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Afrika

Alles außer Politik - "Pressefreiheit" in Tunesien

Wenn es um Politik oder Probleme geht, haben die Journalisten in Tunesien schlechte Karten. Es gibt eine Menge roter Linien, die nicht überschritten werden dürfen. Von "Pressefreiheit" kann keine Rede sein.

Plakat von Tunesiens Präsident Zine al-Abidine Ben Ali auf einer Hauswand (Foto: DW)

Überall präsent: Tunesiens Präsident Zine al-Abidine Ben Ali

In der Altstadt von Tunis kennt sich Asma Ridane aus. Sie weiß, wo sich in dem Labyrinth aus belebten Gassen und versteckten Hinterhöfen die Schmuckverkäufer befinden, was sich hinter den reich verzierten Türen der alten Gebäude verbirgt und wo hier im Sommer die Festivals stattfinden. Asma Ridane ist in Tunis aufgewachsen und arbeitet als Kulturjournalistin für die französisch-sprachige Zeitung "Le Renouveau". Dass die 26-Jährige ausgerechnet über Kunst und Kultur berichtet, ist kein Zufall. "Das ist der Bereich, in dem man in Tunesien am meisten Freiheit hat", sagt sie.

Eine Reihe von Tabu-Themen

Blick durch ein Fenster auf die Altstadt von Tunis (Foto: DW)

Eingeschränkter Blick auf die Welt

Die junge Journalistin würde für die regierungsnahe Zeitung "Le Renouveau" gerne auch über andere Themen schreiben als über Bücher, Filme und Festivals. Doch das sei gar nicht so einfach, sagt sie. "Es gibt vieles, worüber wir nicht berichten", meint Asma Ridane. "Nicht über alleinerziehende Mütter, nicht über Homosexuelle, nicht über unterdrückte Männer oder Arbeitslose - da gibt es eine ganze Reihe von Tabu-Themen."

Von "Pressefreiheit" kann in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Staat keine Rede sein. Dabei gilt Tunesien in vielen anderen Bereichen als ausgesprochen fortschrittlich - vor allem im Vergleich mit anderen arabischen Ländern. In der Bildung, in der Wirtschaft, in der Armutsbekämpfung und auch in Fragen wie der Gleichberechtigung von Männern und Frauen kann das Land beachtliche Erfolge vorweisen.

Feind der Pressefreiheit

Mit der Wiederwahl von Staatspräsident Zine El Abidine Ben Ali im Oktober 2009 hatten viele darauf gehofft, dass sich der Staat auch in Sachen Pressefreiheit öffnet. Schließlich kann sich der Präsident auf ein offizielles Wahlergebnis von knapp 90 Prozent berufen. Doch der 73-Jährige will die Zügel nicht locker lassen - aus Sorge vor Machtverlust, vermuten Experten. Denn sein Nachfolger steht noch nicht fest. Die Nichtregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" zählt Ben Ali zu den 40 größten Feinden der Pressefreiheit weltweit. Auf der Rangliste der Pressefreiheit rangiert Tunesien gerade einmal auf Platz 154 von 175 Ländern. Selbst für arabische Verhältnisse ist das kein gutes Ergebnis.

Mit der Zensur hat auch Mounir Suissi seine Erfahrungen gemacht. Gewisse Grenzen dürften nicht überschritten werden, sagt der Journalist aus Tunis: "Die roten Linien in Tunesien sind die gleichen wie in anderen arabischen Ländern", meint Mounir Suissi. "Erstmal das Staatsoberhaupt: Jede schlechte Nachricht über den Präsidenten geht zu weit. Auch Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Pressefreiheit gehören zu den roten Linien, die nicht überschritten werden dürfen."

Ungewöhnliche Freiheiten

Porträt der tunesischen Journalistin Asma Ridane (Foto: DW)

Asma Ridane arbeitet als Journalistin in Tunis

Der Journalist genießt etwas mehr Freiheiten als seine Kollegen: Er arbeitet als Korrespondent für die Deutsche Presse-Agentur dpa. Seit Mounir Suissi für die ausländische Nachrichtenagentur tätig ist, hat er mit den tunesischen Behörden gute Erfahrungen gemacht. "Sie respektieren mich und sie helfen mir", erzählt Mounir Suissi. "Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht wollen sie damit zeigen, dass es in Tunesien Journalisten gibt, die ganz frei arbeiten können." Er sei sehr froh, dass er für eine große Nachrichtenagentur wie dpa arbeiten könne. "Früher habe ich für verschiedene staatlichen Medien gearbeitet - das ist etwas ganz anderes", sagt Mounir Suissi.

Kritische Berichterstattung ist in Tunesien alles andere als selbstverständlich, obwohl sich die journalistische Ausbildung durchaus sehen lassen kann. Hamida El Bour unterrichtet Journalismus an der Universität in Tunis - nach denselben Methoden wie in Europa: "Unsere Studenten berichten investigativ, machen Interviews, und sie lernen, nach journalistischen Standards zu schreiben", sagt die Dozentin. "Es gibt universelle Regeln, wie man eine Geschichte schreibt, recherchiert, alle Seiten berücksichtigt. Das gibt es in allen Universitäten, und wir machen das auch so, mit den gleichen Büchern und Unterrichtsmaterialien."

Angst und Selbstzensur

Anwenden können die Nachwuchsjournalisten ihr Wissen allerdings nur sehr begrenzt. Selbst wenn es keine Zensur gibt, hätten viele Journalisten eine Schere im Kopf, sagt dpa-Korrespondent Mounir Suissi: "Alle tunesischen Journalisten unterziehen sich der Selbstzensur. Jeder Journalist hat Angst. 'Wenn ich das schreibe, komme ich ins Gefängnis. Oder die Polizei verfolgt mich.' Oder, oder, oder."

Asma Ridane gibt sich erst einmal mit den Kultur-Themen zufrieden. Denn wenn sie sich um die Politik kümmert, weiß sie von vornherein, dass sie nicht die Information bekommt, die sie sich wünscht. "Das politische Leben in Tunesien ist sozusagen tabu", meint Asma Ridane. "Wenn man eine Pressekonferenz eines Ministers besucht, wird man nie das Recht haben, empfindliche Themen anzusprechen - Themen, über die wir in den tunesischen Medien nicht berichten."

Autorin: Anne Allmeling
Redaktion: Dirk Bathe