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Wissen & Umwelt

Als blinde Passagiere unterwegs

Unzählige fremde Tiere und Pflanzen tummeln sich in deutschen Gewässern. Manche sind hübsch anzuschauen, meistens aber richten sie gehörigen Schaden an. Im schlimmsten Fall machen sie alles andere um sich herum nieder.

Die chinesische Wollhandkrabbe kam vermutlich als Larve im Ballastwasser nach Europa (Foto: picture alliance/dpa)

Die chinesische Wollhandkrabbe kam vermutlich als Larve im Ballastwasser nach Europa

In deutschen Flüssen, Seen und Teichen geht es international zu. Da ist zum Beispiel die Körbchenmuschel aus Asien. Sie ist mittlerweile die häufigste Muschelart im Rhein. Die Rotwangen-Schmuckschildkröte aus den Vereinigten Staaten ziert deutsche Stadtteiche und der amerikanische Ochsenfrosch quakt rund um Karlsruhe. Alle gebietsfremde Arten haben eines gemeinsam: Der Mensch ist für ihre Verbreitung verantwortlich.

Doch diese Exoten, wissenschaftlich werden sie Neobiota genannt, tragen dazu bei, dass die biologische Vielfalt weltweit zurückgeht. Ökosysteme werden zerstört und Nahrungsketten aus dem Gleichgewicht gebracht. Eingeschleppte Arten besetzen dabei nicht nur ökologische Nischen, sondern verdrängen auch massiv die heimischen Bewohner. "Etwa jede fünfte gebietsfremde Art ist gefährlich für die heimische Flora und Fauna", sagt der Gewässerbiologe Stefan Nehring. Er warnt schon seit Jahren davor, dass die genetische Vielfalt verloren geht. Die Tier- und Pflanzenwelt wird immer einheitlicher. Ein Effekt, der in der Wissenschaft als McDonaldisierung bezeichnet wird.

Körbchenmuschel (Corbicula) Foto: dpa

Die Körbchenmuschel (Corbicula) stammt ursprünglich wahrscheinlich aus China und Taiwan. Sie wurde in fast alle Regionen der Erde verschleppt. Nach Westeuropa gelang sie etwa 1980, nach Deutschland im Jahr 1991

Nervensäge Wollhandkrabbe

Erhebliche Umwelt- aber auch Wirtschaftsschäden verursacht die Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis). Vor über 90 Jahren wurde sie das erste Mal in der Aller nachgewiesen. In Windeseile besiedelte sie die Flussläufe von Elbe, Havel, Weser und Ems. Da sie Dämme und Uferbefestigungen durchgräbt und zum Einsturz bringt, wurde sie massiv, aber erfolglos bekämpft. Erst die Gewässerverschmutzung der einsetzenden Industrialisierung drängte die Wollhandkrabbe zurück. Seit Kläranlagen und Umweltschutzmaßnahmen die Wasserqualität deutscher Flüsse erheblich verbessert haben, kommt die Krabbe zurück und wird erneut zum Problem.

Einige Fischer bejagen sie mittlerweile und exportieren die Fänge nach China, wo die Wollhandkrabbe als Delikatesse gilt, erläutert Stefan Nehring. "Ich habe vor kurzem eine e-mail aus China bekommen, in der eine Firma angefragt hat, ob ich denen nicht Wollhandkrabben verkaufen könnte. Der Hintergrund ist, in China ist die Wollhandkrabbe durch die steigende Umweltverschmutzung vom Aussterben bedroht. Und man schaut jetzt nach neuen Märkten, wo man diese Wollhandkrabbe kaufen kann."

Zur Stabilisierung haben Frachtschiffe zwischen 5000 und 100.000 Tonnen Ballastwasser an Bord, die am Zielhafen wieder abgelassen werden. Unzählige Tiere und Pflanzen inklusive ... (Foto: AP)

Zur Stabilisierung haben Frachtschiffe zwischen 5000 und 100.000 Tonnen Ballastwasser an Bord, die am Zielhafen wieder abgelassen werden. Unzählige Tiere und Pflanzen inklusive ...

