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Politik

Allein unter Autos

Fahrradfahren ist in Brüssel das reinste Abenteuer: Weil es bis vor wenigen Jahren praktisch keine Radfahrer gab, fehlt den Autofahrern jedes Verständnis für die zweirädrigen Fortbewegungsmittel und ihre Fahrer.

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Brüssel kann sich mit einem weiteren Titel schmücken: Stadt des Klimapakets. Hier haben die Staats- und Regierungschefs beim jüngsten Gipfel beschlossen, mehr für den Klimaschutz zu tun.

Nicht dass ich das als zusätzlichen Anreiz fürs tägliche Radfahren gebraucht hätte. Mir springt nur dabei der Gegensatz zwischen den politischen Entscheidungen und der Realität ins Auge.

Undisziplinierte Autofahrer

Christoph Hasselbach (Quelle: DW)

Christoph Hasselbach

Ich bin wirklich nicht empfindlich. Köln und vor allem London haben mich als Radfahrer ganz schön abgehärtet. Aber hier fährt man in einer anderen Liga. Es sind gar nicht die fehlenden Radwege, die gibt es in London auch nicht. Es sind vor allem fehlende Disziplin und schlichtweg mangelndes Verständnis der Autofahrer. Einfach weil es bis vor wenigen Jahren praktisch keine Radfahrer in Brüssel gab.

Eine Brüsseler Eigenart sind beispielsweise die überall vorherrschenden Rechts-vor-Links-Regelungen. Eigentlich ist die Regel ja ganz klar. Nur, setz das mal als Radfahrer durch, wenn du selbst Vorfahrt hast. Mein Vater sagte mir mal: "Wenn Du querschnittsgelähmt bist, ist es Dir egal, ob du Vorfahrt hattest." Ein weises Wort.

Zögern gilt als Schwäche

Also fahre ich defensiv. Allerdings wird einem hier das geringste Zögern so ausgelegt, dass man auf seine Vorfahrt verzichten möchte. Das führt ständig zu Missverständnissen und damit leicht zu Unfällen. Noch hatte ich zum Glück keinen.

Dann machen immer wieder Autofahrer am Straßenrand ohne zu gucken die Tür auf, so dass man tunlichst einen weiten Abstand halten sollte. Das wiederum ärgert die hinter einem fahrenden Autofahrer, die nicht überholen können.

Keine Blinker in Brüssel

Man darf zwar als Radfahrer in fast allen Einbahnstraßen in die Gegenrichtung fahren, aber damit rechnet niemand. Immerhin blickt man dem herannahenden Feind ins Auge, bis der dann im letzten Augenblick eine heftige Lenkbewegung nach rechts macht - von ihm aus gesehen, meine ich.

Geparkt wird sowieso auf allem, was nicht stein- und pollerfest ist, was zum Beispiel Einbiegungen unübersichtlich macht. Die Polizei lässt das gleichgültig. Und die Erfindung des Blinkers ist in Brüssel in Vergessenheit geraten - woher soll ich denn wissen, dass der Idiot abbiegt und mir den Weg abschneidet?

Autofrei ist auch nicht besser

Bei solchen Klagen fällt mir dann aber der letzte autofreie Sonntag in Brüssel ein. Ein Paradies für Radfahrer? Keineswegs. Zehntausende Gesinnungsgenossen haben sich auf den Straßen gedrängt. Das war wie Peking vor 20 Jahren, nur ohne die Erfahrung der Chinesen! Einfach furchtbar, ich war hinterher völlig fertig, Klimaschutz hin oder her.

Also, dann doch lieber weiter wie bisher. Nur den Helm, den muss ich mir endlich mal besorgen.

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