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Politik

Als Israel überrumpelt wurde

Vor 30 Jahren, am 6. Oktober 1973, begann im Nahen Osten der Yom-Kippur-Krieg. Peter Philipp, damals als Korrespondent vor Ort, analysiert die bis heute reichenden Folgen für Israel und den Nahen Osten.

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Israelische Truppen nach der Wiedereroberung der Sinai-Halbinsel

In Israel ist der höchste jüdische Feiertag, der "Yom Kippur", ein Tag der totalen Ruhe und des Fastens: Der öffentliche Verkehr ruht, Rundfunk und Fernsehen senden nicht - und wer einigermaßen religiös ist, der verzichtet am Versöhnungsfest auf Essen und Trinken. Auch die Synagogen sind besser besucht als sonst: Man bittet Gott um Vergebung für die großen und kleinen Sünden des zurückliegenden Jahres.

So wird es auch 1973 erwartet: Am Nachmittag des 5. Oktober ist das Land bereits in Yom-Kippur-Stimmung und werden die Übergange zu den palästinensischen Gebieten geschlossen. Am Yom Kippur selbst, dem 6. Oktober, aber ereignen sich merkwürdige Dinge: Gegen Mittag kann man Passanten in einem arabischen Vorort "Kharb, kharb" rufen hören - "Krieg, Krieg". Und wenige Minuten später ein Anruf aus dem jüdischen Westteil Jerusalems: Dort seien plötzlich Autos auf der Straße zu sehen. Da stimme doch etwas nicht.

Und - es stimmt tatsächlich etwas nicht: Der vierte Nahost-Krieg ist ausgebrochen: Der "Yom-Kippur-", "Ramadan-" oder einfach "Oktober-Krieg". Israel ist völlig überrumpelt, als um 14 Uhr zeitgleich ägyptische und syrische Streitkräfte angreifen - die einen am Suez-Kanal, die anderen auf den Golan-Höhen.

Gegenangriff erst nach drei Tagen

Fünf ägyptische Divisionen mit 70.000 Mann überqueren an mehreren Stellen den Suez-Kanal und haben leichtes Spiel

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Der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat beobachtet israelische Stellungen im Sinai (1973)

mit den nur knapp 500 israelischen Soldaten, die Stellungen der sogenannten "Bar-Lev-Linie" östlich des Kanals halten. Bis Verstärkung aus dem Landesinneren kommt, haben die Ägypter ihre Brückenköpfe bereits ausgeweitet und einen Teil der Sinai-Halbinsel zurückerobert, die sie im Sechstagekrieg 1967 komplett an Israel verloren hatten.

Auch auf den ebenfalls seit 1967 von Israel besetzt gehaltenen Golan-Höhen sind die Israelis unvorbereitet. Fast verliert Israel die Kontrolle über die Golan-Höhen. Erst am dritten Tag des Krieges setzt der Gegenangriff richtig ein. In zwei Tagen hat man die Höhen wieder erobert, ab dem dritten Tag wird der Krieg in syrisches Gebiet hineingetragen. Die Israelis dringen dabei bis nach Sasa, etwa 40 Kilometer von Damaskus entfernt, vor. An der ägyptischen Front gelingt es ihnen, ihrerseits den Suez-Kanal zu überqueren und das Gebiet westlich davon zu erobern, bis hin zur Straße Suez-Kairo. Bei diesem Vorstoß wurde die Dritte Ägyptische Armee umzingelt und von ihrem Hinterland abgeschnitten.

Israelisch-ägyptischer Frieden

Der Krieg dauert länger als andere vor ihm. Unter anderem, weil die Supermächte die verfeindeten Seiten massiv mit Waffen versorgen und die Vereinten Nationen erst am 21. und am 22. Oktober zu einem Waffenstillstand aufrufen können. Der Aufruf wird gekoppelt an die Sicherheitsrats-Resolution 338, in der von einer gerechten Lösung des Nahostkonflikts die Rede ist und von der Notwendigkeit, besetztes Gebiet wieder aufzugeben. In Europa bekommt man in jenen Tagen zum ersten Mal die Waffe eines arabischen Öl-Boykotts zu spüren.

Am 24. Oktober kommen die Kämpfe zu einem Ende. Ägypten hat 15.000 Opfer zu beklagen, Syrien 3000 und Israel 770. Die Lage ist verworrener als zuvor. In langwierigen Verhandlungen wird dann aber ein Truppen-Entflechtungsabkommen ausgehandelt und Anfang 1974 zieht Israel sich vom Westufer des Kanals zurück; Ägypten geht auch wieder auf die Ausgangslinien des Krieges zurück. Auch auf den Golan-Höhen kommt es zu einer gegenseitigen Truppen-Entflechtung.

In Israel beginnt eine akribische Suche nach denen, die verantwortlich dafür sind, dass Israel militärisch derart überrumpelt werden konnte. Eine Untersuchungskommission kommt zum Schluss, dass der militärische Geheimdienst, aber auch die Politiker versagt haben. Ministerpräsidentin Golda Meir und Verteidigungsminister Moshe Dayan treten zurück. Sie kommen nie über das Versagen während des Oktoberkrieges hinweg. Dieser Krieg öffnet aber auch die Tür zu politischen Bemühungen: Da beide Seiten sich nun als Sieger dieses Krieges und deswegen als Gleichberechtigte fühlen, sind zumindest Ägypten und Israel schließlich zu einem Frieden bereit.