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Kultur

Alles fließt

Henry van de Velde ist einer der bedeutendsten Jugendstilarchitekten. Von 1902 bis 1917 lebte er in Weimar. Sein Haus, zu DDR-Zeiten Stasizentrale, ist eines von sechs seiner Bauten in Weimar. DW-WORLD auf Spurensuche.

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Wohndiele im Haus "Hohe Pappeln" - jetzt frisch renoviert

Weimar, Belvederer Allee. Schnurgerade lenkt sie die Schritte stadtauswärts. Hinter sorgfältig gestutzen Hecken schlummern verträumte Villen. Da, endlich: Hinter einem frisch lackierten Gartentor duckt sich der massive Bug eines steinernen Schiffes unter die alten Bäume - das Haus "Hohe Pappeln", Belvederer Allee 58.

Hier also lebte der renommierte Jugendstil-Architekt mit

Haus Hohe Pappeln Schauseite

Haus Hohe Pappeln Copyright für sämtliche Fotos aus Haus Hohe Pappeln: Kunstsammlungen zu Weimar / Fotograf: Roland Dreßler, Weimar 1999

seiner Frau und den fünf Kindern. Der Belgier van de Velde war im Jahre 1902 von einflussreichen Freunden nach Weimar geholt worden. Gemeinsam wollten sie das angestaubte Kulturleben Weimars im Stil des "Art Nouveau" reformieren. Wie fast alle Künstler der Jugendstil-Epoche, war auch van de Velde sehr vielseitig: Er arbeitete nicht nur als Architekt, sondern entwarf auch Möbel, Keramik, Porzellan, Silber, Schmuck, Stoffe und Kleider.

Haus Hohe Pappeln Nebentreppenaufgang

Haus Hohe Pappeln -Nebentreppenaufgang Copyright: Kunstsammlungen zu Weimar / Fotograf: Roland Dreßler, Weimar 1999

Die kauzige Gestalt der Villa und das tief in die Stirn gezogene Walmdach verbergen das großzügige Innere: Lichtstrahlen purzeln über zwei Etagen durch das filigran geschwungene Treppengeländer. In den Zimmern der Beletage des Hauses erinnert nichts mehr an die turbulenten Spiele der Kinder oder an die Abendgesellschaften mit Harry Graf Kessler, Hugo von Hofmannsthal und Elisabeth Förster-Nietzsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht die sowjetische Militärkommandantur hier ein. Danach der DDR-Staatssicherheitsdienst. Und die Stasi baut kräftig an, aus und um - nicht weniger als 38 Mal.

Haus Hohe Pappeln Blick aus dem Flur in die Wohndiele

Haus Hohe Pappeln Copyright: Kunstsammlungen zu Weimar / Fotograf: Roland Dreßler, Weimar 1999

Hell hallen die Tritte auf dem gewienerten Parkett. Sechs Stühle schmiegen im Speisezimmer ihre elegant geschwungenen Beine schutzsuchend unter den großen Esstisch. Das Mobiliar und der Hausrat der Familie van de Velde wurde auseinandergerissen und in Belgien, Deutschland und der Schweiz verstreut. 50 Möbelstücke sind jetzt wieder da - zurückgekauft.

Nietzsche - Archiv in Weimar Bibliothek

Nietzsche-Archiv in Weimar Bibliothek (Stiftung Weimarer Klassik, Foto: Sigrid Geske)

Von der Belvederer Allee weiter auf den "grünen Hügel" im Süden. Dort liegt die "Villa Silberblick" – das Nietzsche-Archiv. Nach dem Tod des Philosophen beauftragt seine Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche, Henry van de Velde mit der Umgestaltung der Erdgeschossräume. Durch die Fenster fällt dezentes Licht und umspielt in heiterer Gelassenheit Esstisch und Flügel. Über dem wasserblauen Fußboden und den Wandregalen aus Kirschholz wölbt sich die ockerfarbene Decke und birgt sorgsam Mensch und Möbel - getreu dem van de Veldeschen Credo: "Alle Kraft liegt in der Linie. Die Gerade lügt. Nur die Kurve ist das Wahre. Die Zeit ist ein Kreis".

Nietzsche - Archiv in Weimar Beratungsraum

Nietzsche-Archiv in Weimar Beratungsraum (Stiftung Weimarer Klassik / Goethe-Schiller-Archiv, Signatur: 623(1a)

Doch linienselig ist van de Velde nicht – l’art pour l’art entspricht nicht seinem Stil. Vielmehr gehört er zu den Verfechtern der Einheit von Form und Funktion, von Zweckmäßigkeit und Schönheit, von Treue zum Material und funktioneller Konstruktion. Eine solide handwerkliche Grundausbildung und alltagstaugliche Entwürfe sind ihm wichtig - im Kleinen wie im Großen. Ein Beispiel: Van de Veldes Weimarer Kunstschulbauten sind feinsinnig durchkomponierte Funktionsgebäude - sinnvoll in der Raumanordnung und optisch aus einem Guss.

Weimar

Treppe in der Bauhaus-Universität

Van de Velde war nach Weimar gekommen, ohne genau zu wissen, wozu. Als erstes muss also ein Amt für ihn erfunden werden: Er wird zum "Künstlerischen Berater für Industrie und Kunsthandwerk" des Großherzogtums Weimar ernannt. Eines seiner Lieblingsprojekte: eine eigene Kunstgewerbeschule. Fünf Jahre dauert es, bis das Projekt Formen angenommen hat. Am 7. Oktober 1907 ist es endlich so weit: die Gewerbeschule öffnet ihre Pforten.

Rückseite der Bauhaus-Universität Weimar

Rückseite der Bauhaus-Universität

Nur acht Jahre später scheitert die Schule am Provinzgeist des Weimarer Hofs. Van de Velde ist mit seiner Reformkunst in Ungnade gefallen: Die Kunstgewerbeschule wird geschlossen, er selbst schikaniert und gedemütigt. Hals über Kopf emigriert van de Velde in die Schweiz. Die Kunstgewerbeschule jedoch wird noch einmal zum Leben erweckt und findet einen Nachfolger von Weltformat - das Bauhaus. 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, entwickelt sich das Bauhaus im Laufe der Jahre zur bekanntesten Kunst- und Designschule Deutschlands.

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