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Alltagsdeutsch – Podcast

Allergien

Ob Pollen, Tierhaare oder Hausstaub - viele Menschen reagieren auf bestimmte Stoffe allergisch. Dann tränen die Augen, der Gaumen juckt und der Hals schwillt an. Gerade im Frühling haben die meisten die Nase davon voll.

Sprecherin:

Eigentlich sollten sich Herrchen oder Frauchen ja freuen, wenn sie so liebevoll von Bello oder Mieze begrüßt werden, aber leider wird die Liebe zum Vierbeiner bei immer mehr Menschen von einer neuen Volkskrankheit überschattet: der Allergie.

Eine Frau:

"Also, ich war ziemlich baff, als ich das das erste Mal gemerkt hab’, ich hatte nämlich tierischen Schnupfen, also mir lief die Nase und ich musste andauernd niesen. Die Augen haben mir getränt, und dann war schon bei mir der Verdacht, das könnte ’ne Allergie sein. Ich bin dann halt zu meinem Arzt gegangen, der dann herausgefunden hat, dass diese Allergie halt ’ne Katzenallergie war. Ja, jetzt sitze ich ein bisschen in der Bredouille, weil ich nicht weiß, was ich machen soll, weil ich hänge so sehr an diesem Tier. Ich will’s nicht weggeben, aber wenn wir nichts finden, dann muss ich mich leider von ihr trennen. Meine arme Katze, die jetzt alles ausbaden muss."

Sprecherin:

Die Hauskatze gehört zu den beliebtesten Vierbeinern in Deutschland. Rund 5,6 Millionen Katzen leben in deutschen Haushalten, ungefähr ebenso viele Menschen reagieren äußerst allergisch auf Katzenhaare. Und die Tierhaarallergie ist nur eine von vielen. Heuschnupfen, Pollenallergie, Hausstauballergie, Milbenallergie, Sonnenallergie oder Nahrungsmittelallergie: Fast jeder vierte Deutsche ist davon betroffen. Tendenz steigend. Rund 25 Millionen Menschen leiden hierzulande an Überempfindlichkeit gegen irgendwelche Stoffe; etwa die Hälfte hat Heuschnupfen, ein Viertel Asthma.

Eine Frau:

"Oh ja, da kann ich ein Lied davon singen. Jedes Jahr im Frühjahr, wenn sich die anderen auf den Sommer freuen, kann ich einpacken. Ich hab eine Heuschnupfenpollenallergie. Im letzten Jahr begann es bereits im Februar. Wenn dann die ersten Blüten blühen, ich hätte am liebsten eigentlich alles betoniert, Plastikblumen ohne Duftstoffe. Im Sommer, wenn’s dann ganz schlimm ist, wenn ich nicht mehr aus den Augen gucken kann, wenn ich aussehe wie ein Zombi, wenn alles juckt, also nicht nur die Nase und der Gaumen und die Augen, sondern auch die Ohren und der Hals und ich bekomme keine Luft, und wenn ich dann Niesanfälle bekomme, bis zu 50 Niesattacken, ganz laut, ganz unangenehm. Man kann sich in der Öffentlichkeit manchmal gar nicht blicken lassen, ja, manchmal möchte ich dann am liebsten die Flinte ins Korn werfen und mir einfach nur wünschen, es gäbe auf der ganzen Welt keine einzige Polle."

Sprecher:

Die heimliche Volkskrankheit Allergie: Betroffene können ein Lied davon singen, sie können ausführlich von ihren schlimmen Erfahrungen berichten. Manchmal sind sie angesichts der Beschwerden so verzweifelt, dass sie am liebsten die Flinte ins Korn werfen würden, sie möchten mutlos den Kampf aufgeben. Schon die Römer benutzen die Wendung "die Lanze wegwerfen", wenn keine Aussicht auf Erfolg im Kampf bestand. Seitdem es Gewehre gibt, hat dann so mancher Soldat die Flinte, das Gewehr, im Kornfeld verborgen, um sich als Zivilist zu tarnen und der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Auf dem Schlachtfeld kommt man eben schnell in die Bredouille. Diese Redensart haben die Franzosen im 19. Jahrhundert in Deutschland eingeführt. Bredouille bedeutet Schlamm, und wer da festsitzt, hat große Problem wieder herauszukommen, er befindet sich in einer sehr unangenehmen Lage. Vielleicht kommt er gar zu dem Schluss, dass er einpacken kann. Er gibt auf. Dieser Begriff stammt aus dem 17. Jahrhundert und ist der Hausierersprache entnommen. Der Händler musste sein Ware wieder einpacken und erfolglos von dannen ziehen, wenn ihm niemand etwas abkaufte.

