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Asien

Alma Mater auf Chinesisch

Chinas Bildungssystem wird häufig und auch zu Recht kritisiert. Aber das Land lernt dazu. So schnell, dass inzwischen auch Europas Bildungspolitiker von China lernen könnten, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die gefürchteten Tage der großen Prüfung rücken immer näher. Noch gut zwei Monate, dann findet Anfang Juni in China die jährliche "Gao Kao" statt. Diese Hochschuleingangsprüfung ist entscheidend für das zukünftige Leben der Schulabgänger. Das klingt überspitzt, ist es aber nicht: Wer ein gutes Ergebnis einfährt, kann sich an den besten Universitäten des Landes bewerben. Schlechteren Prüflingen bleiben da bloß weniger renommierte Lehrplätze - der Weg zu den begehrten, gut bezahlten Jobs ist versperrt.

Verständlich, dass die Gao Kao deswegen national größtes Aufsehen genießt. Vor der Prüfung scheuen die Eltern keine Mühen und Kosten. Die Jugendlichen werden in Tempel geschleift, damit Götter welcher Religionen auch immer die Gebete für gute Noten erhören mögen. Hotelzimmer rund um die großen Prüfungszentren sind oft schon Wochen vor dem ersten Klausurtermin ausgebucht. Denn der Weg zu den Testbögen soll die Prüflinge nicht erschöpfen und es soll ausgeschlossen sein, dass sie zu spät kommen. Das Licht in den Fenstern dieser Hotelzimmer scheint sogar kurz vor dem Stichtag nicht selten bis tief in die Nacht. Der Respekt vor der Gao Kao in China ist riesig.

Große Unterschiede im Niveau

Frank Sieren (Foto: DW)

Deutschland sollte schauen, was Chinas Bildungssystem so erfolgreich macht, meint Frank Sieren.

Der chinesische Schulabschluss entspricht in etwa dem deutschen Abitur, hat aber größere Auswirkungen. Auch in Deutschland kommt man mit einem guten Durchschnitt eher in das gewünschte Fach an der erhofften Universität. Doch sämtliche deutsche Unis stehen in dem guten Ruf, ein Mindestniveau zu haben. Und der europaweite Bologna-Prozess hat die Unterschiede der Uni-Standorte nochmal verringert. In Europa wird auf dem weiteren Karriereweg daher viel eher auf die Noten in Studium und Examen geschaut.

In China ist das anders. Da steht eine verhältnismäßig kleine Gruppe von Unis über allen anderen. Wer sein Studium in der obersten Liga der chinesischen Universitäten abschließt, braucht sich um einen Job nicht zu sorgen. Die Note spielt da fast schon keine Rolle mehr. Ähnlich der amerikanischen Ivy-League gibt es in China eine Gruppe von neun ausgezeichneten Spitzenunis - genannt C9, deren Management-Sprösslinge auch über die Grenzen des Landes hinaus erfolgreich sind. Der Rest der Studenten wird bei der späteren Arbeitssuche benachteiligt. Und nicht nur das: Wer die Prüfung vermasselt, kann das anschließend durch noch so gute Ergebnisse im Studium kaum wieder gutmachen. Denn das Niveau der unbekannteren Unis lässt im Vergleich zu den C9 zu wünschen übrig. Das Lernpensum ist oft so gering, dass viele Studenten, die noch an das heftige Pauken für die Gao Kao gewöhnt sind, sich im Hörsaal total unterfordert fühlen.

Alles für die Prüfung

Die Schicksale der jungen Menschen hängen also an dieser einzelnen Prüfung. Dass das nicht nur gute Seiten hat, liegt auf der Hand. Wenn man vom Kindesalter an mit ungeheurem Druck auf einen einzigen Zeitpunkt hinarbeitet, fallen andere wichtige Sachen unter den Tisch. Das ist ein Punkt, der nicht nur weltweit, sondern auch in China immer wieder von Pädagogen kritisiert wird: Das chinesische Bildungswesen sei zu starr, zu frontal. Die Schüler würden zu unsozialen Arbeitskräften erzogen, denen es an Kreativität mangelt. Und die Freizeit bliebe dabei sowieso auf der Strecke.

Doch es tut sich etwas im chinesischen Bildungswesen. Die letzte Pisa-Studie vom vergangenen Dezember zeigt, wie schnell sich in China Veränderungen anbahnen: Shanghai hat nämlich nach drei Jahren wieder den ersten Platz belegt. Über 6.000 Schüler aus Shanghais Schulen hatten am Pisa-Test teilgenommen. Was überraschte: Sogar das Angebot außerschulischer Aktivitäten ist größer als an deutschen Schulen. Sicherlich findet man das Niveau der Shanghaier Schulen noch nicht überall in China. Aber sie müssen als Vorhut gesehen werden. Was heute Shanghai ist, sind morgen Chengdu oder Nanjing. Pekings Regierung investiert stark in Bildung und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die Zahl der Universitäten hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. 2013 verließen knapp sieben Millionen Absolventen die Universitäten - dreimal so viele wie noch vor zehn Jahren. Insgesamt werden rund vier Prozent des BIP für Bildung ausgegeben.

Einzelkind als Alleskönner

Der Druck ist groß: In Zeiten der Ein-Kind-Generation soll Chinas Jugend zu Alleskönnern herangezogen werden. Nach der Schule geht es erst richtig los. Das einzige Kind muss für viele Wunschträume seiner Eltern herhalten. Seien es Klavier- oder Geigenunterricht, Tanzstunden oder Badminton, kaum eine Stunde des Tages bleibt leer im Wochenplan des durchschnittlichen chinesischen Einzelkindes - Interessen und Talente treten dabei oft in den Hintergrund. In dieser Hinsicht haben die europäischen Schüler mehr Spielraum. Trotz des relativ hohen Bildungsniveaus bleibt zumindest den deutschen Kindern genug Zeit, sich mit Freunden zu treffen oder eigenen Hobbys nachzugehen. Allerdings verändert sich auch an deutschen Schulen das Bild. Indem die Schulzeit durch die G8-Reform auf 12 Jahre gekürzt wurde, stieg der Lerndruck an deutschen Schulen stark.

Während China bei seiner Suche nach besseren Methoden also quasi auf Schnupperkurs mit Europa geht, sollte Deutschland im Gegenzug schauen, was das Bildungssystem aus dem Reich der Mitte so erfolgreich macht. Wie so oft liegt die beste Lösung wahrscheinlich irgendwo zwischen den verschiedenen Systemen. Die britische Bildungsministerin Elisabeth Truss machte es bei ihrer Reise nach Shanghai vor: Sie will von den Chinesen lernen, um die Standards an britischen Schulen zu erhöhen. Ein Gedanke, der vor kurzem noch unmöglich schien.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.