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Als Schimanski vor 35 Jahren in Deutschlands Wohnzimmer polterte

1981 war die deutsche Fernsehwelt noch in Ordnung, Doch dann mischte der laute und rotzige Kommissar Schimanski aus Duisburg die behäbige Krimiserie "Tatort" auf. Genau 35 Jahre ist das jetzt her.

Er steht im T-Shirt in seiner Küche, sucht in dem Chaos aus ungespültem Geschirr und leeren Dosen etwas zu Essen, schlägt schließlich zwei rohe Eier in ein Glas und trinkt. Er geht mit den Pfandflaschen vor die Tür und brüllt einen verrückt spielenden Nachbarn an: "Du Idiot, hör auf mit der Scheiße!" Er spricht mit vollem Mund, flucht, zahlt seinen Deckel in der Kneipe nicht und verprügelt Paparazzi, ("So ein Arsch!"). "Duisburg Ruhrort" ist der Titel des ersten Schimanski-Tatorts und wird am 28. Juni 1981 ausgestrahlt - vor 35 Jahren. Von da ab ist das Deutsche Fernsehen nie wieder wie es vorher war.

Bieder, langweilig und verstaubt

Seit 1970 ermitteln im Ersten Deutschen Fernsehen (ARD) jedem Sonntag Abend die Kommissare aus der "Tatort"-Reihe. Charakterköpfe, aber durch die Bank weg ruhige Zeitgenossen. Kommissar Trimmel mit gemütlichem Bierbauch. Der smarte Zollfahnder Kressin. Der pragmatische Kommissar Finke. Das bayerische Urgestein Kommissar Veigl. Oder der zurückhaltende Kommissar Haferkamp. Auch das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) zeigt solche Krimiserien, mit biederen Kommissaren wie "Derrick" und "Der Alte".

So nett sie alle sind, die Mentalität des deutschen Beamtentums ist in vielen Krimifolgen unübersehbar. Zähe Dialoge, große stille Räume, in denen sich wortkarge Szenen abspielen - dies alles ist selbst für den an Kummer gewöhnten deutschen Fernsehzuschauer auf Dauer gähnend langweilig. Aus den USA drängen andere, unterhaltsamere Krimiserien auf den deutschen Fernsehmarkt. Die sind lauter, schneller und witziger, und die Kommissare irgendwie viel cooler, ob Inspektor Columbo mit zerknittertem Trenchcoat, ob Lieutenant Kojak mit Lolli im Mund oder Privatdetektiv Magnum mit einem schnellen Ferrari unterm Hintern.

Ein neuer Typ muss her

Die Idee, einen ganz neuen Polizistentypus zu erschaffen, schwelt schon länger in den Köpfen deutscher Fernsehmacher. Hajo Gies, Regisseur vieler Schimanski-Tatorte, will den Polizisten als Mensch mehr in den Vordergrund stellen und erfindet die TV-Figur Horst Schimanski.

"Schimmi" ist in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, kann nicht mit Geld umgehen und lebt in den Tag hinein. Er wird kriminell, dann von einem Polizisten aufgegriffen und in die Polizeischule gesteckt. Fertig ist der Charaktertyp, der von nun an Deutschlands Fernsehkrimis nachhaltig verändern wird.

Im schmuddeligen Parka rüpelt sich Götz George von nun an als Kommissar Schimanski durch seine "Tatort"-Folgen. Er flucht in einem fort und hat überhaupt keine Lust, sich zu beherrschen. Wenn er einen unkooperativen Verdächtigen aufsucht, rutscht ihm regelmäßig die Hand aus, er selbst schont sich dabei auch nicht.

Schimmi kennt die Menschen "seiner" Stadt Duisburg, wie kein anderer Fahnder. Er weiß Bescheid, wer im kriminellen Milieu was zu sagen hat; er kennt die Gastarbeiter, die kleinen und die großen Kriminellen. Er ist rau, aber menschlich. Und bodenständig. Aber er ist und bleibt unangepasst, verstößt gegen alle Regeln, ernährt sich offenbar nur von Currywurst, rennt in Unterhose und fleckigen Klamotten durch seine unordentliche Wohnung und ist auch schonmal sturzbesoffen. Ihm zur Seite steht seine "bessere Hälfte": Hauptkommissar Christian Thanner, der ihn immer wieder mit Nachdruck ("Mensch, Horst!") zur Räson bringen muss.

So ein Deutschland will man nicht sehen

Und diese beiden werden nun auf die Fernsehzuschauer losgelassen. Das deutsche Publikum starrt mit vor Erstaunen aufgerissenen Augen auf den Fernsehschirm: Hier ist ja richtig Krawall! Mit der ersten Folge "Duisburg Ruhrort" zeigt dieser "Tatort" den Zuschauern das schmutzigere Deutschland: ärmliche Wohnungen, triste Stadtviertel mit düsteren Kneipen, Menschen ohne Perspektive, Dreck, soziales Elend und Gewalt.

Tatort Das Haus im Wald Krimi Serie Deutschland Filmstill (Foto: KPA UnitedArchives)

"Das Haus im Wald" - der 11. Schimanski-Fall von 1985

Duisburg, ein rauer Sündenpfuhl? Die Frage beschäftigt die gesamte deutsche Presse. Die Bild am Sonntag schreibt nach der Ausstrahlung: "Der Ruhrpott kocht. Sind wir alle Mörder oder Trinker?" Die Neue Ruhrzeitung spricht vom "Prügel-Kommissar" und fordert seine sofortige Entlassung, die Passauer Neue Presse empört sich über einen "Gassenjargon, gemixt mit handfesten Schlägereien und Spelunkenmilieu, dazu noch Rauschgift, Waffenschmuggel und Eifersucht - an Schwachsinn nicht zu überbieten!" Die links-alternative Tageszeitung taz jedoch ist begeistert: "Solche Bullen braucht das Land!"

Auch die Zuschauer mögen den Rüpel mit Herz. Vor allem im Ruhrgebiet, wo sich der Strukturwandel gerade in aller sozialen Härte vollzieht und es den Menschen dort an Identifikationsfiguren mangelt. Die Zechen schließen nach und nach, viele Menschen werden arbeitslos, fühlen sich von der Politik allein gelassen. Obwohl Schimanski nur eine fiktive TV-Figur ist, trifft er mit seiner Art den Nerv der Zuschauer - und wird zur Ruhrpott-Ikone. Nach ihm ist sogar eine Strasse in Duisburg benannt.

Zehn Jahre ermitteln Schimanski und Thanner, lösen 29 Fälle und werden im Dezember 1991 in Pension geschickt. Bis heute sind sie das bekannteste und erfolgreichste Ermittlerpar in der Tatort-Geschichte. Und sie sind Vorbild für viele spätere Ermittler. Bis heute steht in den meisten "Tatort"-Folgen nicht nur der Fall im Vordergrund, sondern auch die Kommissare: mit kantigen Persönlichkeiten und eigenen, auch schon mal privaten Geschichten.

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