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Versorgungskrise in Venezuela

Alonso: "Ein Eingeständnis der Unfähigkeit"

Nun ist es amtlich: Venezuela braucht Hilfe. Präsident Maduro hat die Vereinten Nationen um Unterstützung gebeten. Im DW-Interview spricht Journalist Juan Francisco Alonso über Schuld, Engpässe und falsche Vorstellungen.

Berichte über Versorgungsengpässe in Venezuela gibt es seit geraumer Zeit. Warum kommt der Hilferuf ausgerechnet jetzt?

Juan Francisco Alonso: Das bleibt wohl geheim. Maduro hat keinerlei Erklärung geliefert, warum er diesen Schritt ausgerechnet jetzt geht. Am Samstagmorgen gab es Berichte, dass mehrere voll beladene Schiffe in venezolanischen Häfen lägen, die Ware aber nicht an Land bringen, weil sie nicht bezahlt sei. Niemand will der Regierung noch Geld leihen und Ware im Voraus liefern. Aber nun ist klar, dass die Regierung die Probleme nicht alleine lösen kann und deswegen humanitäre Hilfe in Anspruch nimmt. Vor allem bei der Medizin ist die Situation sehr kritisch.

Genau darum geht es auch in Maduros Hilferuf. Er bittet um Unterstützung bei der medizinischen Versorgung. Wie schlimm ist die Lage in venezolanischen Krankenhäusern und Arztpraxen?

Es gibt Organisationen, die rechnen vor, dass die Leben von vier Millionen Menschen in Venezuela gefährdet sind: 200.000 Menschen mit Bluthochdruck, ähnlich viele Krebs- und HIV-Patienten und so weiter. Wenn man die Zahlen der Menschen zusammenzählt, die keine oder nur noch wenig Medikamente haben, dann wird klar: Das ist kein Spiel. In Venezuela sterben die Menschen, weil es nichts mehr gibt, um sie zu behandeln. Außerdem fehlt es an vielen medizinischen Geräten. Und daran ist die Regierung schuld. Sie muss das Recht auf medizinische Versorgung gewährleisten und kommt dem nicht nach.

Venezuela Versorgungskrise Krankenhaus (picture-alliance/dpa/G. Ismar)

Kinderkrankenhaus in Caracas: Bis zu vier Millionen Menschen könnten in Venezuela sterben, weil Medikamente fehlen.

Ist es nicht etwas ironisch, dass sich Maduro nun an die Vereinten Nationen wendet? Gerade in den großen supranationalen Organisation hat Caracas immer den Geist des US-amerikanischen Imperialismus gesehen.

Maduro hat die Vereinten Nationen (UN) nie direkt kritisiert. Er hat vor allem die Leute angegriffen, die ihn ermutigt haben, Venezuela solle bei den UN um Unterstützung bitten. Und er hat diejenigen kritisiert, die den Begriff der humanitären Hilfe benutzt haben. Auch wenn das nie so offiziell verkündet wurde, könnte die humanitäre Hilfe - in der Denke vieler Sozialisten - die Türen für eine ausländische Intervention öffnen. Diese Herren denken tatsächlich, wenn Sie bei den UN nach Medikamenten und Lebensmitteln fragen, kommen Blauhelmtruppen ins Land, um die Güter zu verteilen. Aber so ist das natürlich nicht.

Dennoch wirkt der Hilferuf nun wie eine Niederlage für die Politik der Sozialisten unter Nicolás Maduro.

Ganz klar. Das ist ein Eingeständnis der Unfähigkeit der Regierung die Probleme selbst zu lösen. Ich sehe das ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern: Das Eingeständnis der Sucht ist der erste Schritt, um seine Probleme zu lösen. Im Falle Venezuelas muss das heißen, dass die Regierung zugeben muss, dass das Wirtschaftsmodell nicht funktioniert, damit sie es verändert kann. Aber das will die Regierung nicht.

Die Bitte um Hilfe, ist nun eine inoffizielle Erklärung, dass die Lage wirklich ernst ist. Und so eine Situation hat es in Venezuela noch nicht gegeben. So etwas gibt es in Haiti, aber nicht in einem Land, das vor drei Jahren noch sprudelnde Öleinnahmen hatte. Schon damals gab es Anzeichen für die Probleme. Nun, da das Geld nicht mehr sprudelt, ist keines mehr da, um die Probleme zu kaschieren und nun zeigen sie sich mit ihrer ganzen Härte.

Was könnten denn die Vereinten Nationen unternehmen, um Venezuela beim Engpass mit Lebensmittel zu unterstützen?

Das könnte etwas länger dauern. Es geht hier darum, ein ganzes Gesundheitssystem wieder auf die Beine zu stellen. Als erstes bräuchten wir ein paar Hundert Boote voller Medikamente, um die akute Not zu lindern. Als nächstes müsste die Produktion von Medikamenten wieder anlaufen. Bayer und andere Pharmaunternehmen haben hier Produktionsstätten, aber sie stellen nichts mehr her, weil ihnen die Rohstoffe fehlen. Die müssen wieder bereitgestellt werden. Außerdem müssen die Geräte in den Krankenhäusern repariert werden - dafür benötigen wir Ersatzteile. Und nicht zuletzt müssen wir Ersatz finden für knapp 19.000 Ärzte, die das Land in den letzten Jahren verlassen haben.

Juan Francisco Alonso ist freier Journalist und wohnt in der venezolanischen Hauptstadt Caracas.

Das Gespräch führte Nicolas Martin.

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