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Wirtschaft

"Alles unter 70 Dollar ist eine Untertreibung"

Der Ölpreis befindet sich seit Monaten auf einer rapiden Talfahrt. Seit dem Sommer hat er um fast zwei Drittel nachgegeben. Das bleibt nicht so, meint Rohstoff-Expertin Dora Borbély von der Deka Bank in Frankfurt.

Infografik Entwicklung des Ölpreis 5 Jahres-Chart deutsch Datum 10.12.2008 Grafik DW/Olof Pock

DW-WORLD.DE: Woran liegt der starke Rückgang des Ölpreises?

Dora Borbély: Zum einen war das eine Korrektur einer massiven Übertreibung. Die 150 Dollar im Juli waren ein übertrieben hohes Niveau, was daher kam, dass Finanzinvestoren in der Krisenzeit stark in Rohstoffe investiert haben. Und als die Krise sich zu sehr verschärft hat, sind sie auch aus den Rohstoffen herausgegangen. Der andere Grund ist die Weltrezession, die wir jetzt haben. Das heißt, die Nachfrage nach Rohstoffen schwächelt, zum Teil geht sie sogar zurück. Und das führt dazu, dass die Preise nach unten gehen.

König Abdullah von Saudi-Arabien hält laut einem Zeitungsinterview 75 US-Dollar pro Barrel für den "gerechten Ölpreis". Wo sehen sie derzeit einen fairen Wert pro Barrel?

Unsere Prognosen sind auch in dem Bereich. Wir sagen, dass zwischen 70 und 80 Dollar der Preis liegt, der durch Angebot und Nachfrage zu rechtfertigen ist. Das liegt daran, dass die Nachfrage zwar schwach ist, wir aber auch auf der Angebotsseite Kürzungen sehen. Die OPEC hat in diesem Jahr mehrmals gekürzt. Und auch die Nicht-OPEC-Länder produzieren dieses Jahr weniger als im vergangenen Jahr. Insofern hat sich angesichts einer rückläufigen Nachfrage und eines rückläufigen Angebots bei dem fairen, fundamentalen Preis nicht viel getan. Und daher ist das weiterhin ein relativ hoher Wert von 70 bis 80 US-Dollar.

Sehen wir derzeit eine Übertreibung nach unten und sind daran womöglich die berüchtigten Leerverkäufer schuld?

Wir sehen eine Übertreibung nach unten. Alles unter 70 Dollar ist unserer Meinung nach eine Untertreibung. Das liegt mit Sicherheit daran, dass die Märkte im Moment sehr pessimistisch sind. Die Rohölspekulanten sind den Daten zufolge, die wir haben, mehr oder weniger neutral positioniert. Aber insgesamt wird weiterhin den Rohstoffmärkten Liquidität entzogen. Man ist sehr pessimistisch, was die Aussichten für die Nachfrage angeht. Und das drückt auf die Preise. Und das führt dazu, dass wir im Moment ein untertriebenes Preisniveau haben.

Der weltweite Bedarf nach Öl wird trotz des sinkenden Preises in diesem und kommenden Jahr erstmals seit den frühen 80er Jahren sinken, prognostiziert die US-Energie-Informationsbehörde. 2009 sogar um 450.000 Barrel pro Tag. Teilen Sie diese Einschätzung und woran liegt der Nachfragerückgang?

Nach den Zahlen, die wir für dieses Jahr zur Verfügung haben, könnte es im besten Fall auf eine Stagnation der Nachfrage hinauslaufen. Es ist aber auch möglich, dass wir bei der Nachfrage in diesem Jahr einen leichten Rückgang von etwa 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sehen werden. Nächstes Jahr sollte die Nachfrage noch schwächer sein als dieses Jahr. Denn den Tiefpunkt in der weltwirtschaftlichen Entwicklung sehen wir im ersten Quartal kommenden Jahres. Insofern ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Nachfrage dieses Jahr schon, aber auf alle Fälle nächstes Jahr rückläufig sein wird.

Am 17. Dezember tagt die OPEC. Was erwarten Sie von diesem Treffen?

Die Äußerungen von der OPEC sind relativ uneinheitlich. Sie scheinen sich unschlüssig zu sein, ob sie weiter kürzen wollen oder nicht. Denn sie stehen vor dem Dilemma, dass ihre Einnahmen sinken aufgrund der starken Preisrückgänge. Wenn sie jetzt auch noch die Mengen kürzen, dann haben sie noch weniger Einnahmen, wenn dann also die Preise und die Mengen sinken - es sei denn, sie können durch die Produktionskürzungen erreichen, dass die Preise wieder steigen. Das ist im Moment eher unwahrscheinlich. Denn im Moment drücken nicht nur die fundamentalen Faktoren - also Angebot und Nachfrage - auf die Preise, sondern wie gesagt auch der Pessimismus an den Märkten. Ich glaube dennoch, dass die OPEC eine Kürzung der Fördermenge beschließen wird, denn das derzeitige Preisniveau ist für viele OPEC-Länder ein Problem. Sie sehen ihre Einnahmen dahin schmelzen. Und deswegen rechne ich damit, dass sie bei dem nächsten Treffen eine Fördermengenkürzung im Bereich von eine Million bis eineinhalb Millionen Barrel pro Tag beschließen wird.

Öl ist eine schwindende Ressource. Wird der Preis mittel- und langfristig deshalb steigen? Oder werden wir längst alternative Energien auf einem Massenmarkt nutzen, ehe der Preis erneut explodiert und jenseits der 200 Dollar pro Barrel liegt?

Wir sind fest davon überzeugt, dass der Ölpreis, wenn diese Finanzkrise und diese Rezession überwunden wird, wieder stark ansteigen wird. Denn der Ölmarkt ist eng, und die Nachfrage nach Rohöl ist insgesamt kräftiger als die Möglichkeit, das Angebot auszuweiten. Langfristig hängt der Preisdrang davon ab, wann es für den Massenmarkt Alternativen zu Rohöl gibt. Die sind grade im Bereich Kraftstoffe noch überhaupt nicht absehbar. Solange da keine echten Alternativen auf den Markt kommen, rechnen wir ganz fest mit steigenden Rohölpreisen mittel- bis langfristig.