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Kultur

Alles hat seine Zeit

Von P. Heribert Arens Ofm, Bad Staffelstein-Vierzehnheiligen

Pater Heribert Arens OFM, Bad Staffelstein-Vierzehnheiligen

“Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn, wenn Fasten dann Fasten!” Theresia von Avila hat dieses Wort geprägt. Es verdeutlicht: Nicht alles ist zu jeder Zeit sinnvoll und angebracht. Das weiß jeder: Wenn ich Menschen begegne, die ein Trauerfall bedrückt, ist das nicht der Ort, Witze zu erzählen. Im Urlaub tut es nicht gut, dauernd von der Arbeit zu reden. Bei der Arbeit ist nicht der rechte Platz, um zu faulenzen. Als junger Mensch sollte ich nicht herumtappen, als wäre ich achtzig. Als alter Mensch sollte ich mich nicht benehmen wie ein Pubertierender, sondern mich altersgemäß verhalten. Das weiß jeder!

Ein bekannter Text aus der Bibel fasst diese Lebensweisheit so zusammen: Für alles gibt es eine Zeit: eine Zeit zum Trauern, eine Zeit zum lachen, eine Zeit zum Arbeiten, eine Zeit zum Ausruhen. Die Liste ist länger. Das Resümee: Alles hat seine Zeit. Nun sind wir Menschen rund um den Erdball nicht alle in der gleichen Situation. Nicht einmal die Menschen einer Gemeinde oder einer Familie sind alle und immer in der gleichen Situation. Was das biblische Buch Kohelet auf die Zeit bezieht, gilt auch im Blick auf Orte und Einzelschicksale.

Was in der Zeit nacheinander geschieht, das kann auch gleichzeitig sein, nebeneinander! Verdeutlichen möchte ich das am ersten Satz des Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Als erstes steht da unmissverständlich das Wort: ICH Offensichtlich ist das Bewusstsein so alt wie das Glaubensbekenntnis selbst: Was ich glaube ist entscheidend, nicht, was man so glaubt. Es kommt darauf an, was ICH glaube – und das kann bei gleichen Worten ganz unterschiedlich sein.

„Ich glaube an den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Spricht ein Urlauber diesen Satz, von der Sonne verwöhnt, bei bester Gesundheit, erfüllt von schönen Erlebnissen, kann er zwar intellektuelle Zweifel haben, aber seine guten Erfahrungen sind kein Hindernis für diesen Glaubenssatz. Soll ein Mensch den gleichen Satz sprechen, dem ein Erdbeben alles zerstört und die liebsten Menschen getötet hat, dann ist das eine Zumutung und Herausforderung, erlebt er doch eine zerstörte Schöpfung.

Betet ein Krebskranker diesen Satz des Credo, gezeichnet von Krankheit, geplagt von Schmerzen, dem Tod konfrontiert, werden möglicherweise intensive Zweifel bohren: “Diese leidende, diese zerfallende Schöpfung meines Leibes, meines Lebens, soll Gottes Schöpfung sein? Spüren Sie den Unterschied? Da kann ich nicht sagen „Wir glauben doch alle an den gleichen Schöpfer!“ Bei gleichem Wortlaut bekommt der Inhalt eine ganz andere Qualität.

Was für den einen ein Jubelruf ist, ist für den anderen ein Schmerzensschrei, was für den einen eine Anmutung ist, ist für den anderen eine Zumutung, was für den einen Ausdruck des Findens ist, ist für den anderen Ausdruck des Suchens. Gleiche Worte sagen nichts über den gleichen Glauben – und nichts darüber, was dieser Glaube für den einzelnen bedeutet. Übersieht und übergeht man das, können wohlklingende Glaubensformulierungen gewalttätig werden.

So ist das auch in meinem persönlichen Glauben. Mit meinem ICH kann ich nicht für meine ganze Lebenszeit garantieren. Immer nur für das HIER und JETZT. Freu dich, wenn Du zurzeit leicht glauben kannst! Das ist ein Geschenk! Aber das muss nicht immer so bleiben. Es kann auch eine Zeit kommen, wo etwas ganz anderes dran ist.

Jesus wird einmal gefragt: „Warum fasten deine Jünger nicht?“ Er gibt lapidar zur Antwort: Das ist jetzt nicht dran. Jetzt bin ich bei ihnen, da sollen sie sich freuen. Aber es werden auch andere Zeiten kommen. Dann ist Fasten angesagt. Alles hat seine Zeit!“ Diese Überlegungen münden für mich in die Einladung: Lebe in der Gegenwart! Wenn es dran ist, dann freu dich, koste die Freude aus. Sind Trauer und Schmerz angesagt, gib dich dem hin. Wenn der Glaube leicht fällt, sei dankbar. Wenn er zur Zumutung wird, dann ringe mit ihm.

Alles hat seine Zeit.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Dr. Silvia Becker.

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