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Geschichte

Als die Deutschen in Togo eine "Musterkolonie" errichteten

Auf ihre kleinste deutsche Kolonie in Afrika waren die Deutschen besonders stolz. Die "Musterkolonie" war wirtschaftlich rentabel – weil die Einheimischen ausgeplündert wurden.

Einen weiten Weg hatte Gustav Nachtigal zurückgelegt. Ganz Westafrika musste der berühmte Afrikaforscher auf dem deutschen Kanonenboot "S.M.S. Möwe" umrunden, bis er an das erste Ziel seiner Reise gelangte. Vor der Küste Togos stoppte das Schiff seine Motoren. Am 5. Juli 1884 hisste Nachtigal hier die deutsche Flagge. Das sogenannte "Togoland" war damit offiziell ein deutsches "Schutzgebiet". Nach Deutschland konnte Nachtigal seinen Erfolg vermelden: "Ich habe Protektionsvertrag mit dem König von Togo und seinen Häuptlingen geschlossen.“ Diesmal also hatte Nachtigal nicht die Erforschung Afrikas, sondern die Kolonialpolitik hierher geführt. Als Reichskommissar für Deutsch-Westafrika war es seine Aufgabe, für Deutschland Kolonien zu reklamieren. Kurze Zeit später nahm er bereits Kamerun für das Deutsche Reich in Besitz.

"Der Platz an der Sonne"

Die europäischen Mächte lieferten sich in dieser Zeit einen "Wettlauf um Afrika". Dabei waren es vor allem Franzosen und Briten, die einen großen Teil des Kontinents unter sich aufgeteilt hatten. Doch auch die Deutschen verlangte es nun nach Kolonien. 1897 fasste der deutsche Außenminister Bernhard von Bülow die deutsche Position zusammen: "Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne." Mit "Togoland" hatten sich die Deutschen 1884 zumindest ein kleines Stück Afrika gesichert. Nachdem sie ihren Besitz auch mit Gewalt weiter ins Landesinnere ausgedehnt hatten, herrschten sie über etwa eine Million Menschen in dem nicht ganz 90.000 Quadratkilometer großen Landstrich, der sich von einem kurzen Küstenstreifen weiter ins Landesinnere hinein zog. Togo war die kleinste deutsche Kolonie in Afrika. Dafür aber die einzige, die wirtschaftlich für die Kolonialherren rentabel war – nicht zuletzt auch aufgrund der hohen Besteuerung der Einheimischen, die zudem zu Pflichtarbeiten heran gezogen wurden. In Deutschland galt Togo als die "Musterkolonie".

Togo, Lome, Verladen von Baumwollballen Copyright: Deutsches Ausland-Institut (Bild 137) Accession number Bild 137-003032

Vor dem Bau der Landungsbrücke mussten die Waren mit Brandungsbooten zu den Schiffen gebracht werden

Wirtschaftlich interessiert waren die Deutschen vor allem an den landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Kolonie: Sie lieferte begehrte Güter wie Baumwolle, Erdnüsse, Kautschuk und Kaffee. Damit die Güter schnell an die Küste transportiert werden konnten, erbauten die deutschen Kolonialherren mehrere Eisenbahnlinien, ganz ihrem Zweck entsprechend benannt unter anderem mit "Kokosnussbahn" oder "Baumwollbahn“.

Die "Musterkolonie"

Die Stadt Lomé am Golf von Guinea wuchs zur Hauptstadt und zum Handelszentrum heran. Hier errichteten die Deutschen die Residenz des Gouverneurs, Beamtenwohnungen und Handelsniederlassungen. Von den Einheimischen hielten sich die etwa dreihundert Deutschen strikt getrennt. Offiziell zumindest: Da eine Beziehung zu einheimischen Frauen strikt verpönt war, nahmen viele Deutsche – hierher verschlug es in erster Linie alleinstehende Männer – sich inoffiziell eine Geliebte. Den Kindern aus diesen Beziehungen wurde die Anerkennung verweigert. Generell genossen die Togoer in ihrem Land kaum Rechte. Wer Kritik äußerte, erhielt die Prügelstrafe.

Bei der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes stand den Deutschen hingegen ein großes Hindernis entgegen: Lomé besaß keinen natürlichen Hafen, Waren mussten mit kleinen Brandungsbooten vom Strand zu den weiter draußen liegenden Frachtschiffen transportiert werden. Mit großer Gewalt prallt das Wasser des Atlantiks vor Lomé auf die Küste – für Mensch und Güter ein gefährliches Geschäft. Seit 1904 ragte deshalb ein beeindruckendes Bauwerk ins Meer vor Lomé hinein – eine über 300 Meter lange Landungsbrücke. Nun stand der wirtschaftlichen Ausplünderung der Kolonie nichts mehr im Wege.

Alte Landungsbrücke in Lome (Togo) Date 1904-1914 (?) Copyright: Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main [1] Author O. Oehlerking

Der Schiffsanleger war Lomés Tor zur Welt

Togoisch-Bayerische Freundschaft

Lange erfreuen konnte sich das Deutsche Reich keineswegs an der afrikanischen "Musterkolonie". Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, eroberten Briten und Franzosen Togo in kürzester Zeit von ihren benachbarten Kolonien aus. Der Westen Togos wurde nach Kriegsende von Großbritannien verwaltet, der Osten von Frankreich. Nur dieser östliche Teil erlangte 1960 die Unabhängigkeit, der Westen schloss sich zuvor dem neuen Nachbarstaat Ghana an.

Togos Präsident Gnassingbé Eyadéma vor der Abreise nach einem Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten Copyright: gemeinfrei

Der togoische Diktator Gnassingbé Eyadéma

Der neue Staat Togo pflegte bald eine ganz besondere Beziehung zu dem deutschen Bundesstaat Bayern. Der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß war ein guter Freund des togoischen Diktators Gnassingbé Eyadéma – eine sehr umstrittene Freundschaft, da Eyadéma die Opposition gewaltsam unterdrückte. Als Strauß 1983 Togo besuchte, war das Land im Ausnahmezustand, die Menschen skandierten: "Josef ist der Größte". Und Strauß erklärte in unseliger Erinnerung an die einstige deutsche "Musterkolonie", dass Togo wieder zum "Musterland" werden sollte.

Mit Strauß‘ Tod 1988 ging die bayerisch-togoische Duzfreundschaft zu Ende, doch die Familie Eyadéma beherrscht das bitterarme Togo noch immer. An die deutsche Vergangenheit erinnern die zahlreichen Gebäude aus der Kolonialzeit in Lomé – und die Pfeiler der deutschen Landungsbrücke, die sich noch immer aus dem Wasser des Atlantiks erheben.

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