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Asien

"Alles ist möglich in Nordkorea"

Kein Parteitag, nirgends. Mit viel patriotischem Tamtam begeht Nordkorea den 62. Jahrestag der Staatsgründung. Aber wo ist die angekündigte große Parteiversammlung?, fragt DW-WORLD.DE den Korea-Experten Rüdiger Frank.

Auch am 62. Nationalfeiertag steht die Statue des Staatsgründers Kim Il Sung an seinem gewohnten Platz in Pjöngjang am 9. September 2010 (Foto: AP)

Auch am 62. Nationalfeiertag steht Staatsgründer Kim Il Sung an seinem gewohnten Platz

DW-WORLD.DE: Seit Tagen wurde über den Beginn der großen Delegiertenversammlung spekuliert. Gerüchten zufolge sollte es irgendwann in dieser Woche losgehen, mancher Beobachter tippte auf den heutigen Donnerstag (09.09.2010), dem nordkoreanischen Nationalfeiertag. Aber man hat noch nichts aus Pjöngjang gehört. Könnte es sein, dass die Veranstaltung bereits stattgefunden hat oder noch läuft - und wirklich nichts davon nach außen gedrungen ist?

Rüdiger Frank: Das ist alles möglich. Es ist angekündigt worden, dass es eine solche Delegiertenkonferenz geben soll und dass sie Anfang September stattfinden soll. Deshalb können wir davon ausgehen, dass das tatsächlich der Fall sein wird. Aber man sieht an dieser Geschichte wunderbar, wie Nordkorea in der Lage ist, über die Dinge eine Decke des Schweigens zu legen, solange es ihnen eben passt. Es ist ein wunderbares Beispiel auch dafür, wie Journalisten angeblich irgendwelche staatstragenden Geheimnisse herausgefunden haben wollen. Das Beispiel zeigt, wie glaubhaft solche Meldungen sind. In der letzten Woche habe ich gelesen, dass laut berufener Quelle am 4. September diese Parteiversammlung stattfinden sollte. Bis jetzt war immer noch nichts. Wir müssen uns da einfach in Geduld üben.

Wäre es denn auch möglich, dass die Versammlung schon stattgefunden hat und der Rest der Welt gar nichts davon mitbekommen hat?

Ja, sicher ist das möglich. Es ja schwierig aus Pjöngjang zu berichten. Dann ist heute der 9. September, der Nationalfeiertag, der Tag der Gründung des Landes. Dementsprechend ist dort sowieso mächtig was los. Wenn da also Bewegungen zu beobachten sind, Demonstrationen, Massenversammlungen, dann wäre das normal. Wenn am Rande dessen ein paar hundert Parteidelegierte tagen, würde man das nicht wirklich mitkriegen, auch nicht mit Satelliten-Fotos. Da müssen wir auf eine offizielle Meldung warten. Interessant ist, dass auch in den nordkoreanischen Zeitungen nichts darüber zu lesen ist.

Nun sind solche Veranstaltungen ja nichts Alltägliches. Der letzte Parteikongress der Arbeiterpartei liegt schon 30 Jahre zurück. Damals wurde der Weg des jetzigen Machthaber Kim Jong Il an die Staatsspitze eingeleitet. Jetzt wird vermutet, dass bei der anstehenden Versammlung der jüngste Sohn Kim Jong Un formell als Nachfolger in Stellung gebracht werden soll. Wie beurteilen Sie diese Gerüchte?

Professor Rüdiger Frank, Ostasien-Wissenschaftler und Korea-Experte an der Uni Wien (Foto: privat)

"Man kann nicht ewig Wasser in den Wein gießen und hoffen, dass er noch schmeckt": Korea-Experte Rüdiger Frank

Aus dem Bauch heraus sage ich, dass das vollkommener Blödsinn ist. Ganz so einfach ist denn dann doch nicht. Zunächst mal, was jetzt ansteht ist eine Parteidelegiertenkonferenz, die letzte dieser Art war im Jahr 1966. Es ist kein Parteitag, sondern ein Instrument, das laut Statuten zwischen den Parteitagen stattfindet. Es hat auch nicht den Stellenwert eines Parteitags, sondern ist eine Stufe darunter. Was die Benennung von Kim Jong Un als Nachfolger angeht? Schauen Sie, Kim Jong Il ist ja mehr als ein Jahrzehnt auf die Nachfolge vorbereitet worden, und nicht nur er persönlich sondern auch die Öffentlichkeit. Sein Name wurde bekannt gemacht, Bilder wurden gezeigt, Werke wurden von ihm veröffentlicht. Er führte einen Titel und nannte sich "Parteizentrum". Die Menschen waren schon einmal daran gewöhnt, dass es da so einen gibt. Dann wurde er offiziell 1980 zum Nachfolger berufen, als das eigentlich schon allen klar war. Bei Kim Jong Un ist das ganz anders, den kennt kein Mensch. Der ist auch noch relativ jung, er hat noch nichts getan, jedenfalls nichts, von dem die Menschen wüssten. Er hat kein Gesicht, keine Reputation. Was wir jetzt von dem Parteitreffen erwarten können, ist, dass er überhaupt erstmal in das Licht der Öffentlichkeit gerückt wird. Er wird eine Funktion erhalten, vermutlich im Zentralkomitee, um sich innerhalb kürzester Zeit eine Reputation aufzubauen. Denn dafür ist angesichts der Gesundheit seines Vaters kein Jahrzehnt mehr übrig. Und dann, beim Siebten Parteitag, der eben noch stattfinden muss, würde er dann offiziell zum Nachfolger werden. Das, schätze ich mal, wird 2012 sein.

