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Kultur

Als "Klassenfeind" in der Kulturrevolution

Kulturrevolution und Klassenkampf prägten die Volksrepublik China 1973. In diesem Jahr flogen die ersten Westdeutschen zum Studieren ins Reich der Mitte - obwohl sie politisch unerwünscht waren. Ehemalige erinnern sich.

Schwarz-weiß-Bild: Die Fassade eines historischen Palast-Tores in Peking ist mit Propaganda-Sprüchen bedeckt.(02.1967, Quelle: dpa)

Zerrissen von der Kulturrevolution:
China vor rund 30 Jahren

Mit sicheren Bewegungen zupft Manfred Dahmer die Seiten der chinesischen Zitter. Das klassische Instrument, auf Chinesisch Guqin, hat er vor sich auf einem niedrigen Holztisch aufgestellt. Konzentriert beugt er sich darüber. Das Spiel auf der Guqin hat Manfred Dahmer vor rund 30Jahren in der Volksrepublik China gelernt.

Dahmer gehörte zu den ersten westdeutschen Studenten, die klassische chinesische Musik in China studieren konnten. In Deutschland hatte er zuvor sechs Jahre Sinologie studiert. Als Vorbereitung auf China half ihm das allerdings nur bedingt. "Sechs Jahre Chinesisch, da konnte ich vergleichsweise so viel wie nach vier Wochen Italienisch", erzählt Dahmer.

Eine Reise ins Ungewisse

Begonnen hatte der deutsch-chinesische Studentenaustausch in den frühen 1970er Jahren. China ächzte noch unter den Folgen der Kulturrevolution, die studentischen Roten Garden hatten das Land ins Bürgerkriegs-Chaos gestürzt - knapp an den Rand des Kollapses. Gleichzeitig gab es aber erste Anzeichen, dass China zu einer langsamen Öffnung in Richtung Westen bereit war. 1972 nahmen die Bundesrepublik Deutschland und die Volksrepublik China diplomatische Beziehungen auf.

Ein Jahr später war es dann soweit: Zehn Studenten packten ihre Koffer für die Reise nach Peking - unter ihnen auch Marina Salland-Staib. Der besondere Reiz für sie lag darin, in ein Land zu gehen, von dem man kaum etwas wusste: "Das einzige, wovon ich auf dem Gymnasium etwas über die Volksrepublik China erfahren habe, war die Kulturrevolution."

"Für Ausländer nicht erlaubt"

Schwarz-weiß-Bild: Ein junger Rotgardist mit Megafon spricht mit Mundschutz zu Passanten (Quelle: dpa)

"Das einzige, wovon wir wussten, war die Kulturrevolution"

Einige der Studenten zog es aus Abenteuerlust nach China. Andere aus Begeisterung für das ferne Land der Mitte. Wieder andere, weil sie einfach nur raus wollten aus Deutschland. Doch die angehenden Akademiker wurden weniger herzlich begrüßt, als von vielen erwartet. "Der Westen war als Wirtschaftsmacht durchaus willkommen - aber wir Studenten politisch überhaupt nicht", erinnert sich Salland-Staib.

Ausländer waren in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, um sie unter Kontrolle zu behalten, erzählt Manfred Dahmer. Sie durften nur auf festgelegten Straßen und bis zu einer bestimmten Grenze außerhalb Pekings fahren. "Dann stand dort ein Hinweis: 'Für Ausländer nicht erlaubt'."

Auch der Lebensalltag war härter als sich die Studenten ausgemalt hatten: Aufstehen zur chinesischen Nationalhymne morgens um halb sechs. Gymnastik vor dem Frühstück. Dann über den Tag abwechselnd Unterricht, Mahlzeiten und Selbststudium. In den Lehrbücher nur ein Thema: Klassenkampf. Und zusätzlich den gesamten Tag über Dauerpropaganda aus den Lautsprechern auf den Zimmern im Studentenwohnheim.

Ideale zerbrechen


Auf dem Campus hatten die Deutschen nur Kontakt zu handverlesenen chinesischen Kommilitonen. Unbeaufsichtigte Gespräche mit der chinesischen Bevölkerung waren Tabu. Auch Volker Klöpsch verbrachte zwischen 1975 und 1977 zwei Jahre in der VR China. Eine Zeit, mit der er auch viel Frustration verbindet: "Man war im Lande, aber man stieß ständig auf geschlossene Türen."

Dieses frustrierende Erlebnis verarbeitete jeder Student auf seine Weise. Mancher sah die Zeit in China als Überlebenstraining. Manch anderer knickte unter dem Druck ein. Besonders hart traf es diejenigen, die mit sozialromantischen Vorstellungen nach China gereist waren - angefeuert von der Stimmung der 68er-Bewegung auf der Suche nach einer besseren Gesellschaft.

Denn angekommen in China zeigte sich schnell: Nicht alles im Land der Mitte glitzerte so rosarot, wie es die chinesische Propaganda darstellte. "Das hat auch zu schweren inneren Krisen geführt bis hin zu psychischen Zusammenbrüchen. Weil man eben die Ideale, die man hatte, total umwerfen musste", erzählt Klöpsch.

Lebensprägende Erfahrung

Zurück in Deutschland gingen die Studenten sehr unterschiedliche Wege. Marina Salland-Staib baute für Daimler-Benz das LKW-Geschäft in China auf. Manfred Dahmer ging zum Rundfunk und produzierte unzählige Sendungen über chinesische Musik und Weltmusik. Weitere Studenten machten Hochschulkarriere oder spezialisierten sich auf klassische chinesische Medizin. Doch die Rückkehrer hatten eines gemeinsam: Der Aufenthalt im fernen China hatte sie fürs Leben geprägt.

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