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Wissen & Umwelt

"Alles deutet auf eine neue Spezies Mensch hin"

Leipziger Wissenschaftler haben Hinweise auf eine bisher unbekannte Form von Urmenschen gefunden. Im Interview mit DW-WORLD.DE spricht Anthropologe Johannes Krause über die Tragweite seiner Entdeckung.

Neandertalermodelle (Foto: dpa)

Gemeinsam mit Institutsleiter Svante Pääbo hat Johannes Krause die Untersuchungen an dem Knochensplitter des neuen Urmenschen geleitet. Der gerade einmal sieben Millimeter lange Knochensplitter war im Jahr 2008 in einer Höhle im südsibirischen Altai-Gebirge gefunden worden.

DW-WORLD.DE: Wie kommt man eigentlich an Knochensplitter aus dem Altai-Gebirge?

Johannes Krause, Anthropologe am MPI Leipzig (Foto: DW)

Johannes Krause, Anthropologe am MPI Leipzig

Johannes Krause: Wir haben seit mehreren Jahren eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit mit Kollegen in Russland, die uns Knochenproben für genetische Untersuchungen zusenden. Wir haben hier in Leipzig in den letzten Jahren die Neandertaler-Forschung auf die genetische Ebene gehoben und damit begonnen, die Urmenschen-DNA zu untersuchen. Bisher konnten wir nur zwei Linien untersuchen, das waren der moderne Mensch und seine direkten Vorfahren, sowie die DNA der Neandertaler, die man in den 90er Jahren entdeckt hat. Als wir nun nach neuen Neandertalerknochen gesucht haben, haben wir durch Zufall diesen Knochen gefunden, der eine DNA besitzt, die weder vom Neandertaler stammt noch vom modernen Menschen, sondern eine neue Form Urmensch darstellt, die uns bisher unbekannt war, die wir also genetisch noch nie gesehen hatten und die wir im Moment auch nicht zu einer bisher existenten Urmenschenart zuordnen können.

Alle sprechen von einer Sensation. Würden Sie auch sagen, es ist eine?

Ich denke, es ist eine Sensation, weil wir bisher nur die Möglichkeit zwei Arten von Urmenschen genetisch zu untersuchen, jetzt haben wir eine dritte, die keiner bisher bekannten Urmenschenart zuzuordnen ist. Leider haben wir kein komplettes Skelett, sondern nur einen Knochen des kleinen Fingers. Es ist ein winzig kleines Fragment, das uns leider wenig über die Morphologie sagen kann. Wir wissen momentan nicht, wie dieser Urmensch aussah? Sah er vielleicht wie ein Neandertaler aus, wie ein moderner Mensch oder wie ein Homo errectus? Hier fehlt uns noch sehr viel Information, aber wir haben jetzt die Möglichkeit, die DNA dieses Urmenschen und damit die gesamte Erbinformation zu untersuchen und mit dem Menschen und dem Neandertaler zu vergleichen. Da können wir sehr viel lernen.

Wissenschaftler in der Denisova-Höhle in Sibirien (Foto: AP)

Wissenschaftler in der Denisova-Höhle in Sibirien

Beispielsweise: Was gab es für Interaktionen zwischen diesen drei Gruppen von Urmenschen. Wir konnten zeigen, dass alle drei zur selben Zeit am selben Platz gewohnt haben. Auch das ist eine Sensation für uns. In einer Nachbarhöhle der Denisova-Höhle, wo unser Knochensplitter herstammt, haben wir Neandertalerknochen gefunden. In der gleichen Erdschicht, in der auch unser Knochen gefunden wurde, lagen archäologische Artefakte, die vom modernen Menschen zu stammen scheinen – Ornamente und Schmuck, der eigentlich nur mit modernen Menschen assoziiert ist. Sie scheinen also zur selben Zeit am selben Ort gelebt zu haben und daher kann man sich auch alle möglichen Szenarien vorstellen, dass es vielleicht auch zum Genfluss zwischen diesen drei Populationen gekommen ist.

