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Kultur

Alt, aber hochmotiviert

Die Senioren von heute sind so agil wie nie. Immer mehr fangen im Ruhestand noch mal etwas ganz Neues und Anderes an – sie engagieren sich ehrenamtlich in Sozialprojekten für Junge und Alte.

Senioren bei der Gartenarbeit (Foto: Generali Zukunftsfonds/Birgit Betzelt)

Gartenarbeit hält fit

Was fangen drei Menschen, die gerade in den Ruhestand gewechselt sind, mit ihrer Zeit an? Für Egbert Haug-Zapp und seine Rentnerkollegen keine Frage: Sie gründen einen Verein namens Gingko und bauen gemeinsam mit der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft ein Haus für generationenübergreifendes Wohnen, wo jeder dem anderen zur Seite steht. So entstanden 31 barrierefreie Wohnungen, die gerade für Ältere höchsten Komfort bieten. Denn die meisten Älteren wollen nicht ins Altenheim, aber auch ihren Kindern nicht lästig werden, selbst dann nicht, wenn man pflegebedürftig wird. "Das ist bürgerschaftliches Engagement auf Gegenseitigkeit", so Egbert Haug-Zapp. "Jeder bringt die Kompetenzen mit ein, die er im Beruf und im Leben erworben hat, weil das dem Alter mehr Sinn gibt. Die einen können noch den Garten betreiben und die Handwerkergruppe kann noch den tropfenden Wasserhahn reparieren."

Vorlesen für das Gemeinwesen

Eine Vorlesepatin liest Kindern vor. Quelle: Generali Zukunftsfonds/Birgit Betzelt.

Vorlesepatin

Bewohner, die keine handwerklichen Tätigkeiten mehr leisten können, sind als Vorleser wunderbar geeignet. Das Credo von Gingko: Jeder kann bis zum Tod Sinnvolles für eine Gemeinschaft einbringen. Einfach war es allerdings zu Anfang nicht, das ehrenamtliche Projekt auf die Beine zu stellen, erinnert sich Egbert Haug-Zapp. Es galt bei der Stadt und der Kommune viel Überzeugungsarbeit für diese ungewöhnliche Idee zu leisten und ein Haus zu bauen, das quasi auf freiwilligem Engagement errichtet wurde. Doch das Fundament trägt! Heute hat der Verein Gingko über 50 Mitglieder, ein weiteres Haus ist schon in Planung.

Kostenlose Bildung für alle

Voller Pläne, Elan und Tatendrang ist auch Gudrun Halbrock. Sie zählt ebenfalls zu jenen, die lieber sinnvolle Freiwilligenprojekte entwickelt, als nur über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu klagen. Die ältere Dame hat nach ihrer Pensionierung noch ein psychotherapeutisches Studium absolviert und arbeitet jetzt mit Kindern und Eltern in ihrer Praxis. Gleichzeitig initiiert sie ehrenamtlich Erziehungs- und Bildungsprojekte. Unter dem Motto "Hamburg - kinderfreundliche Stadt" fördert sie Theaterkurse, Freizeitangebote, Schulprojekte für besseres Miteinander.

Eine ältere Frau wirbt auf der Straße für die Arbeit für das Gemeinwohl Quelle: G. Halbrock

Werben für das Gemeinwohl

Zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen gehören zu den Bildungsverlierern, warnt Gudrun Halbruck. Das sind vor allem Kinder aus armen Familien, von Alleinerziehenden oder mit Migrationshintergrund. Schockiert von den sich häufenden Presseberichten über Kinder, die vernachlässigt wurden, hat sie eine Bildungsinitiative ins Leben gerufen, in der sie gemeinsam mit anderen Erziehungskurse für Eltern und Pädagogen fördert. Titel: Bildungsaufbruch: Glück für jung und alt. "Bildungsverlierer neigen häufiger zu Gewalt oder zu Radikalität und werden von Gruppen sehr schnell angezogen, die sich radikalisieren. Die Politik muss ihr Versprechen einlösen, mehr für Bildung zu tun und die Gesellschaft muss das auch als ihr Anliegen sehen. Eben so wie bei den Afrikanern, wo es heißt: Ein ganzes Dorf ist für die Erziehung zuständig- also alle."

Lebenssinn stiften mit der eigenen Stiftung

Vielen Kindern und Jugendlichen hat die ältere Dame schon helfen können, hat dafür sogar eine eigene Stiftung ins Leben gerufen. Interessierte Senioren können unter diesem Dach Patenschaften für Kinder übernehmen, angehende Auszubildende bei der Lehrstellensuche unterstützen oder auch überforderten Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Engagement von Gudrun Halbruck soll da wirken, wo Politik und Gesellschaft noch zu wenig für die sogenannten Bildungsverlierer tut.

Portraitfoto Prof. Hans Fleisch vom Bundesverband Deutscher Stiftungen (Foto: Bundesverband Deutscher Stiftungen)

Hans Fleisch

"Bürgerschaftliches Engagement ist schon heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen unverzichtbar, wird aber vor dem Hintergrund des demographischen Wandels einen regelrechten Boom erleben". Das betont auch Professor Hans Fleisch, Generalsekretär beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Er bestätigt, dass mehr und mehr Senioren sogar eigene Stiftungen gründen, um ihr Ideal vom Dienst am Mitmenschen zu verwirklichen. "Es ist gut für die Seele. Man tut etwas für sich selbst. Und auf der anderen Seite ist es gesellschaftlich notwendig, dass diejenigen, die Zeit haben, andere entlasten und mehr Aufgaben im Gemeinwesen übernehmen."

Alt gleich krank stimmt längst nicht mehr

Zwar hat das Alter in der Gesellschaft immer noch das Image, das sich ausschließlich an Defiziten orientiert, an Krankheit, Lethargie und Pflegebedürftigkeit. Doch das Bild wandelt sich zugunsten der gesamten Gesellschaft. Die Zahl der Initiativen wächst täglich. In den vergangenen 10 Jahren ist der Anteil der Senioren von allen bürgerschaftlich Engagierten am stärksten gestiegen. Aufgabe der Politik wird es sein, Informationsstellen und Förderinstrumente zu schaffen, um Menschen mit Interesse am Engagement zu motivieren. Gerade die klassischen, sozialen Einrichtungen, die karitativen Organisationen, Altenheime, Bürgerbüros, Stadtteiläden und Kirchengemeinden im Stadtviertel werden dabei eine ganz zentrale Rolle zukommen. Sie werden sich zunehmend zu Maklern und Kontaktbörsen entwickeln, damit freiwillige Helfer und Hilfesuchende unbürokratisch und schnell zueinanderfinden.

Autor: Peter Kolakowski

Redaktion: Günther Birkenstock

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