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Ostmitteleuropa

Alles unter Kontrolle?

- Die neue EU-Außengrenze in der Ostslowakei soll kein Einfallstor für Menschenschlepper werden

Bonn, 5.4.2004, DW-RADIO, Vladimir Müller

Von Wien nach Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, ist es nur eine knappe Autostunde. Dann sind es noch etwa 500 km quer durch das ganze Land bis zur ukrainischen Grenze. Nach dem Beitritt der Slowakei zur Europäischen Union am 1. Mai wird der etwa 100 km lange Streifen, meist Wälder der Karpaten, zur Außengrenze der EU. Ein Einfallstor für Menschenschlepper und Schmuggler? Dazu eine Reportage von Vladimir Müller:

Das Grenzdorf heißt Vysne Nemecke, was übersetzt etwa Oberdeutschendorf bedeutet. Der slowakische Osten ist seit je Siedlungsgebiet verschiedener Völker gewesen: Slowaken, Ungarn, Deutsche, Polen, Ruthenen, Roma. Am Grenzübergang ist kaum Verkehr, nur alle paar Minuten fährt ein Auto oder ein LKW vorbei. Das Dorf davor: ein paar Häuser rechts und links der Hauptstraße. Sie strahlen nicht gerade Reichtum aus, man sieht aber, dass einige in der letzten Zeit renoviert oder gar neu erbaut wurden. Dabei liegt dieser Flecken des künftigen EU-Mitglieds Slowakei wirtschaftlich danieder. Andere Erwerbsmöglichkeiten tun sich offenbar auf:

(Kolcar) "Schmuggeln wird hier vor allem unter den jungen Menschen zu einer Art Nationalsport mit Adrenalinschub", gibt Miroslav Kolcar offen zu. Er muss es wissen, denn er ist der Chef der hiesigen Grenzpolizei. "Am meisten werden Zigaretten geschmuggelt, dann Diesel und Benzin. Dabei werden vor allem legale Möglichkeiten genutzt. Der Tank eines Mercedes zum Beispiel umfasst 70 bis 90 Liter. Die werden über die Grenze geschafft, abgeliefert und man fährt wieder zurück in die Ukraine."

Wohl deshalb ist auch die örtliche Tankstelle offensichtlich schon seit längerer Zeit außer Betrieb. Kein Bedarf. Zum weiteren Schmuggelgut gehören vor allem Zigaretten, die in der Ukraine - ähnlich wie der Diesel - nur etwa die Hälfte des slowakischen Preises kosten. Fünf Mann tun sich zusammen, fahren fünf Mal täglich und fünf Mal die Woche, immer mit je einer Zigarettenstange, erzählt der Polizeichef. Alles legal. Der Shop befinde sich direkt im Grenzbereich der ukrainischen Seite.

Von anderer Kontrabande weiß der 42jährige Maros zu erzählen: dem Aufputschmittel Pervitin, natürlich von Waffen und auch vom Gold, das angeblich aus ukrainischen Kampfflugzeugen stammen soll. Und vor allem - Menschenschmuggel, besser Menschenhandel mit Flüchtlingen aus dem Osten. Denn hier ist - im Gegensatz zum Zigarettenverschieben per Stange, viel Geld im Spiel: "Hier hat man bisher 550 bis 600 Dollar pro Person zahlen müssen."

Für den Schlepper selbst fiel etwa ein Drittel dieser Summe ab. Dafür müsste er im legalen Beruf ein Monat arbeiten. Maros kennt diese Leute, war doch früher einmal einer von ihnen. Die Strecke betrug mal drei Kilometer, wenn man Pech hatte 30:

"Dann gehen sie zur tschechischen Grenze, da werden sie von anderen übernommen. Und dann zur deutschen Grenze. ... Es ist aber immer eine Gruppe, die das organisiert. ... Es ist ein gutes Geschäft, aber auch ein sehr gefährliches. Die Regierung hat jetzt Strafen dafür erhöht. Für Mord bekommt man fünf Jahre und für das da acht. Man hilft den Menschen, dass sie in die Welt ihrer Träume gelangen und du bekommst dafür acht Jahre!"

Und nicht nur das. Die Anzahl der Grenzer wurde verdoppelt, fünf Mann kommen auf einen Kilometer Grenze. Und allein für ihre technische Ausrüstung hat die slowakische Regierung Millionen aus dem EU-Programm Phare investiert. Ab 1. Mai kann die Slowakei weitere 48 Millionen Euro aus dem so genannten Schengener Übergangsfonds der EU zur Sicherung der ukrainischen Grenze einsetzen, erzählt Sprecher des Innenministeriums in Bratislava, Boris Azaltovic:

"Allein im letzten Jahr konnten wir mehr als zehn kriminelle Schlepper-Banden zerschlagen. Die meisten von ihnen waren international organisiert, so dass wir dabei auch mit österreichischen, tschechischen, slowenischen und auch mit italienischen Behörden zusammengearbeitet haben. Dabei wurden über 200 Personen festgenommen. Es waren vor allem die wirklichen Bosse, die den Menschenhandel über die Slowakei organisiert hatten."

Die gefassten Migranten selbst stammten aus China, Pakistan, Afghanistan, der Ukraine, Russland, Tschetschenien, Georgien und anderen ehemaligen Sowjet-Republiken. Bis jetzt war die Slowakei hauptsächlich ein Transit-Land für diese Menschen, nach dem 1. Mai könnte sie selbst zum Ziel-Land werden. Neue Asylbewerber-Heime werden deshalb bereits unweit der Grenzen gebaut. Chef der Grenzpolizei Miroslav Kocar: "Im vergangenen Jahr wurden hier etwa 5.500 illegale Migranten gefasst."

Dann seien es bestimmt an die zehntausend gewesen, die es geschafft haben, meint der Kenner dieser Szene Maros. Zugleich räumt er ein, dass für seinesgleichen die Zeiten nicht mehr so günstig sind. Nicht nur am Zoll ist es schwieriger geworden, meint er. Da sei zu viel Polizei, verschiedene Dienste. Alles werde mit Kameras erfasst:

"Inzwischen hat die Polizei auch in den Wäldern verschiedene Maßnahmen ergriffen: Kabel, die auf Berührung reagieren, Thermokameras. Das wird von den Deutschen und von der Union finanziert. Ich weiß nicht, ob man dadurch alles stoppen kann, ich schätze aber - zu 90 Prozent ja."

Maros selbst will mit dem Menschenschmuggel an der ukrainisch-slowakischen Grenze nichts mehr zu tun haben. Nicht nur, weil er schon öfter eingesperrt war. Er hat ja seinen Schnitt bereits gemacht und in legale Geschäfte investiert: in eine Kneipe und in ein Bekleidungsgeschäft. (TS)

  • Datum 05.04.2004
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