Sprecherin:

Wer es wohl ausbaden musste, wenn der Händler schlecht gelaunt nach Hause kam, weil er nichts verkauft hatte, wer also die Schuld für den Misserfolg auf sich nehmen musste?! Den Ausdruck etwas ausbaden verdanken wir dem früheren Brauch, dass mehrere Leute hintereinander das gleiche Bad benutzten. Der letzte musste dann das schmutzige Wasser ausgießen und die Wanne säubern. Vielleicht war der ein oder andere ziemlich baff, sehr überrascht, wenn es ihn traf. Baff ist ein lautmalerisches Wort, das man schon im 17. Jahrhundert benutzte. Es erinnert an einen Schuss, der das Wild aufschreckt. Baff sind auch immer wieder Menschen, die plötzlich entdecken, dass sie eine Allergie haben:

Ein Mann:

"Ich habe am Wochenende ein wunderbares Essen genossen, es war sehr lecker: Spaghetti Vongole, also Nudeln mit Muscheln. Und zwei, drei Stunden später, auf einmal, brach es im wahrsten Sinne des Wortes, aus mir heraus, und ich musste mich dann übergeben und zunächst war es natürlich unklar, woran es gelegen hat, aber bei einem Gespräch mit meiner Schwester stellte sich heraus, dass sie eine Muscheleiweißallergie hat. Ich war total baff, dass es so etwas gibt."

Ein Mann:

"Sobald ich in einen rohen Apfel beiße, schwillt mir der Hals von innen zu, ich bekomme Atemnot, keine Luft mehr, das ging schon so weit, dass ich den Notarzt kommen lassen musste. Und seitdem mache ich halt einen ganz großen Bogen um Äpfel."

Eine Frau:

"Leider bin ich ziemlich gebeutelt, ich hab nämlich zwei Allergien, erst war’s nur ’ne Sonnenallergie und jetzt hat sich herausgestellt, dass ich auch noch ne Katzenallergie habe. Viele denken ja, das ist ein Kinkerlitzchen, das bisschen Schnupfen, aber bei mir ist das schon sehr ausgeprägt."

Ein Mann:

"Ja, ich selber habe noch nie an Allergien gelitten. Man muss sicher dran glauben, und dann kriegt man sie auch. Das Theater, was um Allergien gemacht wird, halte ich mindestens für stark übertrieben. Wir haben auch immer so Kinder zu Besuch, da heißt es dann, die dürfen keine Kuhmilch, die dürfen keine Erdbeeren, kann ich auch immer nicht beurteilen, was dann wohl passiert, wenn sie doch mal Erdbeeren essen. Dieses Gejammer geht mir total auf den Zeiger."

Sprecherin:

Bagatellisieren wie dieser Herr es tut, kann man die Allergien schon lange nicht mehr, denn die Betroffenen sind in ihrem Wohlbefinden stark beeinträchtigt. Fachleute definieren eine Allergie als "Reaktion des Immunsystems auf körperfremde Stoffe, Allergene". Entsteht eine Allergie, so wird die Substanz Histamin, ein Gewebehormon, freigesetzt. Sie verursacht unangenehme Symptome, die allergiegeplagten Menschen nur zu gut bekannt sind: die Augen tränen und schwellen zu, der Gaumen juckt, sie müssen häufig niesen, die Nase läuft ununterbrochen. Allergiker können sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr schlafen, oft fallen sie bei der Arbeit aus, und in schweren Fällen sind Asthmaanfälle sogar lebensbedrohlich. Damit nicht genug: Wer einmal eine Allergie hat, bekommt meist noch eine zweite: "Kreuzallergie" nennen Mediziner dieses Phänomen.