Tier-und Pflanzenfalle Ballastwasser

Eingeschleppt wurde die Wollhandkrabbe in Ballastwassertanks von Schiffen. Die Tanks werden bei Leerfahrten mit Meerwasser gefüllt, um die Schiffe zu stabilisieren. In den zehn Milliarden Tonnen Ballastwasser, die permanent über die Ozeane transportiert werden, befinden sich ungefähr 4000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten, schätzt die Naturschutzorganisation WWF.

Wird das Wasser beim Abpumpen nicht gefiltert oder bestrahlt, gelangen Millionen Organismen von einem Hafen in den nächsten. So wurden in Hamburg schon Piranhas gesichtet, die in deutschen Gewässern jedoch nicht überleben können. "Noch nicht", vermutet der promovierte Biologe Stefan Nehring. "Denn durch die Wassererwärmung der Kraftwerke und durch die globale Klimaerwärmung haben auch tropische Tiere immer mehr Möglichkeiten, in unseren Breitengraden zu überleben.

"Deswegen sei die internationale Umweltpolitik aufgefordert, dringend etwas gegen die Verschleppung der Arten zu tun. Fischwanderungen könne man durch einfache Luftblasenschleier oder Lichtschranken in den Kanälen verhindern. Oder man erhöht den Salzgehalt oder den PH-Wert in einzelnen Kanalabschnitten, meint Nehring. Dann könnten sich auch die Krebse nicht mehr an Schiffsaußenwänden festklammern und mittransportieren lassen. Doch bisher geschieht wenig.

Die Politik sieht weg

Zwar ratifizierte Deutschland schon 1993 die so genannte Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen und die Europäische Union verabschiedete im Jahr 2006 die Aquakulturrichtlinie. "Aber an der Umsetzung hapert es", beklagt Stefan Nehring. Das wichtige Ballastwasserübereinkommen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation habe Deutschland noch immer nicht ratifiziert, obwohl die Vorschriften für Ballastwasser eigentlich ab 2009 gelten sollten.

Ochsenfrosch (Rana catesbeiana) Foto: Kabir Kakje

Eindringling aus Übersee. Alleine die Kaulquappen des gefräßigen Ochsenfroschs werden so groß wie eine Hand.

Man scheut die Investitionen. Dabei verursachen die gebietsfremden Arten nach neuen Studien bereits Millionenschäden, berichtet die Zeitung "Die Welt". Alleine in Deutschland liefen Kosten von über 156 Millionen Euro auf, etwa für die Beseitigung von Muscheln aus Kühl- und Abwasserrohren, für das Abschneiden von Meeresalgen oder weil in der Landwirtschaft riesige Verluste durch Vorratsschädlinge entstehen.

Wer einmal da ist, den wird man nicht mehr los

"Prävention ist die einzige Möglichkeit", ist sich Stefan Nehring sicher. Eine einmal etablierte Art könne niemand mehr vertreiben. Der riesige, aus Nordamerika stammende Ochsenfrosch (Rana catesbeiana) zum Beispiel, der 30 Zentimeter groß und durch sein lautes Quaken extrem auffällig ist, wurde von Unbekannten rund um Karlsruhe ausgesetzt. Da er nicht nur andere Frösche, sondern auch die Fischbestände frisst, wird er seit dem Jahr 2001 bejagt. Eine Million Euro wurden investiert, um ihm mit Pfeil und Bogen nachzustellen und den Laich abzufischen. Letztendlich erfolglos.

In den deutschen Binnengewässern gibt es schon knapp neunzig fest etablierte exotische Tier- und Pflanzenarten. Im Rhein machten sie laut Nehring 18 Prozent aller Arten aus, aber schon weit über 80 Prozent der Tiere insgesamt. Zwar sei bei uns noch keine heimische Art durch die Einwanderer und Eingeschleppten ausgerottet worden. "Aber das ist nur noch eine Frage der Zeit", ist sich Nehring sicher. Frei von gebietsfremden Arten seien mittlerweile nur noch die Quellgebiete.

Autorin: Doreen Fiedler

Redakteurin: Judith Hartl