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Wirtschaft

Alstom - Symbol für Frankreichs Probleme

Siemens und der US-Konzern GE werben um den französischen Konzern Alstom. Frankreichs Präsident hat die Übernahme zur Chefsache gemacht. Die Geschichte zeigt beispielhaft die Probleme des Landes.

Eigentlich waren sich Alstom-Chef Patrick Kron und GE-Boss Jeffrey Immelt schon einig: GE, einer der größten Technologiekonzerne der Welt, sollte die französische Firma für fast zehn Milliarden Euro übernehmen. Doch die beiden Unternehmer hatten die Rechnung ohne die Politik gemacht.

"Wir lehnen es ab, dass dieses nationale Aushängeschild hinter dem Rücken der Aktionäre, der Beschäftigten und der französischen Regierung verkauft wird", teilte Frankreichs Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg am Montagmorgen per Twitter mit. Man werde "die wirtschaftlichen und industriellen Interessen Frankreichs verteidigen", so Montebourg.

Aufschrei der Politik

Alstom gilt in Frankreich als strategisch bedeutsames Unternehmen, weil es im Energiesektor tätig ist und insbesondere Turbinen für die zahlreichen Atomkraftwerke des Landes herstellt. Doch es geht um mehr: Der Fall Alstom sei "leider ein weiteres Zeichen dafür, dass Frankreich aus der Spur geraten ist", so Jean-François Copé, Vorsitzender der konservativen Oppositionspartei UMP gegenüber dem Sender Europe 1.

"Lasst uns nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen", twitterte der frühere sozialistische Minister Jean-Pierre Chevènement. Als Beispiele nannte er "Pechiney, Arcelor-Mittal, Lafarge", alles Industriekonzerne, die von der Konkurrenz aus dem Ausland geschluckt wurden.

Nicht aufgeführt in Chevènements Liste ist der Einstieg des chinesischen Investors Dongfeng und des französischen Staates bei PSA-Peugeot-Citroën. Am vergangenen Freitag hatten die Aktionäre des angeschlagenen Autobauers grünes Licht für die Rettungsaktion gegeben.

Verlust der Industrie

Die Beispiele zeigen, dass Frankreich Gefahr läuft, seine industrielle Basis zu verlieren. Die europäische Statistikbehörde Eurostat hat errechnet, dass die Industrie nur einen Anteil von 12,8 Prozent an der französischen Wirtschaftsleistung hat - das ist nur halb so viel wie in Deutschland und auch deutlich weniger als in Spanien oder Italien.

Vor zehn Jahren noch hatte die damalige konservative Regierung Alstom mit Steuergeld gerettet und eine Übernahme der Energiesparte durch Siemens verhindert.

Jetzt soll genau das - die Übernahme der Energietechnik durch Siemens - die Lösung bringen. Im Gegenzug soll der deutsche Konzern bereit sein, das Geschäft im Schienenverkehr an Alstom abzugeben. Bisher konkurriert die französische Firma mit ihren Hochgeschwindigkeitszügen TGV mit den ICE-Zügen von Siemens.

Bildergalerie Hochgeschwindigkeitszüge Frankreich TGV

Alstom-Produkt TGV - der Hochgeschwindigkeitszug konkurriert mit dem ICE von Siemens

Vorteil für Siemens

General Electric (GE) und Siemens machen im Industriegeschäft jeweils rund 75 Milliarden Euro Umsatz, verglichen mit rund 20 Milliarden Euro bei Alstom. "Alstom macht einen großen Teil seiner Geschäfte mit französischen Kunden, etwa der französischen Bahn SNCF oder dem Energieversorger Gaz de France", sagt Tomasz Michalski, Ökonom an der Wirtschaftshochschule HEC in Paris. "Und diese Kunden haben in den letzten Jahren nicht viel eingekauft."

Die französische Regierung scheint das Angebot von Siemens einer Übernahme durch GE vorzuziehen, aber keine grundsätzlichen Einwände gegen eine Intervention aus dem Ausland zu haben. "Es gibt zwar noch immer diesen Reflex, dass Firmen französisch bleiben sollen", so HEC-Professor Michalski gegenüber DW, "doch die Regierung weiß, dass sie stark verschuldet ist und wenig finanziellen Spielraum hat für eine Intervention."

Langsames Umdenken

Michalski sieht Anzeichen für einen Gesinnungswandel, der nicht nur in fehlenden Mitteln begründet ist. Als der Stahlkonzern ArcelorMittal 2012 seine Hochöfen in Lothringen stilllegte, habe es zwar einen Aufschrei der Politik gegeben, aber letztlich keine Intervention. Auch als im April dieses Jahres Lafarge, der weltweit zweitgrößte Baustoffhersteller, nach der Fusion mit dem Schweizer Branchenprimus Holcim ankündigte, seine Zentrale in die Schweiz zu verlegen, griff die Regierung nicht ein.

Allerdings wolle der Staat unbedingt vermeiden, dass sich der Fall des traditionsreichen Industriekonzerns Pechiney wiederholt. Der damals viertgrößte Aluminiumproduzent der Welt wurde 2003 von der kanadischen Alcan-Gruppe übernommen. "Alcan hat Pechiney dann zerstückelt, einige Teile verkauft, andere geschlossen und Leute entlassen", sagt Ökonom Michalski.

Den Erhalt von Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen komplett den Interessen der Aktionäre ("shareholder") unterzuordnen, sei für die Franzosen ein Schock gewesen, weil das nicht ihrer Wirtschaftskultur entspreche. "Deshalb ziehen die Franzosen eine Allianz mit einer deutschen Firma vor", so Michalski. "Deren Kultur ist ihrer eigenen ähnlicher als die Shareholder-Kultur angelsächsischer Firmen."

Für den französischen Wirtschaftsminister könnten durch das Angebot von Siemens zwei europäische Champions entstehen. Montebourg vergleicht die Situation mit dem Aufbau des europäischen Flugzeugherstellers Airbus als Konkurrenz zum einst marktbeherrschenden US-Hersteller Boeing. "Entweder werden wir von Boeing gekauft", so Montebourg auf Twitter, "oder wir erschaffen einen Airbus der Energie und einen des Transports".

Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel findet die Idee durchaus charmant. Ein Zusammenschluss von Siemens und Alstom biete "große Chancen" für beide Länder, teilte sein Sprecher mit.