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Deutschland

"Als wäre ein guter Freund gegangen"

Die Welt verneigt sich beim Staatsakt in Hamburg vor dem verstorbenen Alt-Kanzler Helmut Schmidt. Marcel Fürstenau über den bewegenden Abschied in der St. Michaelis-Kirche.

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Letzte Ehre für Helmut Schmidt

Hamburg hält inne. Es ist eine vornehme Ruhe, die rund um die St.-Michaelis-Kirche an diesem 23. November zu spüren ist. Hanseatisch eben. Diese Stadt und ihre Bewohner wissen, wie man sich an einem so historischen Tag zu benehmen hat. Helmut Schmidt, der vor knapp zwei Wochen verstorbene Alt-Bundeskanzler, wäre stolz gewesen auf seine Hamburger. Und sie sind - wieder einmal - stolz auf ihren berühmten Sohn: Diesen Staatsakt hat sich der westdeutsche Regierungschef der Jahre 1974 bis 1982 mehr als verdient. Angeordnet wurde er von Bundespräsident Joachim Gauck, der wie Schmidts späte Amtsnachfolgerin Angela Merkel in Ostdeutschland aufgewachsen ist. Die Christdemokratin hält die dritte und letzte Ansprache zum Gedenken an den großen Sozialdemokraten.

Als Schmidt 1974 Nachfolger des legendären Willy Brandt wurde, war die in Hamburg (!) geborene und schon als Kind mit ihren Eltern in die DDR übergesiedelte Merkel knapp 20 Jahre alt. Die frühesten Erinnerungen an ihren Amtsvorgänger reichen aber bis 1962 zurück, als die Hansestadt von einer verheerenden Sturmflut heimgesucht wurde. Ein Polizeisenator namens Helmut Schmidt bewährte sich in der Stunde der größten Not als umsichtiger Krisenmanager. Eine Leistung, die sich bei der siebenjährigen Angela Merkel im anderen Teil Deutschlands "tief in mein Gedächtnis eingegraben hat". Kein Wunder: Das Mädchen bangt um Familienangehörige im fernen und für DDR-Bürger unerreichbaren Hamburg.

Das Kind Angela Merkel vertraut einem Mann namens Schmidt

Es ist ein typisches deutsches Schicksal im geteilten Deutschland, über das die heutige Bundeskanzlerin 53 Jahre später beim Staatsakt für Schmidt spricht. In der Sorge um seine Verwandten in Hamburg vertraut das Kind Merkel einem Mann, den sie gar nicht kennt. Ihm traut die Pfarrerstochter zu, die Sturmflut "unter Kontrolle und in den Griff zu bekommen". Als deutsche Regierungschefin anno 2015 würdigt sie die Leistungen des Staatsmannes Schmidt. Immer wieder fällt das Wort "Verantwortung". Ihr habe er sich stets gestellt und sei bereit gewesen, dafür "den höchsten Preis zu zahlen". Eine Anspielung auf das unfreiwillige Ende seiner Kanzlerschaft 1982, als sich die Freien Demokraten aus der Koalition mit der SPD verabschiedeten und ein Bündnis mit der CDU/CSU schmiedeten.

Nehmen Abschied: Kissinger, Scholz, Merkel, Lammert und Gauck (v.r.n.l.)

Nehmen Abschied: Kissinger, Scholz, Merkel, Lammert und Gauck (v.r.n.l.)

Er sei immer "standhaft" gewesen, lobt Merkel Schmidts Prinzipienfestigkeit. Eine Eigenschaft, die ihn zunehmend von seiner Partei entfremdete. Gegen den Willen der meisten Sozialdemokraten setzte er die Stationierung von NATO-Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik durch. Parallelen zu Merkels eigener Situation drängen sich auf. Auch sie erlebt seit Wochen, wie sich große Teile der Union von ihr abwenden, weil sie den Kurs in der Flüchtlingspolitik für falsch halten. "Nüchterner Pragmatismus" habe Schmidts Politikstil ausgezeichnet, sagt Merkel. Das gleiche wird ihr nachgesagt. Beim Staatsakt für ihren frühen Vorgänger findet die Kanzlerin immer wieder Worte, die auch auf sie gemünzt werden könnten: Etwa "dass die Welt offener wird" und viele Anstrengungen nötig seien.

