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Deutschland

Allmächtig war die Stasi nie

Mit einem Mix aus Einschüchterung und Repression hielt die DDR-Geheimpolizei das Volk in Schach. Trotzdem gab es zu jeder Zeit Protest und Widerstand. Das wird oft vergessen, wenn vom Mauerfall 1989 die Rede ist.

Vielleicht haben die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sogar heimlich gelacht, als sie im September 1962 den Tatort besichtigten. Der befand sich in der Goethe-Schule des verschlafenen Örtchens Gnoien, das auf halber Strecke zwischen den Hansestädten Rostock und Greifswald liegt. Dort, in der tiefen Provinz, fotografierten die Stasi-Leute das Corpus Delicti: ein Portrait-Bild des Staats- und Parteichefs Walter Ulbricht an einem Skelett. Drumherum fanden sich haufenweise regimekritische und feindliche Parolen. Die beiden mutigen Jugendlichen, auf deren Konto die witzige Aktion ging, zahlten einen hohen Preis: 16 Monate Gefängnis.

Der ironisch verunglimpfte Ulbricht demonstrierte den Machthabern in der DDR ein Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer auf besonders drastische Weise, was sie natürlich schon lange wussten: Auf die Bevölkerung im 1949 proklamierten Arbeiter- und Bauernstaat war zu keinem Zeitpunkt hundertprozentig Verlass. Was das für den DDR-Bezirk Rostock bedeutete, hat Christian Halbrock in akribischer Kleinarbeit recherchiert. Der wissenschaftliche Mitarbeiter aus der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) durchforstete vier Jahre lang Dateien, die bislang unerforscht in Schränken schlummerten. Herausgekommen ist eine Alltagsstudie über Verweigerung, Widerstand und Opposition in der DDR.

Der unterschätzte Protest in der Provinz

Stasi-Forscher . Christian Halbrock

Stasi-Forscher Christian Halbrock

"Freiheit heißt, die Angst verlieren" ist die gut 500 Seiten dicke Dokumentation überschrieben. Diese Losung bringt das entscheidende Motiv all jener auf den Punkt, die sich in 40 Jahren Diktatur mehr persönliche und politische Spielräume erhofften und dafür oft große Risiken eingingen. Dieser Drang mündete 1989 in offenen Protest und brachte das System schließlich zum Einsturz. Vor allem Berlin und Leipzig werden dabei bis heute als "Leuchttürme" des Widerstands genannt. Aber was war eigentlich fernab der Hauptstadt los, fragte sich Christian Halbrock. Seine Antwort: "Erstaunlich viel."

Völlig überraschend kommt dieser Befund für den promovierten Historiker keinesfalls. Der 51-Jährige hat selbst früh Bekanntschaft mit der Stasi gemacht, weil er sich schon als junger Mann im kirchlichen Umfeld seiner mecklenburgischen Heimat und später in Berliner Umweltinitiativen engagierte. Das weckte automatisch den Argwohn des MfS. In Halbrocks Untersuchung über das Aufbegehren in seiner Heimatregion finden sich unterschiedlichste Beispiele aus vier Jahrzehnten, die von der Stasi penibel dokumentiert wurden. So wehrten sich seit den 1950er Jahren Landwirte in fast allen Dörfern gegen die Zwangskollektivierung.

Widerstand gegen Zwangskollektivierung

Spätestens wenn die DDR-Staatspartei SED mit ihrem Latein am Ende war, wurde die Stasi zu Hilfe gerufen. In der Nähe Greifswalds beschwerten sich hilflose SEDler, dass "die Genossen unserer Partei in der Ortschaft Levenhagen große Schwierigkeiten bei der Werbung von Einzelbauern für die Genossenschaft" hätten. So widerspenstig wie die Landwirte waren auch viele Fischer - und das sogar noch in den 1980er Jahren. Besonders auf der Insel Rügen verhielten sie sich laut Stasi-Protokoll "skeptisch" gegenüber der endgültigen Kollektivierung. Auch die Beweggründe blieben den Spitzeln keineswegs verborgen. Durch die Abgabe des bislang sorgsam gepflegten privaten Eigentums würde den Fischern die "persönliche Freiheit" verloren gehen, notierte die Stasi. Außerdem würde in einer Volkskooperative das Verantwortungsgefühl fehlen, was sich zuungunsten der Materialpflege auswirke.

Protest, den die Stasi dokumentiert hat: Wir wollen unsere demokratischen Rechte!! steht mit weißer Kreide geschrieben auf einer Schultafel.

Allgegenwärtiger Protest: Forderungen wie diese dokumentierte die Stasi bis zu ihrem Ende 1989 in ihren Akten

Das MfS war also stets im Bilde, wie es um die Stimmung an der DDR-Küste, aber natürlich auch im ganzen Land bestellt war. Dass sie trotzdem glaubte, alles im Griff behalten zu können, erklärt sich Stasi-Forscher Halbrock mit einem Trugschluss. Mit Hilfe ihrer fast 200.000 inoffiziellen Mitarbeiter (IM) habe das Staatssicherheitsministerium geglaubt, Kritik und Ablehnung jederzeit "in gewisse Richtungen" lenken oder sie notfalls "kaputt" machen zu können. Das habe aber nur so lange funktioniert, wie die Rahmenbedingungen dieselben geblieben seien. Als die sich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zunächst schleichend, dann unübersehbar änderten, kündigten viele "von heute auf morgen" ihre vorher bekundete Loyalität gegenüber dem DDR-System auf.

Die Angst vor einem neuen 17. Juni 1953

Der Keim für die sich überschlagenden Ereignisse in der Endphase der DDR wurde so gesehen stets aufs Neue gesät. Jede an Wände gesprühte antikommunistische Parole, jedes heimlich verteilte Flugblatt war ein kleiner Stich ins Stasi-Herz. Prägende Ereignisse wie der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 oder der Mauerbau vom 13. August 1961 entfalteten regelmäßig ihre Wirkung. "Die SED fieberte jedem Jahrestag mit Angst entgegen, dass es wieder neue Losungen oder Flugblätter geben könnte", resümiert Halbrock. Hinzu kam die fehlende Legitimation der Staats- und Parteiführung, "was sich häufig in Spott und Hohn gegenüber den politischen Führern ausdrückt", sagt der Stasi-Forscher. Walter Ulbricht in unfreiwilliger Gesellschaft mit einem Skelett gehört dabei sicherlich zu den originellsten Beispielen zivilen Ungehorsams.

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