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Kultur

Alleinerziehende Frauen in Marokko

Vor fünf Jahren sah es aus wie ein Sieg der Frauen über die islamistischen Konservativen in Marokko. Das Familienrecht wurde geändert - aber offenbar nur auf dem Papier.

Verschleierte Frauen gehen durch ein Tor in der marokkanischen Stadt Taroudan (Quelle: picturealliance)

Frauen ohne Mann haben es hier besonders schwer

Monatelang haben Frauenrechtlerinnen auf den Straßen von Marokkos Hauptstadt Rabat gegen das veraltete Familienrecht demonstriert. Schließlich konnten sie König Mohammed VI. überzeugen: Er stimmte 2003 den Reformen zu - und das Parlament schnürte ein großes Paket neuer Gesetze, das vor allem den Frauen mehr Rechte zusprach: Polygamie wurde eingeschränkt und ist nur noch mit der Zustimmung der Ehefrau möglich. Die Zwangsverheiratung von Minderjährigen wurde verboten. Und die Frau bekam sogar das Recht, sich scheiden zu lassen. Doch heute, fünf Jahre später, zeigt sich, dass der Kampf gegen die verkrusteten Strukturen der islamischen Gesellschaft immer noch andauert.

"Die fühlen sich völlig verloren"

Eine Kinderkrippe im Herzen der marokkanischen Hafenstadt Casablanca. Die Babys Achmed und Louay liegen in ihren Holz-Bettchen mit hellblauen Gitterstäben. Daneben spielen zwei größere Kinder auf Krabbelteppichen mit bunt angemalten Rasseln. Eine Frau füttert ein Kind mit Brei, eine andere schaut ihr dabei zu, gibt ihr Tipps. Die 56-jährige Fatima bildet hier in der Krippe Frauen zu Kindergärtnerinnen aus. Sie gehört zum Verein Insaf, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich um alleinerziehende Frauen zu kümmern. Jedes Jahr beanspruchen bis zu 80 verzweifelte Mütter die Hilfe des Vereins. Sie sind entweder ungewollt schwanger oder haben ihr Kind schon irgendwo heimlich auf die Welt bringen müssen. Fatima muss die Frauen zunächst regelrecht aufbauen, wenn sie hier um Hilfe bitten. "Die fühlen sich völlig verloren", sagt Fatima, "sie werden von ihrer Familie und der Gesellschaft abgelehnt und wissen nicht, was sie machen sollen."

Frauenrechtlerinnen in Marokko (Quelle: (AP Photo/Jalil Bounhar)

Frauenrechtlerinnen in Marokko

Nach wie vor ist es in Marokko gesetzlich und nach der islamischen Religion verboten, vor der Hochzeit Geschlechtsverkehr zu haben. Also werden die Frauen von ihren Familien verstoßen. Sie verlieren ihre Arbeit, finden sich oft auf der Straße wieder.

Von der Familie verstoßen

So ging es auch Sama Khouribga. Sie war ungewollt schwanger, bekam jedoch zunächst Unterstützung von ihrer Schwester, die sie bei ihr wohnen ließ. Die wollte allerdings, dass Sama ihr Kind direkt nach der Geburt weggibt, doch Sama wollte das Baby behalten. So musste sie sich schnell eine neue Bleibe suchen, bevor der Ehemann der Schwester die Schwangerschaft bemerkt hätte. Über eine Freundin hatte Sama von dem Verein in Casablanca erfahren und so ist sie bei Insaf gelandet. Ihr Sohn Noé wurde im November 2007 geboren. Mittlerweile wohnt sie in einem eigenen kleinen Appartement, macht aber bei Insaf noch eine Ausbildung zur Buchhalterin. Ihr Sohn bleibt so lange in der Krippe.

Es geht nicht immer so gut aus für alleinerziehende Mütter. Jedes Jahr werden mehr als 200 tote Babys in den Straßen von Casablanca gefunden. Die Frauen haben Angst vor den Konsequenzen ihrer verbotenen Schwangerschaft. Nabila Tbeur, die Direktorin von Insaf, kennt diese Konsequenzen. Und erzählt von den teilweise absurden Gesetzen, mit denen Frauen vor allem auf dem Land zu tun haben: "Wenn eine Frau vor dem Gericht Klage gegen den Vater erhebt, dann wird sie verurteilt zu einer Gefängnisstrafe zwischen zwei Monten und zwei Jahren. Sogar wenn die Frau vergewaltigt worden ist, kann sie ins Gefängnis gesteckt werden und muss ihr Kind dann dort zur Welt bringen."

Weniger Fälle von Polygamie

Immerhin: Es gibt auch Fortschritte für die Frauenrechte in Marokko. 2007 zählte das Justizministerium zum Beispiel wesentlich weniger Fälle von Polygamie im Land: Rund 860 Männer haben eine zweite Frau geheiratet. Im Jahr 2000 waren es noch doppelt so viele. Jede Zweithochzeit muss nun von einem Richter genehmigt werden. Auch die Frau wird dabei angehört.

Solche Nachrichten werden zwar mit Interesse bei Insaf verfolgt, schließlich kann jede Gesetzesänderung für die Frauen mit ihren Kindern Vorteile bringen. Doch von wirklicher Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist man in Marokko noch weit entfernt, meint Insaf-Direktorin Nabila Tbeur. Sie wünscht sich, dass sich nicht nur die Gesetze, sondern endlich auch die Einstellung der Marokkaner ändert. Denn, so sagt sie, solange die Frauen von der Gesellschaft verurteilt werden, besteht kaum eine Chance, sie aus ihrem Teufelskreis zu befreien: "Selbst wenn sie eine Arbeit haben und finanziell unabhängig sind, bleibt dieser Blick, den sie nicht ertragen. Das macht sie sehr zerbrechlich!" Alles was sie wollen sei, so Nabila Tbeur, den Status einer verheirateten Frau zu erlangen - wegen der Nachbarn, aber auch um die Zuneigung ihrer Familie zurück zu gewinnen. "Also suchen sie weiterhin nach einem Mann und das Ergebnis ist oft, dass sie ein zweites uneheliches Kind bekommen und dann ist es vorbei. Meistens werden sie dann zu Prostituierten."

Schwieriger Übergang

Frauen gehen eine Straße in Marokko entlang (Quelle: DW)

Rückkehr in ein normales Leben ist nicht leicht für alleinerziehende Mütter

Damit die Prostitution nicht der letzte Ausweg für die Frauen ist, versucht Insaf, sie auf ihr Leben nach der Geburt ihres Kindes vorzubeiten. Der Verein bietet praktische Ausbildungen an, bringt vielen Frauen sogar Lesen und Schreiben bei. Aber trotz der Unterstützung fallen viele Frauen wieder in ein tiefes Loch, sobald sie das Haus des Vereins verlassen haben. Auch die 22-jährige Sama ist sich bewusst, dass sie gerade in einer schwierigen Übergangsphase steckt. Denn in wenigen Monaten wird ihre Ausbildung bei Insaf beendet sein. Und sie weiß, dass es auch für ihren Sohn Noé dann nicht leicht wird. "Wenn er groß ist, wird er erfahren, wie er geboren worden ist, und dass meine Familie ihn abgelehnt hat. Mein Bruder wollte nicht mal wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist." Früher ist Sama jedes Wochenende zu ihrer Familie nach Hause gefahren. Jetzt hat sie ihre Eltern seit einem Jahr nicht mehr gesehen.

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