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Wissen & Umwelt

Allzeit bereit - Psychische Belastung am Arbeitsplatz

Immer und überall erreichbar sein, viele Aufgaben gleichzeitig erledigen, Schichtarbeit, Termin- und Leistungsdruck: All das kann zu psychischen Belastungen führen. Aber sind die auch messbar?

Psychische Probleme, Erschöpfung, Motivationsverlust - Zustände, über die lange Zeit keiner so recht sprechen wollte. Mittlerweile sind "Psychische Belastungen" aber ein fester Begriff im Bereich "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit". Langzeiterhebungen aber fehlen, weiß Hiltraut Paridon. "Die technische Entwicklung war einfach so schnell, dass wir überhaupt nicht genau sagen können, wie es vor zehn Jahren war." Die Diplom-Psychologin leitet den Bereich "Psychische Belastungen und Gesundheit" bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), Mitorganisator für den diesjährigen "Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit ist bei der Arbeit". Psychische Belastung ist dabei eines der Hauptthemen.

Die Ursachen

Kommunikationssymbole (Foto: Fotolia/MH).

Es gibt immer mehr Möglichkeiten der Kommunikation

Durch Handys ist es möglich geworden, dass ein Arbeitnehmer für seinen Arbeitgeber ständig erreichbar ist, auch am Wochenende. So verschmelzen für viele Arbeitswelt und Freizeit miteinander. Es wird schwierig, abzuschalten und neue Energie zu tanken.

Von Termin- und Leistungsdruck seien etwa die Hälfte aller Beschäftigten betroffen, 60 Prozent von Multitasking, erläutert Paridon. Dabei müssen verschiedene Aufgaben gleichzeitig betreut und erledigt werden. Auch ständige Unterbrechungen bei der Arbeit können sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Bei einigen Berufsgruppen haben sich die Arbeitszeiten verschoben, ebenfalls ein Faktor, der sich negativ auf die Psyche eines Arbeitnehmers auswirken kann.

"Von langen Arbeitszeiten, abends und am Wochenende ist der Handel stark betroffen. Das liegt an den längeren und erweiterten Öffnungszeiten", sagt Paridon. Viele Geschäfte, vor allem Supermärkte, haben bis Mitternacht geöffnet - auch das sei eine zusätzliche Belastung für die Angestellten.

Gesundheitliche Folgen

Mit Belastung sei die Anforderung gemeint, die aus der Arbeit heraus entstehe, erklärt Paridon. Auch dabei geht es wieder um Fragen wie Erreichbarkeit, Multitasking, Arbeitszeiten. Bei all diesen einzelnen Aspekten kommt es auf die Verhältnismäßigkeit an. Ist die Belastung individuell gesehen zu hoch, kommt es zur sogenannten Beanspruchung - und möglicherweise zu gesundheitlichen Konsequenzen. "Das können verschiedene Erkrankungen sein: zum Beispiel Herz- oder Muskelskeletterkrankungen. Es können natürlich auch psychische Erkrankungen sein, auch erhöhte Unfallzahlen oder Motivationsverlust. Es geht bis hin zu schlechteren Immunreaktionen."

Rentner füttert Tauben (Foto: Imago/ARCO IMAGES).

Immer mehr Menschen gehen frühzeitig in Rente

Laut einer Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit der Bundespsychotherapeutenkammer von 2013 gingen im Jahr 2012 rund 75.000 Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen in Frührente. Und im Unfallverhütungsbericht Arbeit ist zu lesen, dass elf Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Störungen und Verhaltensstörungen zurückzuführen sind.

Fehlende Grenzwerte

Für Schutzkleidung, Schutzmasken und Sicherheitsschuhe oder auch Lärmverordnungen gibt es genaue Werte und Empfehlungen. Das gilt nicht für die psychischen Belastungen in der Arbeitswelt. Hier gebe es keine Grenzwerte, so Paridon. "Im letzten Jahr aber hat es eine Gesetzesänderung im Arbeitsschutzgesetz gegeben. Da steht explizit, dass psychische Belastungen bei der Arbeit bei einer Gefährdungsbeurteilung mit berücksichtigt werden müssen."

Jedes Unternehmen ist dazu verpflichtet, die Gefährdungen bei der Arbeit zu erfassen und daraus Maßnahmen abzuleiten. "Das bezieht sich auf alle Gefährdungen, biologische, chemische oder mechanische Gefährdungen. Psychische Belastungen gehören genauso dazu. Sie sind aber nicht mit Geräten zu erfassen, sondern nur gemeinsam mit den Beschäftigten."

Fortschritte bei der Bewertung

Da es keine Grenzwerte für psychische Belastungen gibt, ist es manchmal problematisch festzulegen, wann präventive Maßnahmen ergriffen werden müssen. "Inzwischen gibt es aber Empfehlungen, zum Beispiel das sogenannte Ampelprinzip: Wenn bei bis zu einem Drittel der Arbeitsplätze psychische Belastungen vorliegen, muss man nicht eingreifen. Zwischen einem und zwei Drittel muss man nochmal genauer nachfassen. Und wenn es über zwei Drittel sind, dann springt die Ampel auf Rot, und dann müssen die Verantwortlichen Maßnahmen ergreifen."

Damit dieses Ampelprinzip überhaupt angewendet werden kann, sind die Beschäftigten gefragt. Sie müssen ehrliche und realistische Angaben machen, müssen versuchen, den Grad ihrer Belastung einzuschätzen.

Das alles läuft auf eine offene und gut funktionierende Kommunikation hinaus, sagt Paridon. Auch in einer globalisierten und vernetzten Welt sei der Austausch mit anderen sehr wichtig. "Was passiert in anderen Ländern? Was machen andere? Das trifft auch gerade auf das Thema psychischer Belastung zu. Beim Weltkongress zu Sicherheit und Gesundheit soll es möglichst um konkrete Maßnahmen gehen und da können wir viel voneinander lernen."

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