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Kultur

Als das Wünschen noch geholfen hat

Eine der ältesten Kulturformen ist wieder aktuell: Märchen. Und keineswegs nur für Kinder. Auch Erwachsene lauschen den Geschichten, in denen Ängste und Träume, Wünsche und Wunder thematisiert werden.

Fotomontage der beiden Grimmschen Märchen 'Hänsel und Gretel' und 'Schneeweißchen und Rosenrot' (Foto: Ullstein-Bild/ DW)

Das Grimmsche Märchen von "Hänsel und Gretel" ist wohl immer noch einer der Klassiker unter den deutschen Märchen. Kaum ein Wochenende, an dem es nicht eine Aufführung oder Lesung dieses Märchens irgendwo in Deutschland gibt. Und das nicht nur zu Weihnachten, wenn auch noch die Knusperhäuschen landauf landab in den Bäckereien verkauft werden. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren stellen Experten eine Art Renaissance der Märchenkultur in Deutschland fest. An vielen Orten finden Erzählfestivals und Märchenvorführungen statt. Es gibt Märchentage in Hamburg und Hanau - dem Geburtsort der Brüder Grimm - in Steinach und nicht zuletzt alljährlich in Berlin. 

Dornröschen liegt schlafend in einem Sessel. Farblithographie, 1879, von Konrad Dielitz (geb.1845) (Foto: picture-alliance / akg-images)

Reaktionär? Spießig?

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren Märchen zumindest in Westdeutschland als reaktionär, realitätsfern und spießig verpönt, in der DDR hielt sich die Märchenkultur länger. Besorgte Erziehungsberechtigte glaubten zudem, dass Märchen einfach zu grausam und daher schädlich für Kinder seien. 1975 machte der aus Österreich stammende amerikanische Psychologe Bruno Bettelheim mit seinem Buch: "Kinder brauchen Märchen" Furore.

Der Band avancierte zum Bestseller und ist noch heute ein Klassiker. Bettelheim untersuchte Märchen auf ihre psychologische Struktur und stellte fest, dass die Geschichten trotz aller Grausamkeiten wertvoll und wichtig für Kinder waren. Eine Neuentdeckung und –bewertung der Märchenkultur folgte. Märchen werden seither wieder geschätzt als eine der ältesten Kulturtechniken, die der Mensch beherrscht, seit er der Sprache mächtig ist. Und das lebendige Erzählen hat Konjunktur, manchmal wird es auch modisch "Live-Performance" genannt.

Märchenerzähler organisieren sich

Kinder lauschen im Kindergarten einer Märchenerzählerin (Foto: Bilderbox)

Ganz schön spannend und manchmal auch schaurig

In den 1950er Jahren gründete sich die Europäische Märchengesellschaft. Damals waren Märchen meist nur wissenschaftliche Forschungsobjekte, alles Folkloristische stand, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, unter dem Generalverdacht der Deutschtümelei. Seither bemüht sich dieser Verband um die Verbreitung von Märchen, veranstaltet Kongresse und bietet Seminare für angehende Märchenerzähler an. Auf diese Weise führt man immer wieder Menschen zusammen, die sich mit Märchen beschäftigen, sei es als Wissenschaftler, als Erzähler oder einfach nur als Liebhaber dieser Geschichten.

Märchen können heilen

Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg liest Berliner Schülern das Märchen von 'Hans im Glück' vor. Guttenberg trat in der Veranstaltungsreihe 'Politiker erzählen Märchen' des Deutschen Zentrums für Märchenkultur auf (Foto: AP)

"Politiker erzählen Märchen"

Märchenerzähler haben längst nicht mehr nur Kinder als Publikum, sie bieten ihre Geschichten vor Afghanistan-Soldaten, in Hospizen, Gefängnissen, beim Frauenkreis und in der Suchthilfe dar. Die "Märe", ein mittelhochdeutsches Wort für Kunde oder Bericht, verhandelt generelle Menschheitsthemen: elementare Konflikte und uralte Erfahrungen. Immer befindet sich der Märchenheld in einer scheinbar ausweglosen Lage, er muss Hindernisse überwinden, Rätsel lösen, Ungeheuer bezwingen und doch findet er eine Lösung.

Dabei geht es häufig um das Individuum, das übermächtige Eltern oder Stiefmütter abschütteln muß, um seinen eigenen Weg zu gehen. Diese Modelle können Menschen in den verschiedensten Lebenssituationen Mut und Kraft geben. Märchen haben zuweilen eine heilende Funktion, erklärt der Direktor der Märchengesellschaft, Heinrich Dieckerhoff: "Sie haben aber keine direkte erzieherische Absicht". 

Märchen fördern Sprache

Das mündliche Erzählen, nicht das Vorlesen, macht dabei einen ganz besonderen Zauber aus. Ein geübter Erzähler schmückt die Geschichte immer wieder ein wenig anders aus, je nach Publikum. Bei Kindern und Jugendlichen haben Märchen zudem auch noch eine sprachfördernde Funktion. Sie weisen einen Wortschatz von rund 20.000 Wörter auf, während eine Boulevardzeitung mit 2500 Wörter auskommt.  

Beliebt, bekannt, gebraucht

"Schneewittchen"  im Osten und "Hänsel und Gretel" im Westen -  das seien die bekanntesten Märchen in Deutschland, hat das Allenbachinstitut mit einer Umfrage vor einiger Zeit herausgefunden. Über achtzig Prozent der Befragten waren überzeugt, dass Kinder auch heute Märchen brauchen. Denjenigen, die immer noch finden, Märchen seien grausam und frauenfeindlich, sei gesagt: Sie gehen gleichwohl gut aus, besonders für den Haupthelden.

Autorin: Katja Lückert

Redaktion: Cornelia Rabitz

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