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Politik

Alle gegen Guido W. - eine Medienkritik

Außenminister Westerwelle provoziert gern – so hat er als Oppositionschef die FDP vorangebracht. Auch als Deutschlands höchster Diplomat spitzt er zu und polemisiert - und hat plötzlich fast alle Journalisten gegen sich.

Symbolbild Fernschreiber Berlin mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund (Foto: DW)

Es gibt etwas, das sollten Journalisten möglichst nie tun: Andere Journalisten kritisieren. Denn merke: Journalisten teilen sehr gern aus, können aber schlecht einstecken. Werden sie mal kritisiert, ist ganz schnell die Meinungsfreiheit bedroht.

Deshalb eine Vorbemerkung, eine Art Schutz in eigener Sache: Auch ich finde, dass Außenminister Guido Westerwelle von der FDP bei seiner harschen Kritik am deutschen Sozialstaat, vor allem an den über sechs Millionen Beziehern von staatlicher Sozialunterstützung - Hartz IV - übertrieben hat mit seinem Bemerkungen über "spätrömische Dekadenz" und "anstrengungslosen Wohlstand". Aber ich bin schon erstaunt, in welch illustrer und vor allem großer Gesellschaft ich dabei bin.

Das Pressecho: Eine Katastrophe

Nur ein kurzer Blick in die Zeitungen vom Donnerstag (25.02.2010): Westerwelle habe "aus purem Eigeninteresse die Menschen aufeinandergehetzt und die gesamte Regierung dem Verdacht ausgesetzt, sie wolle rücksichtslos den Sozialstaat schleifen" wie "Der Tagesspiegel" berichtete. Seine Äußerungen seien "in der Sache krude und entsprechen dem Zerrbild eines Marktradikalen" meint die "Badische Zeitung". Und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" immerhin zetert nicht selbst, sondern lässt prominent über den Vize-Kanzler schimpfen: Die Bundeskanzlerin persönlich bescheinigt ihrem Vize in einem Interview, einer sachlichen Debatte über die Zukunft des Sozialstaats eher geschadet zu haben. Starker Tobak.

Am Freitag (26.02.) ging es weiter: Westerwelle erscheint in den heiligen Hallen der Bundespressekonferenz und stellt sich den Hauptstadtjournalisten, von denen er längst annimmt, dass sich die meisten von ihnen gegen ihn verschworen haben. Das Thema nun: Die Verlängerung des Bundeswehr-Mandats in Afghanistan, kurz zuvor im Bundestag beschlossen. Westerwelle ist bemüht, nach Tagen der Aufregung den Staatsmann zu geben. Von Verantwortung für Deutschland ist die Rede, für Sicherheit und Frieden. In der anschließenden Fragerunde wollen dann auch zur Erleichterung des Ministers viele Pressemenschen etwas zum Thema Krieg und Frieden wissen - aber viele fragen eben auch zur Kontroverse mit der Kanzlerin und den Medien. Ein Journalist fragt, ob Westerwelle jetzt der deutsche Jörg Haider werden will - also dem verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten nacheifert. Aber diesmal bleibt Westerwelle cool, antwortet sachlich und ohne Revanchefouls - vielleicht hat er doch erkannt, dass er irgendwann mal verbal abrüsten muss.

Schwerer Stand in der Pressekonferenz

Dennoch: Es liegt Würze in der Luft, Aggressivität vielleicht sogar. Seit Wochen hat Westerwelle eine katastrophale Presse – und hier im Saal der Bundespressekonferenz wird deutlich, dass das viel mit seiner Person und den Journalisten zu tun hat. Westerwelle ist extrovertiert, kann prahlen und übertreiben, weiß um die Wirkung von Gesten und Mimiken - er findet sich wichtig, zweifellos. Er ist also so wie sehr viele Journalisten. Anders gesagt: Unfreiwillig hält der Bundesaußenminister Dr. Guido Westerwelle, Vorsitzender der FDP, uns Journalisten den Spiegel vor. Und das mögen wir nicht.

Und außerdem ist Westerwelle ein gefundenes Fressen für die Medien. Stets formuliert er ein paar Umdrehungen zu viel: Das Verhältnis zur Kanzlerin ist "blendend", nicht einfach nur gut. Hat er Fehler gemacht in den letzten Wochen? Eigentlich nicht.

Sie sind sich so ähnlich, die Pressemenschen und der Minister. Daraus kann keine Liebe entstehen....

Autor: Jens Thurau
Redaktion: Nicole Scherschun