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Kultur

Als Adolf Hitler bestimmte, was Kunst ist

1937 sagte Hitler der Modernen Kunst den Kampf an und ließ nur noch das gelten, was er für "Deutsche Kunst" hielt. Das ist 75 Jahre her und für das Haus der Kunst Anlass, auf die eigene bewegte Geschichte zu schauen.

Der italienische Botschafter Dino Alfieri besucht in Begleitung von Adolf Hitler und Josef Goebbels am 16. Juli 1939 zum Tag der deutschen Kunst die Große Deutsche Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst. (Copyright: Zentralinstitut für Kunstgeschichte)

Hilter und Goebbels führen Italiens Botschafter lfieri durch das Haus der Deutschen Kunst.

Im Sauseschritt rauscht Christian Philipp Müller in die große Halle des Hauses der Kunst in München. Damit betritt der aus der Schweiz stammende Künstler den Ort, an dem Adolf Hitler 1937 der Moderne einen künstlerischen Säuberungskrieg androhte. Hier hat Müller einen Kontrapunkt gesetzt: Statt Swastika und Führerporträt ist heute das überlebensgroße Bild einer jungen Frau während einer Modenschau zu sehen.

Es ist eine Momentaufnahme: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, man sehnt sich nach Leichtigkeit und Farbigkeit. Ein Mannequin defiliert über den Laufsteg - vorbei an den Zuschauern. Ihr Gesicht ist nicht zu sehen, nur ein absurd großes Gebilde, das wohl ein Hut sein soll.

Das Bild aus der Modenschau steht für die wechselvolle Geschichte des Hauses. Ausgerechnet hier feierten die US-Besatzungstruppen nach Kriegsende Feste, funktionierten sogar einen Saal zum Basketball-Feld um. In den 1950er Jahren kamen dann die Mannequins.

Was die Rückseiten der Bilder offenbaren

"Ich bin gebeten worden zu intervenieren", sagt Christian Philipp Müller. Seine Aufgabe war es, das Haus der Kunst bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu beraten. Denn die ist denkbar schwierig. Adolf Hitler ließ es sich nicht nehmen, das "Haus der Deutschen Kunst" - wie es damals hieß - höchstselbst zu eröffnen. Das war am 18. Juli 1937. Von nun an hatte sich die Ideologie der Nationalsozialisten in der Kunst wiederzufinden. Massentauglich hatte sie zu sein, einfach zu verstehen, mit alltäglichen Sujets. Alles Abstrakte galt als "undeutsch", wurde verfemt und verboten.

Haus der KunstInstallationsansicht / installation view (Copyright: Maximilian Geuter)

Innenansicht im Haus der Kunst

75 Jahre später scheinen die Rollen getauscht: Das, was seinerzeit verboten war, hängt nun an den Wänden des Ausstellungssaals, während das, was als "Deutsche Kunst" galt, an Stahlkonstruktionen befestigt ist. Sie sehen aus wie riesige Zäune. Diese Inszenierung geht auf die "Intervention" von Christian Philipp Müller zurück Das Ergebnis: Die Rückseiten der "Deutschen Kunstwerke" kommen zum Vorschein. So erkennt man auch den Aufkleber, der auf der Rückseite der Darstellung einer zerstörten französischen Stadt heftet: "Erworben von: der Führer" steht dort. Andere gezeigte Motive: Ein Elchhirsch im deutschen Wald oder ein U-Boot, das durch den tosenden Atlantik stampft. Die Bilder wirken bizarr und selbst für damalige Verhältnisse wie aus der Zeit gefallen.

Nur knapp an der Blamage vorbei geschrammt

Während die NS-Größen aller Welt zeigten, was sie unter "deutscher Kunst" verstanden, eröffneten sie quasi um die Ecke zeitgleich die Feme-Schau "Entartete Kunst": Alles, was in der Moderne Rang und Namen hatte, war nun verboten: Picasso, Kandinsky, Beckmann, Klee. Die New York Times kommentierte das am 25. Juli 1937: "Modernismus is now verboten."