Ein Mann:

"Ich hab’ im wahrsten Sinne des Wortes die Nase voll."

Sprecher:

Gesundheit! Der arme Mensch ist aber ganz schön gebeutelt, er muss sehr leiden. Allergien sind eben wirklich nicht nur Kinkerlitzchen, Kleinigkeiten. Ein Ausdruck der vom französischen "quincaille", Flitterkram, Tand abgeleitet wurde. Wer weiß, dass er gegen bestimmte Lebensmittel allergisch ist, kann einen Bogen um sie machen, er kann sie meiden. Pollen allerdings kann man nicht so leicht aus dem Weg gehen. Wer die umständliche Prozedur auf sich nimmt, jeden Tag seine Bettwäsche zu wechseln und die Haare zu waschen, hat meist schnell die Nase voll davon, es reicht ihm, er will nicht mehr. Diese Wendung stammt aus der Gaunersprache und erinnert daran, dass Gefangene früher mit Schlägen auf die Nase zusätzlich bestraft wurden. Eine ähnliche Bedeutung hat: es geht ihm auf den Zeiger, es nervt ihn, er will nichts mehr damit zu tun haben.

Sprecherin:

In den Industrienationen, in Europa und Nordamerika, sind Allergien viel verbreiteter als in den Entwicklungsländern. Die meisten Mediziner führen das auf die so genannte "Urwaldhypothese" zurück, die der Direktor der Münchner Haut- und Allergieklinik Dr. Johannes Ring in den 80-er Jahren des 20. Jahrhunderts aufstellte: Bedingt durch zunehmende Hygiene und zahlreiche vorbeugende Impfungen muss das Immunsystem nicht mehr gegen Parasiten kämpfen und lässt seine Abwehr daher auf Unschuldige los. Es kommt also gewissermaßen aus Langeweile auf abwegige Gedanken. Ob diese Hypothese stimmt, ist nicht bewiesen, und den Betroffenen ist diese Frage eh nicht so wichtig. Sie interessiert viel mehr: Wie kann ich mein Leiden loswerden? Ein Allheilmittel gibt es bis heute nicht, dafür aber jede Menge unterschiedlicher Therapien. Die klassische Schulmedizin tritt den Kampf gegen Allergien mit einer Fülle von Medikamenten an, allem voran Cortison. Heilpraktiker schwören auf pflanzliche Mittel:

Eine Frau:

"Die Mittelchen, die man so in der Apotheke kriegt, für die man immer so schön Werbung gemacht hat - "ein schöner Sommer ohne Heuschnupfen" - das nützt überhaupt nichts, das ist Jacke wie Hose, also da kann ich auch gerade ein Glas Wasser trinken."

Ein Mann:

"Ja, also ich hab's schon versucht mit Desensibilisierung, aber irgendwo ist es halt ein riesiger Aufwand, weil man muss halt ein halbes Jahr Tests über sich ergehen lassen. Das war mir dann zu blöde, jetzt muss ich halt in den sauren Apfel beißen."

Ein Mann:

"Der Kinderarzt untersucht zum Beispiel auch meine Tochter dauernd auf Allergien, kommt dann immer mit so einem riesigen Zettel mit 64 Farbfeldern mindestens an, die da auf den Arm gepresst werden müssen, kriegt er sicher auch einen Haufen Geld für, aber es ist bislang noch nie was bei rausgekommen."

Eine Frau:

"Ich hab’ schon mehrere Therapien ausprobiert, bin aber mit keiner so recht weitergekommen. Es gab mal ein Jahr, da hat die Eigenblutbehandlung tatsächlich geholfen, aber im Moment scheint es so, dass ich tatsächlich auch Cortison haben muss. Viele Therapien sind meiner Meinung nach auch Augenwischerei, und meinen Arzt habe ich einmal schon ganz schön zur Minna gemacht, als ich keuchend ankam und ihn gebeten hab, angefleht habe, mir Cortison zu geben, und er fing wieder mit einer Bluthomöopathie oder sonstigen Therapie an. Ja, und daraufhin hab ich‘s dann gerade noch mit Hängen und Würgen ins Krankenhaus geschafft, die mich dann auch gleich dort behalten haben, um mich medikamentös korrekt einzustellen. Das war ’ne Woche, etwa, wo ich flach lag und dann noch ein paar Tage, bis ich mich so halbwegs erholt hatte. Also, ich hab’ läuten hören, das ist jetzt so meine letzte Hoffnung, dass es da ein neues Mittel geben soll, was so aus Pflanzen hergestellt wird, und das will ich jetzt noch mal ausprobieren."

