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Geschichte

Als Hermann Göring eine kanadische Insel kaufen wollte

Mitten im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom liegt die Insel Anticosti. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs streckte Hermann Göring seine Hand nach dem Eiland aus.

Großer Besuch hatte sich in Berlin angekündigt. Im Juni 1937 besuchte William Lyon Mackenzie King die deutsche Hauptstadt. Der kanadische Premierminister war Deutschland seit langem verbunden, in seiner Jugend hatte er hier ein paar Monate gelebt. Vor allem der sogenannte zweite Mann in Hitlers Staat, Hermann Göring, hofierte den Kanadier. Bei einer gemütlichen Teestunde parlierte Göring mit seinem Gast und zeigte sich vor allem für das obligatorische Mitbringsel dankbar: einen kanadischen Bison. Später war Hitler an der Reihe, den Gast von der anderen Seite des Atlantiks zu begrüßen.

Anscheinend zeigte sich auch Hitler von seiner charmanten Seite. Kein Wunder, schließlich plante Göring eine kanadische Insel zu erwerben, noch dazu mitten im strategisch außerordentlich wichtigen Sankt-Lorenz-Strom. Die deutsche Charme-Offensive war erfolgreich. Mackenzie King reiste tief beeindruckt von der deutschen Gastfreundschaft nach Hause.

Mackenzie King (vorne links) besucht 1937 Berlin (Foto: Library and Archives Canada)

Der kanadische Premierminister im weißen Anzug (ganz links) 1937 in Berlin

Die Insel Anticosti

Später im Jahr speiste der kanadische Journalist William Glyn im Restaurant eines Hotels in Montréal. Der großen Tischgesellschaft von dreizehn Männern nebenan hätte er vermutlich kaum Beachtung geschenkt. Wenn diese nicht deutsch gesprochen und doch immer wieder einige Namen fallen gelassen hätten, mit denen Glyn etwas anfangen konnte: zum Beispiel "Anticosti" und "Consolidated Paper". Anscheinend hatten die Deutschen wie auch immer geartete Ambitionen bezüglich der Insel Anticosti – so viel konnte der Reporter der Unterhaltung entnehmen.

Tatsächlich gehört Anticosti, eine Insel im Sankt-Lorenz-Strom, nahe der Mündung des Flusses in den Atlantik gelegen, der kanadischen Provinz Québec an. Das fast 8.000 Quadratkilometer große Eiland besitzt eine illustre Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts kaufte der französische Schokoladenmogul Henri Menier die Insel und wollte sie wirtschaftlich nutzbar machen. Er gründete den kleinen Ort Port Menier und versuchte die wenigen Inselbewohner mit einer Steuer zu belegen. Ohne Erfolg. Stattdessen siedelte er Weißwedelhirsche an, um die Insel für Jagdgesellschaften attraktiv zu machen. Nach vielen gescheiterten Plänen landete die Insel schließlich im Besitz der Consolidated Paper Corporation. Und diese hatte große Pläne. "Deutsche verhandeln über den Kauf von Anticosti", titelte eine kanadische Zeitung Ende 1937. Angeblich wollte ein deutsch-niederländisch-belgisches Konsortium die Insel kaufen, um dort Holz zu schlagen.

Menier Schokoladenwerbung (Foto: picture alliance/akg-images)

Einst gehörte Anticosti der französischen Schokoladen-Dynastie Menier

Hitlers Vertrauter in Kanada

Doch dies war nicht der Artikel des aufmerksamen Reporters Glyn, der die Deutschen am Nebentisch hatte belauschen können. Dieser hatte nämlich herausgefunden, dass sich unter den dreizehn deutschen "Inselforschern", die er im Herbst 1937 belauscht hatte, auch Heinrich Wollert, ein Intimus Adolf Hitlers, sowie Arnold Agatz, ein Experte für Hafen- und Bunkerbau befanden.

Die Zusammensetzung der deutschen Gruppe ließ Glyn viel eher ein militärisches denn industriell motiviertes Vorhaben der Deutschen vermuten. Der Reporter schlug Alarm. Premierminister Mackenzie King, den Deutschen wohl gesonnen, wiegelte ab. Militärische Kreise aber waren durchaus besorgt. Per Brief versuchte Göring, die Kanadier von der Harmlosigkeit des deutschen Tuns zu überzeugen. Was schwer fiel, da die Deutschen im März 1938 in Österreich einmarschiert waren.

Die Ortschaft Port Menier auf Anticosti, Kanada, 1895 (Quelle 1895 - Henri Mernier - Anticosti Urheber Unknown) Urheber Unknown Genehmigung: Diese Bild- oder Mediendatei aus Kanada ist dort gemeinfrei in der Public Domain, weil einer der folgenden Gründe auf sie zutrifft: 1. sie unterlag dem Crown copyright der Regierungen des Commonwealth und wurde erstmals vor mehr als 50 Jahren veröffentlicht, oder sie unterlag nicht dem Crown copyright, und 2. sie ist eine Fotografie, die vor dem 1. Januar 1949 erstellt wurde, oder 3. der Urheber ist vor mehr als 50 Jahren verstorben.

Die Ortschaft Port Menier auf Anticosti

Aufklärung auf Anticosti

Vor allem die Amerikaner machten nun Druck. Anticosti liegt nicht weit vom amerikanischen Staatsgebiet entfernt, mit Leichtigkeit hätten deutsche U-Boote und Bomber die USA erreichen können. Hermann Göring als Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe phantasierte von einer Bombardierung New Yorks: "Wenn wir denen bloß ein paar Bomben aufs Dach schmeißen könnten, damit auch sie verdunkeln müssen!"

Die kanadische Regierung schickte eine Aufklärungsmission auf die entlegene Insel. Die fand auf dem schwer einsehbaren Anticosti zwar nichts. Aber was die Männer zu hören bekamen, war alles andere als beruhigend. Die angeblich wirtschaftliche Nutzung durch Holzabbau hätte die dreizehn deutschen Besucher nicht geschert. Stattdessen hätten sie die Geologie und Beschaffenheit des Eilands erkundet, so hieß es auf der Insel.

Hermann Göring begutachtet Hirschgeweihe (Copyright: CC BY-SA 3.0 DE)

Der "Reichsforstmeister" Hermann Göring war sehr an einem Kauf der Insel Anticosti interessiert

Geheimnisvolle Explosionen

Angesichts des sich abzeichnenden Zweiten Weltkriegs wandte sich die Stimmung der Kanadier entschieden gegen das nationalsozialistische Deutschland. Der Besitz der Insel Anticosti blieb Hermann Göring verwehrt. Auch der Versuch, die rund halbe Million Deutschkanadier im nationalsozialistischen Sinn zu mobilisieren, schlug weitgehend fehl. 1938 erhielt ein Nazi-Anhänger in der Provinz Saskatchewan Schläge, weil er mit "Heil Hitler" grüßte. Wenig später zogen die kanadischen Soldaten gegen Deutschland in den Krieg.

Auf der Insel im Sankt-Lorenz-Strom kehrte wieder Ruhe ein. Bis einige Zeit später geheimnisvolle Explosionen die Insel erschütterten. Eine Erklärung blieb die Besitzerin Consolidated Paper schuldig. Die Gerüchteküche brodelte: Vielleicht hatten die Deutschen doch mehr auf Anticosti zurückgelassen, als ursprünglich gedacht.

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