Rudolf Belling Kopf (Porträt Toni Freeden) 1925, Messing, 38,3 x 22,5 x 22 cm Staatliche Museen zu Berlin / Nationalgalerie (Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Peinliche Panne: Dieses Werk von Belling galt als "entartet"...

Peinliche Panne: Die Organisatoren der beiden Schauen – der "Deutschen Kunst" und der Femeschau – merkten nicht, dass ein Künstler auf beiden Schauen präsent war: Rudolf Belling. Seine Plastik des Boxers Max Schmeling stand bei der "deutschen" Kunstschau, zwei andere bei der "entarteten" Kunst. Als die Verantwortlichen den peinlichen Schnitzer bemerkten, wurden die beiden "entarteten" Plastiken dezent entfernt.

Das NS-Regime feierte unverdrossen den Siegeszug der "deutschen Kunst" und seiner Heimatstadt. Durch die Straßen Münchens war schon in der Planungsphase ein Modell des "Hauses der Deutschen Kunst" getragen worden. Auch auf der Pariser Kunstausstellung 1937 wurde das Modell stolz präsentiert. Im Pavillon nebenan hing Picassos Guernica - das berühmteste Anti-Kriegs-Bild überhaupt.

Weiße Schokolade und Gold

Haus der KunstInstallationsansicht / installation view (Copyright: Maximilian Geuter)

Modell aus 160 Kilogramm weißer Schokolade

Dem Führer gefiel das Gebäude so gut, dass Hermann Göring ihm zu seinem 50. Geburtstag ein Modell des Hauses in Gold überbrachte. Zur Ausstellung "75 Jahre Haus der Kunst" gab Christian Philipp Müller ein Modell aus 160 Kilogramm weißer Schokolade in Auftrag – sozusagen in Anspielung auf die süße, verführerische Kraft, die Hitlers Ideologie auf die Massen hatte.

Mit der eigenen Geschichte setzt sich das Haus der Kunst erst seit Mitte der 90er Jahre wissenschaftlich auseinander, sagt Sabine Brantl, die die Ausstellung als Historikerin kuratiert hat. Direkt nach dem Krieg war man offenbar noch nicht bereit dazu. Man war geneigt, auch in der Kunst zur "Normalität" zurückzukehren, sich möglichst nicht an die in der Nazizeit geltenden Dogmen zu erinnern. "Das wurde ganz schnell weggesperrt. Vielleicht wollte man sich auch nicht damit auseinandersetzen, dass die Bilder Geschmack bei den Massen gefunden hatten." So habe man sich ganz schnell in die Zeit des Wirtschaftswunders gestürzt, um die Vergangenheit zu verdrängen.

Rudolf Belling Der Boxer Max Schmeling 1929, Bronze, Höhe: 54,5 cm Staatliche Museen zu Berlin / Nationalgalerie (Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2012)

Bennings "deutsche" Plasik des Boxers Max Schmeling als Mittel zur Reflexion

Doch die Gegenwart ist nicht ohne Rückbezug auf die eigene Vergangenheit denkbar, ist Okwui Enwezor überzeugt. Der aus Nigeria stammende, international hochgeachtete Kurator ist seit Ende 2011 Direktor des Hauses der Kunst. "Hier Vergangenheit, dort Gegenwart – das gibt es nicht. Ich sage immer, es ist unsere Aufgabe, die Gegenwart historisch zu denken, schließlich ist die Gegenwart immer eingebettet in die Vergangenheit."

Die Dokumente in den Archiven lassen sich zum Leben erwecken, in dem man sie als Möglichkeit zur Reflexion nutze, meint Enwezor. Dass zeitgleich im Haus der Kunst die Ausstellung "Bild-gegen-Bild" läuft, die sich ebenfalls mit der Macht der Bilder beschäftigt, war zwar nicht geplant, passe aber bestens in den Kontext. "Es findet ein Dialog zwischen den Ausstellungen statt. Es geht darum, wie wir Bilder und Kunst benutzen, welche Weltsicht sie vermitteln." Bilder, Medien und die Weltanschauungen, die daraus resultieren – das sind Themen, die heute so aktuell sind wie damals. Das kann man in den beiden Ausstellungen im Haus der Kunst in München gerade doppelt gut erkennen.

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