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Kultur

Alltagsszenen im Getto

Die Ausstellung "Das Gesicht des Gettos" im Kölner NS-Dokumentationszentrum zeigt Fotos aus dem polnischen Getto Litzmannstadt. Die Aufnahmen stammen von jüdischen Fotografen, die selbst dort inhaftiert waren.

Jugendlicher in schmutziger und zerschlissener Kleidung im Getto Litzmannstadt (Foto: NSDOK, Köln)

Im Getto Litzmannstadt

Es sind berührende und verstörende Fotos, die noch bis zum 4. September im NS-Dokumentationszentrum in Köln zu sehen sind. Der Raum ist nüchtern, an den Stellwänden hängen großformatige Schwarz-Weiß-Fotos: Kinder bauen einen Schneemann, Frauen richten einen Wohnraum ein, eine Hochzeitsgesellschaft schaut fröhlich in die Kamera - der vermeintliche Alltag im Getto Litzmannstadt. Konzipiert wurde die Ausstellung von der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors". Anlass ist der 70. Jahrestag der Deportationen von Juden aus dem "Großdeutschen Reich" in das zweitgrößte polnische Getto im Herbst 1941.

Zwischen Hoffnung und Todesangst

Inhaftierte Frau am Webrahmen (Foto: NSDOK, Köln)

Inhaftierte am Webrahmen

Die Aufnahmen sind bislang weitgehend unbekannt. Viele entstanden im Auftrag der Nationalsozialisten - das funktionierende Leben im Getto sollte dokumentiert werden. Und auch der Judenrat, die innerjüdische Zwangsverwaltung, wollte beweisen, dass die Getto-Insassen wertvolle Arbeitskräfte waren. Deshalb wurden die verschiedenen Produktionsstätten umfangreich dokumentiert und fotografisch festgehalten. Gezeigt werden Fotos von Männern an einer Hobelbank, Kinder, die Blechspielzeug produzieren, und Frauen an der Nähmaschine. Arbeit erschien den Gettoinsassen als eine Überlebensstrategie, denn Heeresbekleidungsämter, aber auch private deutsche Firmen wie Neckermann ließen im Getto ihre Waren anfertigen. Doch ihre Hoffnung sollte sich nicht bestätigen.

Die allermeisten wurden ermordet

Deportation ins Getto (Foto: NSDOK, Köln)

Auf dem Weg ins Getto

In dem zweitgrößten polnischen Getto nach Warschau starben zwischen 1940 und 1944 Zehntausende Menschen an Hunger und Krankheiten oder durch Gewaltverbrechen. Knapp 80.000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten ins Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort ermordet. Diejenigen, die ihr Leben bis zur Auflösung des Gettos im August 1944 hatten retten können, wurden nach Auschwitz deportiert. "Die allermeisten Menschen, die wir hier auf den Fotos sehen, haben das Getto nicht überlebt", sagt Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums in Köln.

Heimliche Dokumentation des Grauens

Außer den Bildern vom Arbeitsleben im Getto machten die Fotografen aber auch Aufnahmen "hinter den Kulissen", dokumentierten heimlich die Verbrechen, die dort geschahen. Diese Bilder zeigen Tote, Hinrichtungen, überfüllte Transportzüge ins Vernichtungslager. Die Ausstellung präsentiert beide Aspekte, sowohl die Auftragsfotografie als auch die Absicht der inhaftierten Fotografen, die Verbrechen zu dokumentieren und Zeugnisse zu hinterlassen, anhand derer man die Täter anprangern kann.

Historischer Fund in Lodz

Ausstellungsplakat 'Das Gesicht des Gettos' (Foto: NSDOK, Köln)

Ausstellungsplakat

Die ausgestellten Bilder stammen aus insgesamt 27 Alben mit über 12.000 Aufnahmen, die 2006 im Staatsmuseum in Lodz entdeckt wurden. Es ist die umfangreichste fotografische Überlieferung aus einem jüdischen Getto überhaupt. Namentlich bekannt sind heute nur noch zwei der jüdischen Fotografen: Mendel Grosman und Henryk Ross. Beide waren in ihren Heimatstädten Lodz und Warschau anerkannte Fotografen. Mendel Grosman wurde 1945 kurz vor der Kapitulation des Deutschen Reiches erschossen. Henryk Ross gelang es, sich selbst, seine Bilder und Dokumentationen rechtzeitig bis zur Befreiung der Stadt zu verstecken. Er arbeitete nach dem Krieg wieder als Fotograf in Lodz und emigrierte 1956 nach Israel.

Vier Jahre lang haben Grosman und Ross, aber auch unbekannte Fotografen das Leben im Getto dokumentiert. Daraus entstanden ist eine Ausstellung, die betroffen macht - gerade weil die meisten Szenen so alltäglich wirken.

Autorin: Gudrun Stegen

Redaktion: Petra Lambeck

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