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Kultur

Alles Kopfsache – Kulturgeschichte der Hüte

Der Mensch trägt Hut. Und das nicht nur, um den Kopf zu schützen. Politiker, Schauspieler und Sänger machte er unverwechselbar. Wie sehr, das zeigt jetzt eine kleine, aber feine Ausstellung.

Ausschnitt aus dem Bild 'Die Freiheit führt das Volk' von Eugène Delacroix von 1830 (Foto: dpa)

Ausschnitt aus "Die Freiheit führt das Volk" (E. Delacroix)

Sie ist rund, flach, rot und eher schlicht. Doch die kleine Mütze steht für die großen demokratischen Werte der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aus diesem Grund malte sie der französische Künstler Eugène Delacroix in seinem berühmten Bild vom Pariser Barrikadenkampf der freiheitsliebenden Marianne einfach auf den Kopf. Die Jakobinermütze wurde Anfang des 19. Jahrhunderts zum nationalen Symbol der Demokratisierung. Deshalb steht sie am Beginn der Hutausstellung im Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen an der Ruhr.

Gartenzwerg auf der Alm im Dorf Braunwald (Foto: DW)

Das ist aus dem Revoluzzer geworden...

Neben dem meterhohen Plakat des Gemäldes grinst ein großer weißer Gartenzwerg mit roter Mütze auf den Besucher herab. Die Ähnlichkeit der Kopfbedeckung ist frappierend. Und das soll auch so sein, erklärt Museumsleiter Robert Laube. "In Deutschland hat sich die Jakobinermütze vom nationalen Symbol der Freiheit in ein Zeichen urdeutscher Spießigkeit verwandelt", sagt Laube. Dies zeigt auch eine Karikatur aus der Zeitschrift "Eulenspiegel", die die deutsche Revolution von 1848 kritisiert, indem sie aus dem revoltierenden, wilden "Deutschen Michel" des Vormärz mit Jakobinermütze einen brav rasierten Michel mit Schlafmütze macht.

Männerhüte auf Frauenköpfen

Ähnlich erging es in Deutschland auch dem Zylinder. Auf seinem berühmten Gemälde stellt sich Eugène Delacroix als Revolutionär mit Gewehr und Zylinder selbst dar. Denn diese Kopfbedeckung galt ähnlich wie die Jakobinermütze als ein Symbol des bürgerlichen Aufbegehrens gegen die Feudalgesellschaft. Im Laufe des 19. Jahrhunderts aber wurde aus dem Zylinder ein modisches Accessoire des Großbürgertums – über viele Jahrzehnte und zwei Weltkriege hinweg: 1947 landete der Hut schließlich auf dem Entenkopf des Erzkapitalisten Dagobert Duck.

Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem Ufa- Film 'Der Blaue Engel' von 1929 (Foto: dpa)

Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt: Marlene Dietrich als "Lola"

Die Ausstellung widmet sich auch Frauen in Männerhüten: Schauspielerin Marlene Dietrich schmückte sich im Film "Der blaue Engel" mit einem Zylinder und wurde damit weltberühmt. Ähnlich erging es Kollegin Liza Minelli mit dem Bowler, der Melone, die sie sich im Musical "Cabaret" auf den Kopf setzte. Für Robert Laube ist das kein Zufall. "Wenn Frauen mit bestimmten Hüten berühmt geworden sind, dann handelt es sich dabei meistens um Männerhüte", beobachtet der Museumsleiter. Dabei gebe es nur einige wenige Grundformen unter den männlichen Kopfbedeckungen. Im Gegensatz zu den Frauenhüten, die sehr viel verschiedener und phantasievoller seien.

Kopftücher auch für Männer

Doch auch Schauspielerin Grace Kelly gelang es, mit einer eher schlichten Kopfbedeckung Karriere zu machen. Sie trug Kopftuch und Handtasche als modisches Accessoire und begründete damit den "Kelly-Style". Je nach Funktion und Anlass habe das Kopftuch von Resolutheit, Koketterie oder modischem Gespür gezeugt, erklärt Laube. "Erst in jüngster Vergangenheit ist es in den Fokus einer kontrovers geführten gesellschaftspolitischen Debatte gerückt."

Ein Tuaregmann mit traditionellem blauen Turban auf dem Kopf bei Tamanrasset/Algerien (Foto: dpa)

Tuareg mit traditioneller Kopfbedeckung

Kopftücher seien bereits zur Zeit der Pharaonen - also lange bevor es Juden, Christen und Muslime gab - in vielen Kulturkreisen ein alltägliches Kleidungsstück gewesen, betont der Museumsleiter. Für Frauen wie Männer. "Dabei ging es nur selten darum, seinen Kopf vor dem Wetter zu schützen", meint Laube. So habe der männliche Gesichtsschleier bei den Tuareg auch als Zeichen des Respekts gegenüber der Frau gedient. "Was man sich auf den Kopf setzte, hatte oft eine Signalwirkung und zeigte, wofür man stand oder womit man identifiziert werden wollte."

Vom Schutz zum Putz

Auch beim Militär hatte die Kopfbedeckung keineswegs nur eine Schutzfunktion. Das zeigen verschiedene Kriegshelme und Feldherrenhüte. Zu den besonders wertvollen Exponaten gehören der Zweispitz Napoleons und die Pickelhaube Kaiser Wilhelms I. Ursprünglich als Schutz vor Säbelhieben gedacht, entwickelte sich der Pickel zum Symbol für Macht und Männlichkeit. Erst in den 1930er Jahren verschwand die Pickelhaube von den Köpfen der Soldaten. Die Liebe zur Uniform samt Mütze aber blieb in Deutschland bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen.

Otto von Bismarck

Otto von Bismarck

Auch heute noch spielt die richtige Kopfbedeckung in diversen Berufen eine Rolle. Soldaten, Bau- und Bergarbeiter tragen Helme, Polizisten eine Mütze, Köche eine weiße Kochmütze. "Die Kopfbedeckung hat eine hohe soziale Funktion", erklärt Robert Laube. "Sie zeigt die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe." Sie macht gleich, kann aber auch genau für das Gegenteil stehen.

Knigge für den Kopf

So ist der Hut zum Markenzeichen vieler Schauspieler, Sänger und Politiker geworden. Neben Hüten von bekannten Schauspielern wie Marlene Dietrich, Inge Meysel oder Jopi Heesters präsentiert die Schau auch den Speckhut des Künstlers Josef Beuys, die Helme bekannter Sportler und die Kopfbedeckungen diverser Politiker – von Adenauer über Genscher bis hin zu Gerhard Schröder.

Auch die Themen Hutproduktion und Arbeitsschutz kommen in der ehemaligen Hattinger Hütte nicht zu kurz. Zwischen all den Bergmannshelmen prangt das goldene Modell, das die Queen in den siebziger Jahren bei ihrem Besuch in einem Stahlwerk trug. Die Ausstellung endet aber nicht mit einem Hut, sondern mit einem Spiegel, in den der Besucher blickt. Schließlich zähle nicht, was der Mensch "auf", sondern was er "im" Kopf habe, betont Robert Laube und zitiert einen klugen "Hutspruch" des Komödianten Heinz Erhard: "Es lohnt sich nicht einen Hut zu tragen, endet der Mensch bereits am Kragen."

Autorin: Sabine Damaschke
Redaktion: Silke Wünsch

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