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Kultur

Alles könnte anders klingen

"Die Zukunft des Konzerts – das Konzert der Zukunft" lautete das Motto des Symposiums im Rahmen des Bonner Beethovenfestes; dazu gehörte auch die Diskussion um das neue Festspielhaus.

Zaha Hadid-Entwurf für das Bonner Festspielhaus. Foto: dpa

Konzerthaus der Zukunft? So könnte es in Bonn aussehen (Entwurf: Zaha Hadid)

Vielleicht sollte man sie einfach zum Weltkulturerbe erklären: Die deutsche Musiklandschaft steht mit ihren fast 90 Opernhäusern, über 130 Orchestern und einer Fülle von Konzertsälen geradezu einzigartig da. Mit einer solchen Ernennung könnte man den jetzigen Zustand erhalten, meinte Gerald Mertens, der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung, mit einem Augenzwinkern. Doch sowohl den Mitwirkenden auf dem Podium als auch den Zuhörern war klar, dass die derzeitigen und zukünftigen demografischen und kulturellen Veränderungen der Gesellschaft auch am traditionellen Konzertwesen nicht spurlos vorüber gehen.

Hoffnung auf neues Publikum

Gerald Mertens, Foto: Kornelia Danetzki

Gerald Mertens: "Mehr Crossover-Projekte."

Zwar würde es nach wie vor das traditionelle Konzert mit Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie geben, so Mertens: "Aber das ist kein Dogma, es wird auch neue Konzertformen geben, moderierte Konzerte, Konzerte unter Einbindung junger Künstler, unter Einbindung von Schulklassen, von Behinderten, oder von alten Menschen. Die Erschließung neuen Publikums eröffnet für die Orchester ein unheimliches Zukunftspotential." Schon jetzt ist intensive Jugendarbeit für die meisten Orchester eine wichtige und selbstverständliche Aufgabe, die durchaus schon Früchte zeigt; dennoch bleibt in dieser Hinsicht noch einiges zu tun, gerade im Hinblick auf junge Menschen mit Migrationshintergrund. Entsprechend sind für Mertens auch mehr spannende Crossover-Projekte im künftigen Konzertrepertoire vorstellbar.

Sandwich-Konzerte

Darüber hinaus hofft Mertens auch auf eine neue und stärkere Einbindung der zeitgenössischen Musik in die zukünftige Konzertprogrammgestaltung. Die bisherigen "Sandwich-Konzerte", bei denen ein aktuelles Werk von zwei Klassikern eingerahmt wird, müssten durch neue Formen ersetzt werden. Zusätzlich wünscht er sich ein stärkeres Engagement der zeitgenössischen Musik hinsichtlich des Publikums: "Die Komponisten müssen wieder mehr für den Konzertsaal, auch mehr für den Bereich der Musikvermittlung machen, dann ist es für beide eine Chance: sowohl für die Zukunft des Konzerts als solche, als auch für die Frage der zeitgenössischen Musik in der Zukunft."

Gigantische Finanzprobleme

Albert Schmitt, Foto: Kornelia Danetzki

"Die absolute Erstarrung": Albert Schmitt

Auch die Klangkörper selbst befinden sich in einem Wandel: Seit 1990 ist die deutsche Orchesterlandschaft durch Auflösungen und Fusionen um 20 Prozent geschrumpft. Akute kommunale Finanznot macht vor Allem mittleren und kleinen Orchestern zu schaffen; aber auch die "Großen" in diesem Bereich werden nicht ausgespart. "Es gibt gigantische Finanzprobleme. Diese ganzen Apparate werden immer größer und immer teurer mit jeder Tarifsteigerung, und mit jedem Jahr sinkt eigentlich die Flexibilität, weil es keine freien Mittel mehr gibt, um auch junge Künstler und um gute Ideen zu unterstützen oder um Initiativen zu starten", sagt Folkert Uhde, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Berliner Konzerthauses "Radialsystem", "da droht eine absolute Erstarrung, wenn man dieses System nicht in irgendeiner Weise von irgendeiner Seite aufbricht."

Folkert Uhde, Foto: Kornelia Danetzki

Mehr Einfluss für die Künstler fordert Folkert Uhde.

Reformbedarf in der Orchesterlandschaft sieht auch Albert Schmitt, der Managing Director der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Die zählt zu den Spitzenorchestern des Landes und genießt auch weltweit einen guten Ruf. Im Gegensatz zu den Rundfunk- oder städtischen Orchestern wird hier Engagement, Verantwortung und Eigeninitiative besonders groß geschrieben. Ein Modell mit Zukunft, findet Schmitt: "Der wesentliche Punkt ist Partizipation in jeder Hinsicht, die Musiker müssen stärker eingebunden werden in die Managementprozesse und in die Entscheidungsprozesse. Sie müssen mehr Einflussmöglichkeiten bekommen, damit aber auch mehr Pflichten übernehmen, mehr Verantwortung für das, was passiert. Und das ist ein weiter Weg, bis man da ist."

Streit ums Bonner Festspielhaus

Architektenentwürf Die Wellen für das neue Festspielhaus in Bonn von Hermann & Valentiny. Foto: dpa

"Ganz anders rangehen": Könnte so das neue Beethoven-Festspielhaus in Bonn aussehen? Ein Entwurf von Hermann & Valentiny

Und der Konzertraum der Zukunft – wie soll der aussehen? Was muss er leisten und welche Anforderungen werden an ihn gestellt? Antworten auf gerade diese Fragen wurden mit Spannung erwartet – vor Allem von den Befürwortern und Gegnern des geplanten Bonner Beethovenfestspielhauses. Doch hier, wer hätte es auch anders erwartet, gingen die Meinungen weit auseinander. Folkert Uhde beispielsweise hält künftige Konzerthausneubauten für sinnlos, da es genug bestehende gibt. Und wenn schon darüber diskutiert werde, gäbe es für ihn einige wichtige Aspekte: "Da müsste man ganz anders rangehen und zunächst nochmal über die Funktionalität diskutieren, über die Flexibilität oder über die Anordnung zwischen Künstlern und Publikum. Und erst recht braucht es kleinere, flexiblere Räume neben einer großen Philharmonie, die man natürlich für große Sinfoniekonzerte benötigt." Sicherlich dürften die Befürworter des neuen Beethoven-Festspielhauses von seiner Einschätzung nicht gerade begeistert gewesen sein; aber vielleicht gibt sie noch einmal neue Impulse für Bonns musikalische gute Stube der Zukunft.

Autor: Klaus Gehrke

Redaktion: Elena Singer

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