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Kultur

Alles Christentum, oder was?

Weihnachten, Ostern, Pfingsten – der Kalender zeigt: das Christentum gibt hierzulande den Takt an. Aber nicht nur, was unseren Jahresrhythmus betrifft, sondern auch in zahlreichen gesellschaftlichen Belangen.

Die Würde des Menschen, soziale Gerechtigkeit oder das Tötungsverbot – die Handlungsanweisungen der zehn Gebote oder der Bergpredigt haben unsere Lebenskultur bis heute geprägt. "Die wesentlichen Grundbegriffe, wie sie heute im Recht beispielsweise normativ sind – Solidarität, der Begriff der Person oder der Menschenwürde – sind vom Christentum ausbuchstabiert worden", sagt der Rechtsphilosoph Thomas Gutmann aus Münster. Es sei der Verdienst der Kirchenväter gewesen, die christliche Theologie früh an die griechische Philosophie und das römische Reich anzubinden, so der Forscher am Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Uni Münster. So konnte das Christentum beispielsweise Begrifflichkeiten des Rechts und der Moral über viele Jahrhunderte formen, aber auch christlich umformen. Heute sei das anders. Denn den Kirchen laufen hierzulande die Leute davon und die gelebte Religiosität tritt in den Hintergrund oder wandert ins Private ab. Gerade in der Auseinandersetzung mit rechtlichen Fragen, die unser Zusammenleben definieren, lasse sich deutlich erkennen, dass viele Termini ihre christliche Interpretation verloren haben.

Würde des Menschen

Eine Ausgabe des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland Foto: Jens Kalaene dpa/lbn

Das Grundgesetz - Fundament der Gesellschaft

Als Beispiel nennt der Rechtsphilosoph Gutmann den Begriff der Menschenwürde, so wie er ins Grundgesetz Eingang gefunden hat und in der Rechtsprechung angewendet wird. Es stimme, dass die Vorstellung einer Gottebenbildlichkeit eine ist, die auf alle Menschen zutreffe mit ihrem egalitären Ansatz. Diese Vorstellung – mit einigen Einschränkungen - sei schon im Christentum entwickelt worden, sagt Thomas Gutmann. Doch in einer weltanschaulich pluralen Gesellschaft müsse sich die Rechtsprechung von religiösen Modellen lösen, um für alle Menschen anwendbar und erklärbar zu bleiben. Daher hätten sich die Väter und Mütter des Grundgesetzes 1949 auch für eine liberale Vorstellung entschieden, wie sie sich spätestens seit dem 17. Jahrhundert in Unterscheidung zum Christentum entwickelt habe, so Gutmann.

Christen bleiben hinter eigenen Ansprüchen zurück

In Fragen der Homosexualität oder der Gleichheit von Mann und Frau bleiben christliche Deutungsmuster bisweilen hinter den eigenen Erwartungen ihrer Botschaft zurück und werden dadurch unbrauchbar. In den USA geht das sogar soweit, dass eine konservativ-christliche Mehrheit dort für die Todesstrafe und gegen eine allgemeine Krankenversicherung streitet. Hierzulande ist der Bereich des Sozialen nach wie vor Kerngebiet des Christentums. Gesellschaftlich am stärksten spürbar wird das durch die beiden christlichen Sozialkonzerne Caritas und Diakonie. Mit ihren etwa eine Million hauptamtlichen Mitarbeitern sind sie der zweitgrößte Arbeitgeber nach dem Staat.

Ein Pfleger hält im Alten-und Pflegeheim die Hand einer Bewohnerin. Foto: Oliver Berg Bildfunk

Für Benachteiligte, Schwache, Kranke, Alte da sein - ein wichtiger Wesenszug des christlichen Glaubens

Nächstenliebe wird groß geschrieben

Bis in die Politik hinein habe das Christentum in Deutschland mit der Idee des Wohlfahrtsstaates und sozialer Wertmuster Akzente gesetzt, sagt der Rechtsphilosoph Thomas Gutmann aus Münster. "Begriffe wie Arbeit, Armut, Familie, Solidarität, Verantwortung oder auch Subsidiarität sind sehr stark christlich geprägt und wir haben immer wieder Fenster gehabt bis in die Frühzeit der BRD, in denen Formen bestimmten christlichen Denkens relativ ungefiltert Einfluss auf die Politik nehmen konnten – und das nicht zum Schlechteren für unser Land." Zu nennen sind hier beispielhaft die Rentenreform, das Betriebsverfassungsgesetz, also das Mitspracherecht der Arbeitnehmer oder der Lastenausgleich für Kriegsopfer.

Allerdings ist Nächstenliebe oder Solidarität kein Alleinstellungsmerkmal der Christen. Vielmehr könnte das "Christliche Abendland" gerade was das konkrete Verhalten im Alltag angeht noch viel vom Islam lernen, sagt Professor Gutmann. Die Haltung der Muslime während des Ramadans hinsichtlich des Fastens und der sozialen Werke sei beeindruckend.

Säkulare statt religiöse Deutungsmuster

Prof. Thomas Gutmann ***ACHTUNG: Bild nur zur Berichterstattung über Prof. Thomas Gutmann und/oder die Uni Münster verwenden!!!*** Auf dem Bild: Der Rechtsphilosoph Prof. Thomas Gutmann, Forscher am Exzellenzcluster Religion und Politik der Uni Münster. Foto: Julia Holtkötter

Prof. Thomas Gutmann

Trotz der weltweit zunehmenden religiösen Debatten über Religiosität und ihren Einfluss auf und in die verschiedenen Gesellschaften, warnt Rechtsphilosoph Gutmann vor einer ungefilterten Übernahme weltanschaulicher Ansichten für politische und gesellschaftlich relevante Fragestellungen. Die Neutralität des Rechts und der gesellschaftlichen Ansprüche müsse unbedingt gewahrt bleiben. Das bedeute aber keineswegs eine gänzliche Ablehnung allen Christlichen, so Gutmann. Fakt ist: Das Christentum hat Deutschland und Europa über Jahrhunderte geprägt. Daher erschlössen sich zahlreiche Zugänge zur westlichen Kultur nur über das Christentum. 2000 Jahre hinterlassen eben Spuren – auch wenn vieles von dem, was landläufig noch als christlich bewertet wird, längst diese Verbindungen und Deutungen verloren zu haben scheint. Das gilt übrigens auch für Weihnachten, Ostern und Pfingsten.

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