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Afrika

Als in Berlin Afrikas Schicksal beschlossen wurde

Vor 130 Jahren ging die Berliner "Kongo-Konferenz" zu Ende. Sie war der Auftakt für die koloniale Eroberung Afrikas. Die damals willkürlich auf dem Reißbrett gezogenen Grenzen prägen den Kontinent bis heute.

Fünf Meter hoch war die Wandkarte, die den Tagungsort im Berliner Reichskanzlerpalais beherrschte. Ein Abbild des afrikanischen Kontinents, klar umrissen, Flüsse, Seen, einige Ortsnamen - und viele weiße Flecken. Vertreter von 13 europäischen Staaten sowie der USA und des Osmanischen Reiches waren der Einladung des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck nach Berlin gefolgt. Es ging darum, die "Handelsfreiheit" im Einzugsgebiet der Flüsse Kongo und Niger zu regeln - was nichts anderes bedeutete, als Afrika mithilfe des Völkerrechts in Beschlag zu nehmen. Als die Konferenz am 26. Februar zu Ende ging, hatten die Teilnehmer die Grundlagen geschaffen, um den Kontinent untereinander aufzuteilen. Diejenigen, die dort lebten, wurden nicht gefragt. Afrikaner waren zu der "Kongo-Konferenz" nicht geladen. Das Schlussdokument, die "Kongoakte", wurde zum Fundament der Kolonialisierung.

Die neuen Herren Afrikas tranchierten in den Jahren danach den Kontinent nach eigenem Gusto: Mal dienten Gebirge und Flüsse als Grenzlinien, mal waren es Längen und Breitengrade. Oder man zog die Grenzen einfach mit dem Lineal.

Siedlungsgebiete zerschnitten, Handelsrouten gekappt

Aus Sicht vieler Historiker ist die Berliner Konferenz mit ihrer "Kongoakte" der Ausgangspunkt vieler innerafrikanischer Konflikte. "Afrika wurde aufgeteilt, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen zu nehmen", sagt Olayemi Akinwumi, Geschichtsprofessor an der Nasarawa State University in Nigeria.

Otto Fürst von Bismarck (Foto: dpa)

Konferenzgastgeber Bismarck: Kontinent untereinander aufgeteilt

Die Siedlungsgebiete von mehr als jeder zehnten ethnischen Gruppe wurden auf einmal durch Grenzen zerschnitten. Handelsrouten wurden gekappt, weil es nicht mehr erlaubt war, Geschäftsbeziehungen außerhalb der eigenen Kolonie zu pflegen. Studien belegen, dass Regionen, die auf diese Weise zerrissen wurden, bis heute wesentlich stärker unter Bürgerkriegen zu leiden haben und häufig ärmer sind, als andere. "Die Kongo-Konferenz hat einigen Ländern einen irreparablen Schaden zugefügt. Viele Länder leiden noch heute darunter", so Historiker Akinwumi.

In vielen Fällen, beispielsweise in Kamerun, hätten die Europäer die örtlichen Gegebenheiten und Bedürfnisse völlig missachtet, ergänzt Michael Pesek, der sich an der Universität Erfurt mit der afrikanischen Kolonialgeschichte befasst. Die Forschung sei jedoch inzwischen davon abgerückt, die willkürliche Grenzziehung als entscheidende Ursache für Konflikte im postkolonialen Afrika zu sehen. Die Menschen hätten gelernt, mit den Grenzen zu leben, die oft nur auf dem Papier bestehen: "Grenzen sind wichtig für die geopolitische Landschaft Afrikas. Für die Menschen vor Ort haben sie vielfach keine Bedeutung." Oftmals würden diese von den Grenzziehungen sogar profitieren - etwa durch Schmuggel.

Kaum Konflikte um Grenzen

In den 1960er Jahren, als die afrikanischen Kolonien nach und nach ihre Unabhängigkeit erlangten, hätten die afrikanischen Politiker die Möglichkeit gehabt, die kolonialen Grenzziehungen zu revidieren - doch sie verzichteten darauf. "Die Mehrheit der Politiker hatte die wahrscheinlich berechtigte Sorge, damit die Büchse der Pandora zu öffnen", so Pesek. "In Afrika hat es in den vergangenen Jahrzehnten zwar eine ganze Reihe an innerstaatlichen Konflikten gegeben, aber es gab kaum Konflikte um Grenzen."

Für die heutigen Konflikte sei deshalb weniger die Festlegung relevant, welches Stück Land belgischer, britischer, französischer oder deutscher Herrschaft unterstand. Die Schuld der Kongo-Konferenzteilnehmer wird dadurch aber nicht geschmälert. Grund für viele Konflikte in Afrika sei nämlich, dass die Kolonialherren die Bevölkerung in bestimmte Volksgruppen einteilten. "Viele der ethnischen Zugehörigkeiten, die wir heute haben, waren im 19. Jahrhundert weitaus offener und beweglicher", sagt der Erfurter Forscher Pesek. So verstanden sich etwa in Ruanda die Hutu und Tutsi in vorkolonialen Zeiten als soziale Gruppen. Ein Wechsel von der einen in die andere war durchaus möglich. Erst die koloniale Machtpolitik führte zu einer strikten Trennung beider Bevölkerungsgruppen - die dann 1994 zu dem grausamen Völkermord führte, bei dem rund eine Million Menschen ums leben kam.

Forderung nach Wiedergutmachung

Im Jahr 2010, zum 125. Jahrestag der Kongo-Konferenz, forderten zahlreiche afrikanische Staaten eine Wiedergutmachung für die Folgen des Kolonialismus. Die willkürliche Aufteilung Afrikas Ende des 19. Jahrhunderts durch die europäischen Mächte stelle ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar, hieß es in einer Erklärung. Die Unterzeichner forderten unter anderem eine Entschädigung für gestohlenes Land und andere Ressourcen sowie die Rückgabe geraubter Kulturgüter. Zudem sollten der Kolonialismus und die damit verbundenen Vergehen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt werden.

Deutscher Regierungsbeamter in Kamerun (Foto: dpa)

Deutscher Regierungsbeamter während der Kolonialzeit in Kamerun: Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Passiert ist seitdem nichts. Für Michael Pesek und Olayemi Akinwumi, die Historiker aus Deutschland und Nigeria, ist das nicht verwunderlich: "Man redet so viel von Wiedergutmachung, vom Sklavenhandel oder vom Holocaust. Aber man spricht selten von all den Verbrechen, die europäische Kolonialmächte im Laufe ihrer Präsenz von über hundert Jahren in Afrika dort verübt haben", sagt der Erfurter Pesek. Und sein afrikanischer Kollege Akinwumi resümiert: "Ich glaube nicht, dass es jemals eine Form von Wiedergutmachung geben wird."