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Politik & Gesellschaft

Alpaka-Gehege statt Armeegelände

Viele Bundeswehrstandorte werden in den kommenden Jahren geschlossen oder stark verkleinert. Schneeberg in Sachsen ereilte dieses Schicksal bereits vor einigen Jahren, mit deutlich spürbaren Folgen.

Alpakas (Foto: Elena Ern)

Alpaka Bildergalerie

Horst schaut skeptisch, auswärtigen Besuch ist er nicht gewohnt. Johannes Hahn versucht es mit einem Pfiff, doch da ist nichts zu machen. Das stattliche Alpaka-Männchen bewegt sich keinen Meter. Der kamelähnliche Import aus Südamerika und seine vier Damen, die ihn hier auf der großen Weide fast immer begleiten, lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Alpaka-Familie ist für die Rasenpflege zuständig, und frische, unberührte Wiesen gibt es hier auf dem ehemaligen Kasernengelände in Schneeberg wirklich jede Menge.

Rundgang mit dem Hausmeister

Johannes Hahn füttert die Alpakas Foto: Ronny Arnold, 22. November 2011, Leipzig

Jägerkaserne

Auch wenn die Vermutung nahe liegt: Johannes Hahn ist nicht der Schneeberger Wildparkleiter, sondern Hausmeister auf dem Gelände der über Jahrzehnte von der Bundeswehr und vorher der Nationalen Volksarmee genutzten Jägerkaserne. Betreuen darf er ein gutes Dutzend leer stehende Unterkünfte, mehrere Lager- und Fahrzeughallen, ein Offizierskasino, den Sportkomplex inklusive Schwimmhalle und Fußballplatz – und natürlich die Tiere.

300 Jahre lang war Schneeberg Garnisonsstadt, dann kam vor knapp drei Jahren das Aus. Im März 2008 zogen die Gebirgsjäger ab, zurück blieb ein 33 Hektar großes Kasernenareal, in das der Bund in den Jahren nach der Wende knapp 70 Millionen Euro investiert hatte. Trotzdem wurde der Standort nach einem Beschluss des Verteidigungsministeriums, damals noch unter der rot-grünen Koalition, dicht gemacht. Viele Schneeberger haben das bis heute nicht verstanden, auch Johannes Hahn nicht. "Die Soldaten, die weg mussten, sind alle mit Tränen in den Augen gegangen. Es war doch alles da, alles neu gemacht, die haben die Millionen reingesteckt und dann die Kaserne trotzdem zugemacht." Der Hausmeister erzählt, dass selbst nachdem die Schließung schon feststand, noch einzelne Hallen und Gebäude saniert wurden. Auch deshalb hätten sie bis zuletzt gehofft, dass der Standort bleibt. Umsonst.

Der doppelte Struck

2004, unter dem damaligen SPD-Verteidigungsminister Peter Struck, wurde das Ende beschlossen, vier Jahre später verließ der letzte Soldat das Gelände. Eine schwierige Suche nach neuen Investoren begann, über 200 hat Johannes Hahn in den Monaten nach dem Abzug der Armee über das Gelände geführt. 2009 dann machte in Schneeberg plötzlich wieder der Name Struck die Runde. Diesmal allerdings der von Gustav Struck, einem Unternehmer aus dem bayerischen Kirchham, nicht verwandt mit dem in Schneeberg unbeliebten Minister. Er kaufte die Kaserne für zwei Millionen Euro. Das sind gerade einmal drei Prozent der vorher investierten Bundeswehr-Millionen, ein finanzielles Desaster für den Bund, ein Schnäppchen für den neuen Eigentümer. Diesen neuen Struck mag der alte Hausmeister. "Ein sympathischer Mann, der lässt nichts verkommen und ist wirklich hinterher." Gustav Struck gehören übrigens auch die Alpakas.

Volle Hallen, leere Unterkünfte

Hausmeister Hahn vor der ungenutzten Schwimmhalle auf dem ehemaligen Schneeberger Kasernengelände. (Foto: DW/Ronny Arnold)

Modern und trotzdem ungenutzt: die Schwimmhalle

Johannes Hahn ist Gustav Strucks Mann vor Ort, er kennt jeden Winkel, führt mehrmals im Monat potentielle Neumieter über das Gelände. Die seien begeistert, weil die Infrastruktur stimmt und alles tadellos intakt sei, dank der Bundeswehr. "Die Hallen sind fast alle vermietet, an eine große Autolackiererei, einen Bürstenhersteller und jetzt kommt noch eine Firma für Kunstgewerbeartikel." Die Vermietung der Lagerhallen funktioniere, schwieriger loszubekommen seien für den Investor die ehemaligen Soldatenunterkünfte, obwohl auch die noch bis zum Abzug der Bundeswehr fast alle saniert wurden: vom Dach über die Fenster bis hin zur Dämmung. Doch Schneeberg braucht weder Wohnungen noch Schulen, die erzgebirgische Kleinstadt leidet unter dem demografischen Wandel, verstärkt durch den Abzug der Gebirgsjäger.

Fehlende Soldaten, fehlende Kaufkraft

Niemand kennt die damit verbundenen Probleme besser als Frieder Stimpel, der CDU-Bürgermeister der Gemeinde mit 16.000 Einwohnern. Auch nach fast drei Jahren ist die Schließung der Kaserne für ihn ein emotionales Thema, weil einige wirtschaftliche Probleme der Region direkt damit zusammenhängen. 60 Prozent der Soldaten seien hier zu Hause gewesen, hätten ihre Brötchen beim städtischen Bäcker gekauft und Geschenke für die Familie in der Parfümerie am Markt. Gewohnt haben sie in den Dörfern rund um Schneeberg. Einige pendeln heute noch in die verbliebenen sächsischen Bundeswehr-Standorte Marienberg und Frankenberg, doch ein Großteil dient jetzt in Bayern und hat das Erzgebirge verlassen müssen.

Kein Bedarf an Wohnungen

Die ehemaligen Garagen der Jägerkaserne in Schneeberg (Foto: DW/Ronny Arnold)

Verwendung finden zumindest die Garagen

Dem neuen Eigentümer zollt der Bürgermeister Respekt. Der sei engagiert, bemühe sich so gut es eben geht. Die Neumieter in den Hallen machen ihm Mut, genauso wie ihm das leer stehende Kommandeursgebäude, die verwaisten Sportanlagen mit Schwimmbad sowie Turnhalle und der unglaublich große Bereich der verlassenen Soldatenunterkünfte Bauchschmerzen bereiten. "Die Stadt hat keinen Bedarf an neuen Wohnungen. Wir bauen mit Fördermitteln entsprechend dem demografischen Wandel sogar Wohnraum zurück." Der Investor sei auf einem guten Weg, schiebt Frieder Stimpel noch hinterher, auch wenn selbst die komplette Vermietung aller Gebäude den Verlust niemals kompensieren werde. "Was wir verloren haben, werden wir nie wieder erreichen." Und so wird Hausmeister Hahn wohl noch einige potentielle Neumieter über das Kasernengelände führen müssen, bis vielleicht mal der ganz große Fisch anbeißt. Ach ja, einen schönen Teich gibt es hier übrigens auch, gar nicht weit weg von Horsts Gehege und dem seiner Alpaka-Familie.

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