eltern vor 33 Jahren nach Dortmund: Hadi Kamisli

Inzwischen bekämen viele der in Deutschland lebenden Türken bewusst weniger Kinder, weil sie sich den Kinderreichtum früherer Generationen nicht mehr leisten könnten und man nicht sicher sein könne, dass der Nachwuchs auch später dauerhaft Arbeit habe.

Die dritte Generation der Zuwanderer ist immerhin technisch versiert, um sich im Internet über Arbeits- und Hilfsangebote zu informieren, die meisten Alten haben aber keinen Zugang zu den modernen Medien. Und viele Senioren sind angewiesen auf Hilfe. Hasibe Ulubas zählt dazu, die vor 42 Jahren nach Dortmund-Eving kam, zwei Jahre nachdem ihr Mann eine Beschäftigung gefunden hatte. Die 64-Jährige ist nur ein einziges Mal umgezogen in eine kleinere Wohnung in der gleichen Straße - nach dem Tod ihres Mannes. Der wurde in der Türkei beigesetzt. Sie ist hier geblieben - ihrer vier Kinder und der Enkelkinder wegen. Mit ihrer ältesten Tochter hegt die Witwe eine besonders innige Beziehung.

Sevgi (li.) und ihre Mutter Hasibe Ulubas, türkische Migranten und Mitglieder im Verein für Internationale Freundschaften in Dortmund. DW/ Karin Jäger, 14.01.2013

Mutter und Tochter helfen einander: Sevgi (li.) und Hasibe Ulubas

Sevgi Ulubas hat von klein auf als Übersetzerin ihre Eltern begleitet - auf Ämter, ins Krankenhaus oder zum Anwalt. Auch an diesem Nachmittag sitzt sie ganz dicht an der Seite ihrer Mutter, um stellvertretend für sie zu sprechen: "Papa hat 20 Jahre gearbeitet, dann wurde er dauerhaft krank und bekam eine Arbeitsunfähigkeitsrente. Doch die reichte nicht aus, um die Familie zu ernähren." Hasibe Ulubas, die als einzige in der Runde Kopftuch trägt, musste ihren Mann pflegen und ging nebenbei zwei Stunden am Tag putzen. Um im Ruhestand überleben zu können, braucht sie soziale Unterstützung. Ihr fast faltenfreies Gesicht strahlt Güte und Dankbarkeit aus.

"Bescheidener Reichtum" dank Vater Staat

Die Russin Nadeschda Hagen folgte ihrem deutschstämmigen Ehemann 2001 nach Deutschland. 26 Jahre hat sie in einem Chemiewerk gearbeitet, mit Ammoniak und anderen Giften experimentiert. Trotzdem wollte sie ihre Verwandten in Sibirien nicht verlassen, um im fremden Deutschland zu leben. Jetzt will sie nicht mehr weg von hier. "Wie schön war das anfangs in Dortmund. Ich habe in einem Second-Hand-Laden gearbeitet, Kontakt zu Leuten gehabt und Deutsch gelernt", schwärmt Nadeschda Hagen. Heute bezieht sie Arbeitslosenhilfe, das genüge, um die Miete für die kleine Wohnung, Essen und Kleidung zu kaufen. "Mein Mann trinkt nicht mehr, er raucht nicht. Ich kann stricken, backen. Wir improvisieren, trotzdem fühle ich mich reich." gibt sie offen zu.

Bildtext: Mathilde Schmidt, Russlanddeutsche und Mitglied im Verein für Internationale Freundschaften in Dortmund. DW/ Karin Jäger, 14.01.2013

Kam 1993 aus Sibirien nach Deutschland: Mathilde Schmidt

Auch Mathilde Schmidt will nicht klagen. Als Russland-Deutsche bekommt sie, wie der Mann von Nadeschda Hagen, Altersbezüge auf Basis des Fremdrentengesetzes. Die richten sich nach den erworbenen Ansprüchen in der Sowjetunion. Sie erzählt, dass sie 1993 nach Deutschland einreiste: "Gott sei Dank, denn alle die nach 1995 kamen, bekommen aufgrund einer Gesetzesänderung weniger und sind abhängig von Sozialleistungen." Alle hören gespannt zu als Mathilde Schmidt erzählt, wie sie als 4-Jährige nach Sibirien verschleppt wurde. Als Erwachsene hatte sie dort kein Geld und jetzt hier wieder nicht. Früher habe sie immer mal davon geträumt, eine Schiffskreuzfahrt zu unternehmen, aber nun könne sie sich überhaupt keinen Urlaub leisten. Das klingt wehmütig, ehe sie fortfährt: "Aber hier habe ich die Freiheit." Die anderen am Tisch nicken zustimmen. Viel schlimmer als ihre Generation seien die Jungen dran. Die bekämen doch nur noch befristet Arbeit. "Die können weder für sich selbst noch für eine Familie oder ihre Eltern sorgen", beklagt die Rentnerin.

Verein mit Vorbildcharakter

"Ein Anliegen des Vereins ist es daher, alle Mitglieder frühzeitig aufzuklären und zu beraten", erzählt die Vereinsvorsitzende Viktoria Waltz, die regelmäßig Experten gewinnen kann, die über Themen wie Vorsorge, gesunde Ernährung und Altenpflege referieren. Außerdem haben die Vereinsmitglieder eine Broschüre mit wichtigen Informationen rund um das Gesundheitswesen erstellt. Alle Ärzte mit Fremdsprachenkenntnissen im Dortmunder Stadtgebiet sind aufgelistet. Fragen zu Pflege, Medikamenten, Zuzahlungen und Vollmachten werden in einfachen Worten beantwortet.

Audio anhören 07:19

Gespräch mit Dr. Elke Olbermann, Institut für Gerontologie der TU Dortmund

Ein Vorteil für Migranten in Deutschland sei die medizinische Vorsorge und die Versorgung im Krankheits- und Pflegefall durch den Staat, sagt Sevgi Ulubas noch zum Abschluss. Die öffentliche Hand wird diesbezüglich künftig noch mehr gefordert sein, diese Leistungen sicher zu gewährleisten. Bis zum Jahr 2020 werden zwei Millionen Migranten das Rentenalter erreicht haben und pflegebedürftig sein. Auch das steht, wie zur Warnung, gleich vorn auf dem Umschlag des vereinseigenen Infohefts zu lesen.

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