Sprecher:

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt ein altes Sprichwort, und deswegen sind Allergiker bereit, einen Haufen Geld, also eine Menge Geld, zu investieren, wenn sie von neuen Wundermitteln hören. Oft sind diese allerdings nutzlos. Ob man das eine oder andere Mittelchen schluckt, ist Jacke wie Hose, es ist egal, es macht keinen Unterschied. Diese Formulierung geht von der Annahme aus, dass Jacke und Hose in der Regel aus dem gleichen Stoff genäht sind. Wer Augenwischerei betreibt, der hindert jemanden daran, klar zu sehen, er verwirrt ihn, er gaukelt ihm etwas vor. So einen Betrüger sollte man eigentlich zur Minna machen, man sollte mit ihm schimpfen, ihn anbrüllen und fertig machen. Abgeleitet ist diese Redenart aus dem Jiddischen: "Meanne sein" bedeutet, demütigen, peinigen. So ist übrigens auch die grüne Minna zu erklären, der grüne Gefängniswagen der Polizei.

Sprecherin:

Der ein oder andere Gauner ist der grünen Minna bestimmt schon mit Hängen und Würgen entkommen, also mit knapper Not, mit großer Mühe. Bei dieser Formulierung stand die Vorstellung Pate, dass Delinquenten am Galgen aufgehängt und qualvoll erwürgt wurden. Wer etwas läuten hört, ist nur unvollständig unterrichtet. Die Redensart zielt auf Glockengeläut, dessen Herkunft schwer zu bestimmen ist, weil der Wind die Klänge verweht. Manchmal muss man in den sauren Apfel beißen, man muss etwas Unangenehmes tun, sich mit Selbstüberwindung zu etwas zwingen, um einen Vorteil zu erhalten. Logischerweise schmeckt ein saurer Apfel nicht gut, so erklärt sich diese Wendung von ganz allein. Man könnte auch sagen: Man muss die bittere Pille schlucken, man nimmt eine schauderhafte Medizin, um gesund zu werden. So wie diese Heuschnupfenpatientin Cortison schluckt, um beschwerdefrei zu sein:

Eine Frau:

"Ja, und als ich dann medikamentös gut eingestellt war, dachte ich, ich hab das Problem wahrscheinlich doch gar nicht mehr, dass ich Heuschnupfen habe, alles war wunderbar, im Juli habe ich dann die Medikamente etwas reduziert, aber so ganz kann man dem Frieden nicht trauen hier, es ging dann auch sehr schnell wieder los, dass ich Asthmaanfälle hatte."

Sprecherin:

Auch dieser Allergiker muss in den sauren Apfel beißen und sich täglich einer verhassten Tätigkeit widmen:

Ein Mann:

"Bisweilen könnte ich mir absolut den Gnadenstoß geben, denn diese tägliche Putzerei aufgrund meiner Hausstauballergie, und jedes Mal geht es mir dann dermaßen beschissen, also irgendwie hab ich eigentlich schon die Schnauze voll damit. Meine Nase geht zu, meine Bronchien gehen zu, ich krieg Atemprobleme und das alles drum und dran. Vor allen Dingen, wenn ich dann in der Wohnung bleibe, das dauert dann immer ein paar Stunden, bis es wieder vorbei ist.

Allergikern kann man nur wünschen, dass sie irgendwann ihren Frieden vor den aggressiven Reizstoffen finden. Die Hoffnung jedenfalls sollte man nie aufgeben, dass man seine Allergie eines Tages doch noch los wird.

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