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"Alle Opfer werden ausgeblendet"

Der Co-Pilot von Flug 4U9525 soll Germanwings eine Erkrankung verheimlicht haben. Er wird für den Tod von 150 Menschen verantwortlich gemacht. Der Psychologe Rudolf Egg spricht im DW-Interview über mögliche Motive.

Video ansehen 03:38

Gespräch mit Isabella Heuser, Psychologin an der Berliner Charité

DW: Herr Egg, die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat bekannt gegeben, dass der Co-Pilot von Flug 4U9525 am Tag des Unglücks eigentlich krank geschrieben war und trotzdem flog. Überrascht Sie das?

Rudolf Egg: Wenn das stimmt, dann überrascht mich das nicht. Es würde jedenfalls ins Bild passen, dass es sich hier um einen Menschen gehandelt haben könnte, der in einer tiefen seelischen Krise steckte, als er Suizid begangen hat.

Welches Krankheitsbild kann denn vorliegen, wenn jemand dann nicht nur Selbstmord begeht, sondern 149 Menschen mit sich in den Tod reißt?

Da gibt es sicher kein einheitliches Bild, und im Nachhinein eine Art psychologische Autopsie zu machen geht natürlich auch nicht. Man hat ja nur Anhaltspunkte und Mutmaßungen. Man kann es vergleichen mit anderen Fällen, die zwar eine wesentlich geringere Zahl von Opfern hatten, bei denen man es aber möglicherweise mit einer ähnlichen Persönlichkeitsproblematik zu tun hatte.

Frankreich Seyne-les-Alpe Germanwings Absturzstelle Trümmer (Photo: REUTERS/French Interior Ministry)

Die Absturzstelle vom Flug 4U 9525 ist ein Trümmerfeld

Also etwa Autofahrer, die sich bewusst als Geisterfahrer auf die Autobahn begeben. Dann handelt es sich eben um jemanden, der nicht nur in einer schweren seelischen, depressiven Krise steckt, sondern der auch nicht mehr nach rechts und links blickt. Für den die Welt und die Werte dieser Welt in dem Moment nicht mehr gelten.

Also ein Amokläufer?

Damit würde ich das nicht gleichsetzen. Ein Amokläufer verspürt Hass gegen seine ermordeten Opfer und hat vielleicht ein Hochgefühl in den letzten Momenten seines Lebens, dass er sie alle umgebracht hat. So etwas würde ich hier nicht annehmen, sondern eher ein Ausblenden der Wirklichkeit und eine Fokussierung auf dieses eine: mein Leben, meine Welt hat kein Ziel mehr, ich scheide jetzt aus. Und alle Opfer werden ausgeblendet.

Das wäre dann eine spontane Entscheidung zur Tat? Oder geht dem eine Planung voraus?

Möglicherweise eine Kombination aus beidem. Bei vielen Suizidanten geht der Tat eine längere Phase des Hoffens, des Zweifelns und schließlich des Verzweifelns voraus. Und dabei spielen natürlich auch die Gedanken eine Rolle: wie mache ich das? Und wann mache ich das? Der letzte Entschluss zur eigentlichen Tat kann dann aber wieder spontan sein, etwa als Wahrnehmung einer günstigen Gelegenheit.

Prof. Dr. Rudolf Egg (Photo: KRIMZ)

Erklärungsversuche: Der Psychologe Rudolf Egg

Und so etwas könnte bei dem Co-Piloten eine Rolle gespielt haben. "Jetzt bin ich allein im Cockpit und kann die Tür verschließen, jetzt kann mich niemand mehr aufhalten."

Gibt es überhaupt eine Chance, so etwas im letzten Augenblick noch zu verhindern?

Die Regel, dass künftig immer zwei Personen im Cockpit sein sollten, ist vernünftig. Aber wenn jemand wirklich Suizid begehen möchte, dann kann er auch das vermutlich umgehen. Deshalb muss man das jetzt sehr gründlich analysieren. Was ich befürchte, ist, dass wir einen sogenannten "Werther-Effekt" erleben. Die Diskussion um Suizid und Prävention wird leider oft als aufwühlend erlebt von Menschen, die in einer solchen Krisensituation sind oder schon einmal waren. Und die könnten das als verstärkt bedrohend und beängstigend erleben. Und dann Suizid begehen.

Gilt dieser Effekt auch für den "erweiterten Suizid"? Es gibt im Internet Seiten, auf denen Amokläufer heroisiert werden. Kann das potentielle Täter motivieren?

Das könnte der Fall sein. Bei den Schul-Amokläufern ist das ganz gut empirisch belegt, dass es solch eine Vorbildfunktion gibt. Aber der mutmaßliche Selbstmordattentäter oder wie auch immer man ihn nennen will im Fall der Germanwings-Maschine dürfte doch einer anderen Kategorie zuzurechnen sein.

Schweigeminute NRW Germanwings (Photo: REUTERS/Ina Fassbender)

Freunde und Angehörige leiden oft darunter, ein Tatmotiv nicht zu kennen.

Bei Schul-Amokläufen gibt es Hass auf Mitschüler und Lehrer. Ich gehe nicht davon aus, dass der Co-Pilot aus Hass auf die Flugpassagiere gehandelt haben könnte.

Glauben Sie denn, dass wir seinen möglichen Motiven noch näherkommen werden?

Das denke ich schon. Wenn sich bewahrheitet, dass er schon in psychiatrischer Therapie war, dann muss es ja Krankenakten geben. Dann kann man Einsicht nehmen und versuchen, das zu analysieren. Ich denke auch, dass die Hinterbliebenen der Opfer ein berechtigtes Interesse daran haben. Sie wollen erfahren, was diesen Mann dazu gebracht haben könnte, ihren Sohn, ihre Tochter, ihren Freund mit in den Tod zu reissen.

Der Psychologe Prof. Dr. Rudolf Egg leitete bis 2014 die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden, eine Forschungseinrichtung des Bundes und der Länder.

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