Ist das der Wunschtraum eines jeden Anthropologen, einmal einen solchen Fund zu machen?

Ja, das ist wahrscheinlich eine einmalige Chance im Leben, die man hier bekommt. Eine neue Form Urmensch zu entdecken, das ist natürlich sehr spannend für uns. Wir sprechen bisher aber nur von neuer Form Urmensch. Das liegt einfach daran, dass wir bisher nur einen winzigen Bruchteil der gesamten DNA analysiert haben und erst wenn man das gesamte Genom oder zumindest große Teile davon analysiert hat, kann man wirklich entscheiden: Ist das jetzt etwas ganz neues, etwas ganz anderes als der moderne Mensch oder der Neandertaler. Aber es deutet alles darauf hin, dass wir hier tatsächlich eine ganz neue Spezies Mensch gefunden haben.

Wissenschaftler mit Maske und Handschuhen hält Knochenstück in der Hand(Foto: dpa)

Johannes Krause bei der Untersuchung eines Neandertalerknochens

Können Sie schon sagen, von wem der Knochen stammt?

Bisher können wir nur sagen, dass sich diese DNA vor ungefähr einer Million Jahren von der DNA des Menschen getrennt hat. Wir können außerdem sagen, dass der Mensch näher mit dem Neandertaler verwandt ist, als mit dieser neuen Urmenschenform. Wir sehen doppelt so viele Unterschiede in der DNA zwischen dem Menschen und der neuen Form als zwischen Mensch und Neandertaler. Es stellt also wirklich eine ganz andere Linie dar, die sich viel früher vom Menschen getrennt hat.

Weiß man ob es sich um eine Frau oder einen Mann gehandelt hat?

Wir nennen es im Moment "X-Woman", die unbekannte Frau. Wir sprechen deshalb von einer Frau, weil wir die mitochondrale DNA untersucht haben, das ist die DNA der Zellkraftwerke, die immer von der Mutter an die Kinder weitergegeben wird. Wir schauen uns also die weibliche Linie an und haben deshalb die "feministische Position" eingenommen. Aber so lange wir noch nicht das gesamte Genom kennen, können wir auch nicht sagen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt.

Und dieses Verfahren, die DNA der Mitochondrien zu untersuchen, stammt von Ihnen?

Johannes Krause bei der DNA-Analyse (Foto: dpa)

Johannes Krause bei der DNA-Analyse

Unser Institutsleiter Svante Pääbo hat in den 90er Jahren zum ersten Mal Mitochondrien-DNA von Urmenschen untersucht, damals von Neandertalern. In den vergangenen Jahren haben wir diese Methoden verfeinert, um mehr Informationen zu bekommen, schneller und qualitativ hochwertiger. Wir haben diese Art der Forschung in den vergangenen Jahren also wirklich extrem vorangetrieben.

Was werden die weiteren Untersuchungen sein und was hoffen Sie noch zu finden?

Wir haben uns vorgenommen, das gesamte Genom dieses Urmenschen zu untersuchen, um mehr zu erfahren. Wir wollen sehen, wie er mit dem modernen Menschen und dem Neandertaler verwandt war. Gab es Genfluss zwischen diesen drei Populationen? Und vielleicht auch: Was können wir über phänotypische Merkmale lernen. Also, was für eine Haarfarbe hat er gehabt oder andere Merkmale, die wir anhand der DNA-Sequenzen rekonstruieren können.

Und wer bekommt den Knochen, wenn alle Untersuchungen abgeschlossen sind?

Das was vom Knochen noch übrig ist, wird sicher wieder zurück ans Museum in Nowosibirsk geschickt, das auch die Ausgrabungen im Altai-Gebirge durchgeführt hat. Allerdings ist es auch kein sehr spektakulärer Knochen. Er ist noch nicht einmal so groß wie ein Kirschkern, also ein winzig kleines Fragment. Von daher ist er vielleicht auch nicht so interessant anzuschauen.

Das Gespräch führte Andreas Ziemons
Redaktion: Hajo Felten