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Europa

Alkoholstreit in Portugal

Portugal will Jugendlichen unter 18 das Trinken verbieten. Geplant ist auch ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen ab zwei Uhr morgens. Doch der Unmut in der Bevölkerung ist groß.

Je später es wird, desto mehr ist los: Der Jardim de Santos, ein kleiner Park, unten am Fluss, gleich neben der Straße des 24. Juli, ist ein Hotspot im Nachtleben der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. An einem Freitagabend, weit nach Mitternacht, sind alle Bänke besetzt. Menschentrauben stehen unter den blühenden Bäumen. Es ist laut, Flaschen in Tüten und Plastikbecher machen die Runde, es wird viel getrunken und geraucht. Normalität in einer Freitagnacht.

Mit einem Konsum von fast 13 Litern Alkohol pro Kopf und Jahr liegen die Portugiesen in der EU auf einem Spitzenplatz. Da könnte etwas Mäßigung nicht schaden, scheint die Regierung zu denken und will die Gesetze verschärfen. An Jugendliche unter 18 Jahren soll kein Alkohol mehr verkauft werden dürfen. Und mit dem Trinken unter freiem Himmel bis zum Morgengrauen soll ebenfalls Schluss sein.

Trinken im Freien verärgert Anwohner

Manuel Cardoso vom Suchtinstitut SICAD (Foto: DW/Jochen Faget)

Manuel Cardoso vom Suchtinstitut SICAD hofft auf den Erziehungseffekt des neuen Gesetzes

"Wir wollen die Zeit des Trinkens auf öffentlichen Straßen und Plätzen verringern," erklärt Manuel Cardoso, der stellvertretende Chef der portugiesischen Drogen- und Suchtbehörde SICAD. Ab zwei Uhr morgens soll es nach dem neuen Gesetzentwurf damit vorbei sein. Vor allem im Altstadtviertel Bairro Alto häufen sich die Klagen der Bürger über nächtliche Lärmbelästigung und Schmutz auf den Straßen. Kein Wunder - ab Frühling wird in Portugal vorzugsweise an der frischen Luft gefeiert und getrunken. Dagegen etwas zu unternehmen sei jedoch nicht leicht, sagt Gesundheitswächter Cardoso.

"Es macht Spaß, man vergnügt sich und trifft Freunde", findet dagegen die 18-jährige Daniela. Mit ihren Freunden steht sie im Santos-Park um einen kleinen Tisch voll Plastiktüten und Discounter-Wodkaflaschen. "Wir werden hier noch etwas bechern, bevor wir weiterziehen. Vielleicht in eine Bar, vielleicht in eine Diskothek." Immer am gleichen Ort zu feiern gilt als uncool, für Lissabonner Nächte gibt es feste "Fahrpläne": Vorglühen in einem der Parks oder einer der vielen Kneipen. Dann ab in die Disco und später, sprich im Morgengrauen, wieder auf die Straße, wenn's denn noch geht.

Kein Alhohol unter 18

Im "All Saints", der Bar gegenüber, geht es derweil besonders laut zu. Pedro und seine Clique sind auf ihrem Zug durch die Kneipen, jetzt soll es weitergehen. Sie alle sind 16 und finden gar nicht gut, was ihre Regierung plant. "Überhaupt keinen Alkohol für Jugendliche unter 18, das ist doch hirnrissig", schimpft Pedro. Keine harten Drinks - die sind schon jetzt verboten -, das sei ja noch okay. Aber wieso sollte den 16- bis 18-Jährigen jetzt auch noch ein Bierchen oder ein Gläschen Sangria am Abend verboten werden?

Jugendliche im Jardim de Santos (Foto: DW/Jochen Faget)

Jugendliche im Jardim de Santos beim feuchtfröhlichen Trinkgelage

"Wir streben eine Gesetzesänderung an, weil das alte Gesetz ganz offensichtlich nicht unsere Botschaft vermitteln konnte", erklärt Manuel Cardoso vom SICAD. Und die sei eine einfache: Alle Arten von Alkohol seien gesundheitsschädlich, eben auch Bier oder Wein. Und junge Menschen schadeten sie nachweislich mehr als Erwachsene. Also: Kein Alkohol an Jugendliche unter 18! Das soll Signalwirkung haben, alte Trinkgewohnheiten ändern, nach denen auf dem Land früher sogar Kindern Suppen mit Alkohol "zur Stärkung" gegeben wurden. Vor allem, weil das Trinkverhalten der jungen Portugiesen sich beunruhigend verändert. Früher sei ein Glas Wein zum Essen üblich gewesen, heute werde sporadisch, dann aber heftig getrunken. Komasaufen am Wochenende eben.

Trinkgewohnheiten ändern sich nicht einfach

Wirt Sérgio Serrano (Foto: DW/Jochen Faget)

Wirt Sérgio Serrano will nicht, dass Kneipen zum Sündenbock gemacht werden

"Wenn wir keinen Alkohol mehr an Jugendliche unter 18 ausschenken dürfen, hoffe ich nur, dass das auch für den Verkauf in Supermärkten und Tankstellen gilt, die auch nachts geöffnet sind", wettert Sérgio Serrano, Wirt der Kneipe "Prohibition". Alkoholkonsum sei ein kulturelles, nicht ein strafrechtliches Problem und die Barbetreiber Lissabons dürften nicht zu Sündenböcken gemacht werden. Da stimmt ihm übrigens auch Manuel Cardoso zu. Das Trinkverhalten könne nur durch Aufklärung und Erziehung verändert werden, Verbote seien sowieso nur schwer durchsetz- und kontrollierbar. Und da sei Portugals neues Alkoholgesetz, dessen Verabschiedung schon für die nächsten Monate erwartet wird, nur ein Anfang.

Auf dem Santos-Platz ist es inzwischen fast drei Uhr geworden, noch immer angenehm warm und unangenehm laut. Der 16-jährige Pedro und seine Clique sind längst weg. Daniela und ihre Freunde haben sich inzwischen auf dem Rasen niedergelassen, die letzte Wodkaflasche kreist. Noch gut 100 Personen feiern. Ein älterer Polizist, der seinen Namen nicht nennen will, geht mit seinem Kollegen Streife durch den Park. Er müsse weiter ins Viertel Bica, dort gehe es gerade noch höher her. "Aber dass das alles nur aufhört, nur weil ein neues Gesetz gemacht wird, glaubt doch niemand", sagt der Mann und schüttelt den Kopf.

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