Also zum 100. Geburtstag des Staatsgründers Kim Il Sung.

Ganz genau, das wäre ein Super-Datum, da arbeitet man schon lange drauf hin. Und darauf sind die Menschen auch eingestellt. Aber ich muss das alles in den Konjunktiv setzen. Ich habe meine Probleme mit der Vorstellung, dass es einen dritten großen Führer geben wird. Das wäre auch für den dauerhaften Bestand dieses Systems eher kontraproduktiv. Man kann nicht endlos Wasser in den Wein gießen und hoffen, dass er dann immer noch schmeckt. Die klügere Variante wäre, die zwei Führer, also Kim Il Sung und Kim Jong Il zu verewigen und es dabei zu belassen. Mit Kim Il Sung hat man es ja schon gemacht, er ist der 'ewige Präsident'. Kim Jong Il wäre dann meinetwegen der ewige General. Die Mutter, Kim Jong Suk, wäre die dritte im Bunde, da haben wir die drei Generäle von Paektusan. Damit ließe sich die Geschichte also quasi fixieren. Danach käme eine kollektive Führung, natürlich unter einer Führungsperson, aber keinem 'Super-Führer'. Das wäre eigentlich die rationalere Entscheidung. Aber, nun ja, auch hierzulande trifft man nicht immer die rationaleren Entscheidungen.

Ist das Szenario denn realistisch? Der jetzt eifrig betriebene Personenkult könnte doch auch fortgeführt werden.

Der Personenkult existiert, aber wie gesagt nur um Kim Il Sung und Kim Jong Il. Es ist ja kein naiver Personenkult, sondern er basiert auf bestimmten Errungenschaften. Kim Il Sung hat das Land von den Japanern befreit, er hat den Koreakrieg gegen die Amerikaner gewonnen. Sein Sohn war derjenige, der immer bei ihm war und seine Lehren verinnerlicht hat. Diese zwei Funktionen sind den Menschen klar, und deswegen gelten sie als die beiden großen Führer, die verehrt werden müssen. Die Frage ist, mit welcher Begründung - und die braucht es in Nordkorea - man nun den Enkel, Kim Jong Un, zum nächsten großen Führer machen soll? Mir fällt dazu wenig ein.

In diesem Jahr haben sich die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel deutlich verschärft. Ein Grund war der Untergang eines südkoreanischen Kriegsschiffes mit fast 50 Toten. In dieser Woche hat Nordkorea aber die vor einem Monat inhaftierte Besatzung eines südkoreanischen Bootes freigelassen. Ist das ein Anzeichen für eine Entspannung?

Das ist das übliche Spiel. Wenn man das ein bisschen langfristiger beobachtet, dann sieht man, dass die Nordkoreaner durchaus ein gutes Gespür dafür haben, wo das maximale und wo das minimale Level an Spannungen liegen sollte. Immer wenn das maximale Spannungsniveau erreicht ist und Nordkorea mit einer entschiedenen Reaktion der Gegner rechnen muss, kann man davon ausgehen, dass die Nordkoreaner irgendeine freundliche Geste machen um die Spannung herunterzuschrauben. Das ist taktisches Verhalten. Gleiches gilt aber auch für Entspannungs-Situationen. Also wenn zu viele positive Dinge passieren, kann man davon ausgehen, dass auch ein negativer Zwischenfall passieren wird. Ansonsten würde man sich daran gewöhnen, dass von Nordkorea nichts zu befürchten ist. Und auch das würde mit Nordkoreas Außenpolitik nicht wirklich zusammengehen.

Professor Dr. Rüdiger Frank ist Ostasien-Wissenschaftler und Ökonom. Er lehrt und forscht an der Universität Wien unter anderem zur Transformation Nordkoreas.

Das Gespräch führte Esther Broders

Redaktion: Sven Töniges

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