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Sport

Alles relativ

Vor dem letzten Spieltag in der "Todesgruppe" D könnte die Stimmung nicht unterschiedlicher sein: Entspannung bei den Tschechen, verhaltener Optimismus bei den Deutschen, Stimmung nahe dem Nullpunkt bei Holland.

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Wo soll's lang gehen?
Die Trainer Skibbe und Völler

Auch und gerade im Fußball kann alles ganz wunderbar relativ sein. Deutschland muss im letzten Gruppenspiel gegen die zuletzt bärenstarken Tschechen nach Lage der Dinge wohl gewinnen, um auch noch im Viertelfinale dabei zu sein - eine relativ schwierige Aufgabe, wenn man die zuletzt gezeigte deutsche Leistung zum Maßstab nimmt. Rudi Völler sieht das jedoch ganz anders - er spricht von einer Wunsch-Konstellation. "Wir haben das Endspiel, von dem wir alle geträumt haben", verkündete Rudi Völler vor dem Vorrunden-Finale am Mittwoch (23.6.2004) gegen die bereits als Gruppensieger feststehenden Tschechen, die in Lissabon ihre Stars schonen und nur mit einer B-Elf auflaufen wollen. Dass die bislang noch sieglose deutsche Mannschaft den Matchball für das EM-Minimalziel auslassen könnte, war für Völler vor dem Anpfiff im Stadion Jose Avalade kein Thema: "Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir es schaffen werden."

Woher auch immer Völlers Optimismus kommen mag, statistisch lässt er sich nicht untermauern. Seit dem EM-Finale 1996 gegen Tschechien hat die DFB-Auswahl bei einem großen Turnier in acht Spielen nicht mehr gegen einen europäischen Konkurrenten gewonnen. Völler schreckt dies nicht: "Deshalb ist es nun an der Zeit, das zu ändern", sagte der Teamchef.

"Komplett eintüten"

Hochgradig genervt reagierten Völler und Torhüter Oliver Kahn auf die Ankündigung der Tschechen, eine auf bis zu acht Positionen veränderte Mannschaft aufbieten zu wollen. "Das Gerede von der B-Elf kann man komplett eintüten", meinte Kahn schroff. Auch Völler wollte die totale Rotation beim Kontrahenten nicht als Beleg für einen Qualitätsverlust werten.

Rudi Völler selbst hatte die Parallelen zum Debakel von Rotterdam bei der EM 2000 als Abschreckung ins Gespräch gebracht. An jenem 20. Juni 2000 schoss Portugals B-Team Deutschland mit 3:0 aus dem Turnier - eine der dunkelsten Stunden des deutschen Fußballs. Einen Tag vor dem K.O.-Spiel gegen Tschechien aber schob der Teamchef jeden Gedanken an das blamable Ausscheiden vom Tisch. "Das ist kein Trauma mehr. Es ist vier Jahre her und abgehakt", erklärte Völler am Dienstag kurz vor dem Abflug zum Gruppen-Finale nach Lissabon.

Wieder mit kompakter Defensive

Mit welcher Taktik Völler die eigene Sieglosigkeit bei diesem Turnier beenden will, ließ er am Dienstag offen. Höchstwahrscheinlich wird der das letzte Risiko scheuende Teamchef zunächst erneut erst einmal darauf aus sein, kein Gegentor zuzulassen und allenfalls in der Schlussphase zur bedingungslosen Offensive blasen. Auch Michael Ballack plädierte für die Sicherheitsvariante: "Der Grundstein zum Sieg ist die Defensive. Wir müssen spielen wie immer." Völler kehrt daher zum System mit Kevin Kuranyi als einziger Spitze zurück. Dafür soll Michael Ballack wieder offensiver agieren. "Wichtig ist, dass er oft torgefährlich ist", erklärte der DFB-Teamchef, "denn dann ist Alarmstimmung beim Gegner."

Warum nicht Wörns?

Ballack selbst ist hingegen darum bemüht, die hohen Erwartungen an ihn zu verringern. "Es ist egal, wer das Tor macht. Ich setze mich da nicht unter Druck", bemerkte er: "Meistens trifft einer, von dem man es gar nicht erwartet. Christian Wörns hatte gegen die Holländer nach Standardsituationen zwei große Chancen. Warum soll ihm nicht mal ein Tor gelingen?" Es wäre Wörns erstes Tor im 59. Länderspiel.

