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Mexiko

Alle zwei Stunden verschwindet in Mexiko ein Mensch

Seit 2006 sind in Mexiko mindestens 30.000 Menschen verschwunden. Die Situation hat sich unter der gegenwärtigen Regierung weiter verschärft. Auch die Polizei ist in viele Fälle verwickelt.

Vor sechs Jahren verschwand Israel, der Sohn von Luz Mari Duran. Er war gerade dabei, Pflanzen auszuliefern. Sein Bruder sah, wie Israel von einer Polizeipatrouille erst gejagt, dann verhaftet und in einem Zivilfahrzeug weggefahren wurde. Die Familie wandte sich an die Polizei, aber sein Name war nirgendwo registriert. Die Mutter - sie betreut eine Kinderkrippe in Nuevo León -  ist verzweifelt: "Wo ist er? Einige sagen, dass die Leute vom Kartell ihn getötet und dann in Säure geworfen haben. Aber ich hoffe noch, dass er lebt", sagt sie.

Seit der ehemalige Präsident Felipe Calderon im Jahre 2006 den Krieg gegen die Drogenkartelle ausrief, sind nach offiziellen Angaben etwa 30.000 Menschen in Mexiko verschwunden. Das katholische Hilfswerk Misereor weist darauf hin, dass laut UN-Schätzungen die tatsächliche Zahl viel höher sein könnte.

Mexiko City Demonstranten anlässlich Jahrestag der verschwundenen Studenten (picture-alliance/AP Photo/E. Verdugo)

Proteste gegen das Verschwinden von 46 Studenten in Ayotzinapa

Ohne Leiche keine Straftat

"Der Kampf gegen den Drogenhandel dient als Vorwand, und es kann jeden treffen", sagt Catharina Köhler, Mexiko-Referentin bei Misereor: "Die meisten der Verschwundenen sind junge Männer, aber es gibt auch junge Frauen unter den Opfern. Sie werden missbraucht, zur Prostitution gezwungen. Es verschwinden auch Migranten, Journalisten und Aktivisten." Die Betroffenen werden entführt, willkürlich festgenommen, gefoltert oder hingerichtet. Sogar Polizisten und Behördenvertreter können Opfer der Entführungen werden, wenn sie der falschen Seite angehören, so Köhler.

Angehörige und Freunde der Verschwundenen würden vom Staat allein gelassen und sozial ausgegrenzt, sagt die Referentin. Selbst wenn ein Verbrechen nachgewiesen werden könne, drohe den Tätern selten eine Strafe. Weniger als fünf Prozent der Fälle enden in einer Verurteilung, so Köhler. Die Strafverfolgung wird umgangen, indem man die Leiche entweder verbrennt oder in Säure auflöst; die Behörden argumentieren, dass es ohne Leiche auch keine Straftat gäbe. Laut Schätzungen verschwinden in Mexiko jeden Tag zwischen 10 und 13 Menschen.

Das große Problem der Straflosigkeit

Sergio Aguayo, Politologe am unabhängigen Forschungsinstitut "Colegio de Mexico", arbeitet seit 40 Jahren über die Gewalt in Mexiko und hat im Jahre 2015 eine Studie über zwei Massaker veröffentlicht, die die Öffentlichkeit in Mexiko erschütterten: Im Jahr 2010 ermordete das Drogenkartell der "Zetas" in San Fernando im Bundesstaat Tamaupilas 72 Migranten, die meisten von ihnen Zentralamerikaner. Im Jahr 2011 massakrierte dasselbe Kartell etwa 300 Menschen in Allende im Bundesstaat Coahuila. In beiden Fällen gab es bis heute keine Verurteilungen. Das Buch von Sergio Aguayo zu den beiden Massakern trägt den bezeichnenden Titel "Die Hilflosigkeit".

Mexiko Polizei (picture-alliance/dpa/M.Guzman)

Die mexikanische Polizei spielt bei Entführungen oft eine dubiose Rolle

Aguayo meint, dass der mexikanische Staat keine Strategie hat, um der Gewalt im Land Herr zu werden: "Es gibt einen Maßnahmenkatalog, um die großen Bosse zu ergreifen und die Kartelle zu zerschlagen, aber das bedeutet nicht, dass damit die Gewalt aufgehalten werden kann. Dafür brauchen wir eine umfassende und regional abgestimmte Strategie, die wir leider nicht haben."

Waffenhandel mit den USA

Laut Aguayo gab es 2009 in Mexiko neun große Drogenkartelle. Die Beratungsfirma "Lantia" schätzt die Zahl der kleineren Kartelle auf 250. Jedes dieser Kartelle agiere anders, je nach Charakter ihres Chefs. Die größeren Kartelle verfügen im Gegensatz dazu über eine "professionellere Methodik". Gerade von den kleineren Kartellen ginge aber, so Aguayo, eine höhere Gewaltbereitschaft und Unberechenbarkeit aus.

Aguayo betont, dass die Gewalt in Mexiko viele Ursachen hat und nicht effektiv bekämpft werden kann, solange es in Mexiko keine rechtsstaatlichen Normen gibt und das Problem der weitverbreiteten Korruption nicht gelöst wird. Aber auch die Vereinigten Staaten würden laut Aguayo zu wenig gegen Waffenhandel und Geldwäscherei tun. "Trump beschuldigt uns die Ursache seiner Probleme zu sein. Natürlich spielt Mexiko dabei eine Rolle, aber es ist beleidigend und unzutreffend, nicht anzuerkennen, dass die USA ihrerseits eine Mitverantwortung für die Gewalt in Mexiko tragen."

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