Wegbegleiter aus aller Welt erweisen dem Verstorbenen die letzte Ehre

Schmidt hätte wohl seine helle Freude an Merkels Ausführungen gehabt. Sie erwähnt seine Freundschaft mit dem ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing. Der ist ebenso nach Hamburg gekommen wie EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker und zahlreiche andere Wegbegleiter Schmidts aus aller Welt. Natürlich erweisen auch die Spitzen der anderen deutschen Verfassungsorgane Schmidt die letzte Ehre: Staatsoberhaupt Joachim Gauck, Parlamentspräsident Norbert Lammert, Bundesratspräsident Stanislaw Tillich und der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle.

Insgesamt haben sich rund 1800 Ehrengäste im Michel eingefunden, wie die Hamburger ihre prächtige Barockkirche nennen. Sie werden Zeugen einer live im Fernsehen übertragenen Huldigung, die trotz aller Superlative niemals übertrieben oder gar peinlich anmutet. Auch nicht, als Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz seinen verstorbenen Parteifreund mit den Worten würdigt: "Wir haben einen Giganten verloren - politisch und menschlich."

Henry Kissinger: "Er war eine Art Weltgewissen"

Auch Henry Kissinger, der 1923 in Fürth geborene frühere US-amerikanische Außenminister, findet eine pathetische Formulierung für Schmidt: "Er war eine Art Weltgewissen", sagt er über den Elder Statesman und persönlichen Freund. Ein vertrauliches "Du" ist den beiden dennoch nie über die Lippen gekommen. Den anderen zu siezen war für beide eine Frage des Respekts und der Wertschätzung. Es reichte, sich beim Vornamen zu nennen. So hält es Kissinger auch beim Staatsakt. Die Freundschaft mit "Helmut" sei eine "Partnerschaft im Streben nach Wahrheit und Weisheit" gewesen, sagt der 92-Jährige.

Musikalisch ist der Staatsakt geprägt von Kompositionen Johann Sebastian Bachs, den der talentierte Pianist Schmidt am meisten verehrte. Es spielt das Philharmonische Staatsorchester der Hansestadt unter der Leitung seines Chefdirigenten Kent Nagano. Beim anschließenden großen militärischen Ehrengeleit erklingt zuletzt das "Lied vom guten Kameraden". Schmidt war vor seiner Kanzlerschaft auch Verteidigungsminister. Als der Sarg mit dem schwarz-rot-goldenen Bundesadler aus dem Gotteshaus getragen wird, stehen Tausende Hamburger hinter Absperrgittern Spalier. Schließlich ebnet sich der Sargwagen den Weg vom Michel zum Familiengrab im Stadtteil Ohlsdorf.

Abschied von Helmut Schmidt: Rund um die St. Michaelis-Kirche warten Tausende Hamburger

Ein letzter Gruß: Rund um die St. Michaelis-Kirche warteten Tausende Hamburger

Hamburg und die Welt nehmen endgültig Abschied von Helmut Schmidt. Stumm stehen die Menschen am Wegesrand. Als der große Sohn ihrer Stadt am 10. November gestorben ist, waren Millionen in aller Welt "tief berührt", sagt Pastor Alexander Röder zu Beginn des Staatsaktes. Tausende Hamburger erwiesen ihm damals spontan die letzte Ehre - mit Kerzen, Blumen, Bildern und Briefen. Ein Zeichen der menschlichen Nähe hätten viele empfunden, obwohl sie Schmidt niemals begegnet seien. Pastor Röder fasst die Trauer in einem Satz zusammen: "Als wäre ein guter Freund gegangen."

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