Personell plant der Teamchef gegenüber dem Lettland-Spiel zwei Korrekturen. Jens Nowotny kehrt wieder ins Abwehrzentrum zurück. Bastian Schweinsteiger hat Völler zufolge "sehr gute Chancen" zu spielen. Allerdings war am Dienstag noch offen, ob der 19-Jährige seine im Trainings-Zweikampf mit Jens Jeremies erlittene Wadenprellung noch rechtzeitig auskuriert.

"Lettland mitnehmen"

Die Tschechen geben sich vor der Partie zwar kampfesmutig, aber auch betont gelassen. Trotz der von Trainer Karel Brückner verordneten Erholungspause für Kapitän Pavel Nedved, Tomas Rosicky, Jan Koller, Karel Poborsky, Tomas Galasek und Milan Baros sind die Tschechen von einem Erfolg gegen Deutschland überzeugt. "Mein Herz schlägt für die tschechische Nationalmannschaft. Die Spieler, die jetzt zum Einsatz kommen, sind hochmotiviert und wollen zeigen, dass sie auch gute Fußballer sind", meinte der ehemalige Lauterer und zukünftige Bochumer Vratislav Lokvenc, der wahrscheinlich spielen wird. Marek Heinz wünscht dem deutschen Team sogar ausdrücklich das Aus. "Ich würde am liebsten Lettland mit ins Viertelfinale nehmen. Man könnte im Turnier ja noch einmal aufeinander treffen", meinte der frühere Bielefelder und Hamburger Stürmer.

Sex, Bier und Golfplatz

Trainer der Tschechen, Karel Brückner

Den Traum vom Viertelfinale schon erfüllt: Karel Brückner, Trainer der Tschechen

Manche Stimmen aus dem tschechischen Lager lassen aber auf eine nicht ganz so ernste Spielvorbereitung schließen. Lokvenc gab zu, dass nach dem Sieg gegen die Niederländer schon "ein, zwei Bier" getrunken wurden. Vladimir Smicer wusste von "schönen Runden auf dem Golfplatz" zu berichten und am Tag vor der Partie erhielten die Profis auch noch Besuch von ihren Frauen - "um eine Blockade im Kopf zu lösen", wie Teamarzt Petr Krejci allen Ernstes erklärte.

"Hoffnung nicht aufgeben"

Die auf Schützenhilfe angewiesenen Niederländer hoffen hingegen, dass das tschechische Dolce Vita keine Wettbewerbsverzerrung zu ihrem Nachteil bedeutet. Man hofft bei den Holländern doch noch, den Weg aus der Krise und ins EM-Viertelfinale zu finden. "Wir dürfen die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Wenn wir uns aufgeben, haben wir schon verloren", schwor Topstürmer Ruud van Nistelrooy seine Kollegen auf das Duell mit den unerschrockenen Letten ein.

Holland Fan enttäuscht

Oranje, die Farbe der Enttäuschung?

Die Stimmung bei den Niederländern ist jedoch nahe dem Nullpunkt. Der Rauswurf des glücklosen Trainers Dick Advocaat gilt ohnehin als beschlossene Sache. Und nun auch noch ausgerechnet vom Erzrivalen Deutschland und dem Angstgegner Tschechien abhängig zu sein, hebt nicht unbedingt die Laune. "Die Situation ist schwierig. Wir müssen uns auf uns und unsere Stärken konzentrieren. Nur dann haben wir überhaupt noch eine Chance", sagte Edgar Davids.

Nach den Nackenschlägen gegen Deutschland (1:1) und Tschechien verzichtet Advocaat offenbar erstmals auf taktische Sperenzchen und wird auf die Mannschaft vom Spiel am vorherigen Samstag bauen. Nur der nach seiner Gelb-Roten Karte gesperrte Johnny Heitinga wird auf der rechten Seite durch Routinier Michael Reiziger ersetzt. (sams)

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  • Datum 23.06.2004
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