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Nahost

Alltag unter Raketenbeschuss

21 Jahre lang heulten die Sirenen Tel Avivs nur zu Übungszwecken und an Gedenktagen. Seitdem radikale Palästinenser Raketen auf die israelische Metropole schießen, gehört der Ernstfall wieder zum Alltag in der Stadt.

"Als die Sirenen losgingen, brauchte ich einige Sekunden, um zu begreifen, was vor sich ging", erinnert sich die 35-jährige Michal Edry. Es war der Moment, an dem am Donnerstag vergangener Woche das erste Mal seit 21 Jahren der Ernstfall eintrat. Der militärische Arm der im Gazastreifen regierenden Hamas, die Kassam-Brigaden, hatten eine Rakete auf Tel Aviv abgeschossen. Michal Edry und ihr Ehemann Ronny, die durch die Online-Friedenskampagne "Israel loves Iran" im Frühjahr internationales Aufsehen erregten, waren auf dem Weg zu einem Termin im französischen Konsulat im Süden der israelischen Metropole.

Skyline von Tel Aviv Quelle: Shmuliko (Wikipedia)

Liberale Metropole am Mittelmeer: Tel Aviv

"Wir wollten dann im Konsulat Schutz suchen, doch die Sicherheitsbeamtin an der Türe war wohl nervös und verschloss uns vor der Nase den Eingang", schildert Michal Edry die bangen Sekunden. "Ich hielt schon nach etwas Ausschau, hinter dem wir Deckung suchen könnten.“ Ihr Mann Ronny packte sie und sie rannten zu einem anderen Gebäude. "Wir liefen einige Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit erschienen und gelangten in ein Jugendzentrum für russisch stämmige und arabische Kinder. Sie weinten und schrien durcheinander, auf Russisch, Arabisch und Hebräisch. Es war bizarr." Bunker gibt es nur wenige in der Metropole und sie sind oft mehrere Minuten entfernt. Bei Alarm müssen die Bürger in Treppenhäusern Schutz suchen.

Eskalation nach gezielter Tötung

Israel hatte am vergangenen Mittwoch den Militärchef der radikal-islamischen Hamas, Ahmed al-Dschabari, gezielt getötet. Er soll unter anderem an der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit beteiligt gewesen sein. Der Angriff auf al-Dschabari war der Auftakt zu Israels Offensive "Säule der Verteidigung".

Die Antwort aus dem Gaza-Streifen kam prompt. Bisher feuerten palästinensische Extremisten fast 1000 Raketen von dort nach Israel. Drei Israelis wurden dabei getötet, Dutzende verletzt. Auf palästinensischer Seite ist die Opferzahl ungleich höher: Laut palästinensischen Nachrichtenagenturen starben über 100 Menschen bei israelischen Gegen- oder Präventivschlägen. Hunderte wurden verletzt. Im dicht besiedelten Küstengebiet des Gaza-Streifens schießen die Extremisten ihre Raketen oft aus Wohngebieten ab. Greift Israel die palästinensischen Stellungen an, verlieren oft viele Menschen ihr Leben.

Bunker im Zentrum von Tel Aviv Foto: Daniel Bar-On (AFP)

Rare Schutzräume: Bunker im Zentrum von Tel Aviv

Die Deutsche Johanna Michel lebt mit ihrem israelischen Freund im Zentrum Tel Avivs. Sie wurde beim Essen vom ersten Raketenalarm überrascht. Auch sie suchte im Treppenhaus Schutz. Mittlerweile hat sich bei ihr eine Art Routine eingestellt: "Wir hatten bereits fünf Mal Alarm. Das Leben geht weiter", sagt die 28-Jährige. "Die Menschen gehen nach draußen, zur Arbeit, ins Café oder in die Schule. Die Anspannung ist aber zu spüren, man wartet förmlich auf den nächsten Alarm."

Abwehrsystem "Eisenkuppel"

Es ist 18.40 Uhr am Sonntagabend und plötzlich heulen abermals die Sirenen - der sechste Alarm seit Donnerstag. Wieder wird die palästinensische Rakete vom Abwehrsystem "Eisenkuppel" in der Luft abgefangen. Die Explosion ist in ganz Tel Aviv zu hören. Das Leben steht kurz still. Die Menschen rennen in die nächstgelegenen Gebäude. Autofahrer und Buspassagiere springen auf die Straße, legen sich flach auf den Boden, die Hände im Nacken zum Schutz vor Geschosssplittern. Die Sirenen verstummen.

Nach der kurzen Unterbrechung geht das Alltagsleben weiter. "Es müsste schon sehr schlimm werden, dass ich nach Deutschland zurückgehe", sagt Johanna Michel. Momentan sei es noch erträglich. "Wenn ich mir jedoch vorstelle, dass es so wird wie in Sderot, wäre das eine große Belastung." Die im Süden Israels nahe an der Grenze zum Gazastreifen liegende Stadt Sderot ist seit Jahren fast täglichem Raketenbeschuss ausgeliefert.

Angespannte Atmosphäre

Der DJ Dan Yoel war auf dem Nachhauseweg als der erste Alarm losging: "Ich spielte meinen bevorstehenden Auftritt zum Beginn des Wochenendes durch, hörte Musik mit meinen Kopfhörern. Die Menschen rannten los, ein Polizeifahrzeug hielt neben mir und der Beamte forderte mich auf, Deckung zu suchen. Nach etwa zehn Minuten nahm das Leben seinen gewöhnlichen Lauf." Und nachts im Club sei kein Unterschied zu spüren gewesen, so der DJ. Doch am arbeitsfreien Samstag, wenn sich normalerweise viele Spaziergänger auf den Boulevards der Stadt tummeln, waren die Straße leer. "Die Atmosphäre war beklemmend," sagt Yoel.

Israelis blicken auf das Raketenabwehrsystem Eisenkuppel Foto: Oded Balilty (AP)

Ausflugsziel "Eisenkuppel": Das Raketenabwehrsystem schützt Tel Aviv vor Geschossen aus dem Gaza-Streifen

Die israelische Armee hat inzwischen 75.000 Reservisten mobilisiert. Der Armeesprecher meldete, dass die Vorbereitungen für eine Bodenoffensive abgeschlossen seien. Viele Israelis zwischen 20 und 40 Jahren stehen an der Grenze zu Gaza, bereit einzumarschieren, wenn der Befehl erteilt wird. Auch Freunde von Dan Yoel. "Ich bin Linker", so Yoel, "sehe jedoch keine Alternative zu einer Militäroperation, um die Raketen der Hamas zu stoppen. Ich denke, dass sich ganz Israel in diesem Punkt einig ist." Zumindest was die jüdische Bevölkerung angeht, dürfte das zutreffen.

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